Das Callcenter von nebenan


Das Leipziger Start-up colpari will mit seiner Plattform die Callcenter-Welt für andere Jungunternehmer zugänglicher machen, mit Hilfe von besserer Bezahlung für die Mitarbeiter und persönlichem Service. Wagniskapitalgeber halten sich bisher zurück, deswegen soll nun ein neues Geschäftsmodell her. 

Für viele technologiegetriebene Start-ups gilt: Erst den eigenen Marktanteil so hoch wie möglich treiben und dann auf die Profitabilität zu schauen. Ein gutes Beispiel hierfür sind die App-Entwickler für Lieferdienste, die weltweit in den vergangenen zehn Jahren aus dem Boden geschossen sind. Es hat sich gezeigt, dass deren Geschäft meist erst dann profitabel ist, wenn ein Markt nur noch von einem Anbieter bedient wird. 

Risikokapitalgeber suchen deswegen – im Gegensatz zu Banken – vor allem nach solchen schnell skalierbaren Geschäftsmodellen. Das führt dazu, dass Unternehmen, die zwar solide wirtschaften, aber kein rasantes Wachstum versprechen, im Kampf um diese Gelder ins Hintertreffen geraten können.

Dieses Problem kennt Oliver Farr nur zu gut. Er und seine drei Mitgründer Daniel Alex-Laese, Frank Fricke und Rene Rost haben 2019 colpari gegründet, ein Unternehmen, das es jungen Start-ups ermöglichen will, eigene Service-Abteilungen für ihre Kunden aufzubauen. Dazu vermittelt colpari ihnen über die hauseigene Plattform Freiberufler, die in dem Bereich arbeiten wollen. So können sich junge Firmen zum Beispiel ein eigenes Callcenter aufbauen, ohne einen der großen Dienstleister zu beauftragen. Das war zumindest das Geschäftsmodell bis dato.

Der freiberufliche Mitarbeiter bekommt bis zu 30 Euro die Stunde

Farr kennt sowohl die Welt der Callcenter als auch die der Start-ups. Früher arbeitete er für Konzerne im Kundenservice, dann beriet er Leipziger Start-ups in dem Bereich. „Meine Mitgründer haben ähnliche Biografien, da erschien es uns logisch, für genau diese Dienstleistung ein Unternehmen zu gründen“, sagt er.

Viele der Gründer, die Farr in Leipzig kennenlernten, fanden das Konzept der etablierten Callcenter-Firmen unpassend. Vor allem die Tatsache, dass sie dort kein festes Team erhalten, schrecke sie ab, meint er. Colpari vermittelt deshalb Freiberufler an Unternehmen, die dann ein festes Serviceteam für die Kunden sein sollen. Bezahlt wird wahlweise nach Minute oder nach Ticket, letzteres vor allem, wenn der Kundenservice nicht primär über das Telefon, sondern über E-Mails läuft. Colpari streicht pro gearbeiteter Minute eine Gebühr ein. Eine Minute Service kostet dabei mindestens 85 Cent, 50 Cent davon bekommt der freiberufliche Mitarbeiter. Das macht einen Stundenlohn von 30 Euro. „Für die Schulung erhalten sie ebenfalls eine einen festen Stundensatz, was in der Branche, für die selbstständigen Mitarbeiter, nicht üblich ist“, sagt Farr. 

Seit Mitte 2020 steht dieses Konzept fest und colpari konnte einige Kunden gewinnen. Unter anderem nutzt eine Kosmetikfirma das Angebot des Start-ups. Auch ein Technologieartikel-Anbieter setzt auf colpari. Das Modell sei beliebig erweiterbar, sagt Farr. Grundsätzlich gelte: Je größer der Personalbedarf der Klienten, desto besser, man sei in einem Volumengeschäft. „Ich habe früher bei Ebay gearbeitet, da haben weit über 300 Leute im Kundenservice gearbeitet, theoretisch könnten wir das mit unserem Modell auch leisten“, so Farr.

Das Start-up will künftig weniger Call-Center und mehr Tech-Unternehmen sein

Colpari ist mit seinem aktuellen Modell bereits profitabel. Doch weil das Start-up weiter wachsen will und dafür mehr Geld braucht, sieht es sich gezwungen, sein Geschäftsmodell grundlegend zu überarbeiten. Tatsächlich stoßen Unternehmen wie colpari in der Wachstumsphase oft an Grenzen. Denn Wagniskapitalgeber schauen meist vor allem auf eines: schnelles Skalierungspotenzial. Da hilft es nur begrenzt, wenn das Geschäftsmodell bereits früh profitabel ist. 

Die Leipziger wollen daher noch in diesem Jahr die ersten Schritte vom Kundenservice-Dienstleister zum Softwareunternehmen gehen, nicht nur Freiberufler vermitteln, sondern auch die eigenen Computerprogramme zur Verfügung stellen. „Unternehmen stecken sehr viel Zeit und Geld in Ihre Service-Organisation. Sie müssen Infrastruktur und Administration bereitstellen sowie Experten beschäftigen“, erklärt Farr: „Mit unserem Customer-Service-Betriebssystem haben Unternehmen eine zentrale Anlaufstelle, um Ihre gesamte Service-Organisation zu gestalten und aufzusetzen.“ So will das Start-up es schaffen, bereits in zwei bis drei Jahren als Technologieunternehmen wahrgenommen zu werden.

Der Vorteil einer Software-as-aService-Firma: Das Geschäft hat meist ein rapideres Wachstum, mehr Investoren werden aufmerksam. Klappt alles so, wie es sich Farr und seine Kollegen vorstellen, wäre der Callcenter-Markt am Ende wirklich revolutioniert. Jede Firma könnte nämlich ihr eigenes aufsetzen.


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