Ich will nicht nach Berlin

Berlin ist Deutschlands Fintech-Hauptstadt. Doch einige Gründer entscheiden sich bewusst gegen den Standort. Jamal El Mallouki ist einer davon. Warum? 

Die Fakten sind so erdrückend, dass man eigentlich nicht von einem Kampf sprechen kann. Berlin bleibt auch 2020 die Fintech-Hauptstadt Deutschlands. Sowohl bei der Anzahl der Start-ups als auch beim ausgegeben Risikokapital habe Berlin noch immer einen deutlichen Vorsprung, so fassen es die Autoren der aktuellen Fintechstudie der Comdirect es zusammen. 300 der 900 deutschen Fintechs sitzen in der Hauptstadt, 1,8 Milliarden Euro an Wagniskapital flossen allein 2020 dorthin. 

Was sich schon in den vergangenen Jahren zeigte, bleibt auch im Coronajahr 2020 so, wenn auch sich ein „aber“ eingeschlichen hat. Erstmals ist Berlin kleiner als die drei anderen großen Standorte München, Frankfurt und Hamburg zusammen. Das zeigt, dass der Vorsprung schrumpft, wenn auch nur minimal. Frankfurt hingegen wirkt ein wenig abgeschlagen, nur Platz 4 belegt es im Comdirect-Ranking. 

Dass es sich als Fintech in Frankfurt aber gut aushalten lässt, beweist seit einiger Zeit Jamal El Mallouki. Er halte es bei der Frage nach der Stadt mit der deutschen Band Kraftklub, die schon sang: „Ich will nicht nach Berlin“. In den vergangenen Monaten konnte El Malloukis Fintech CrowdDesk so schnell wachsen wie nur wenige andere, die Mitarbeiterzahl schoss nach oben. Das liegt zum einen daran, dass das Start-up 2015 sein Businessmodell umgestellt hat, zum anderen liegt es eben auch ein bisschen an Frankfurt. 

Mainz passte als Stadt einfach nicht

Sein erstes Start-up gründete El Mallouki noch in Mainz, nur um festzustellen, dass das alles nicht klappen würde, wie er sich das vorgestellt hatte. Über „LeihDeinerStadtGeld.de“ wollte er Kredite der Stadt an Privatanleger herausgeben, kleiner Zinssatz dazu, klang alles nach großem Potenzial. Der große Erfolg aber blieb aus und so wechselte das Team 2015 den Ansatz, bietet heute eine White-Label-Lösung für Crowdfinanzierungen aller Art an. 

Aus LeihDeinerStadtGeld wurde CrowdDesk und schnell war klar: Mainz, das passt als Stadt einfach nicht. „Persönlich wäre ich gerne in Mainz geblieben, viele Freunde leben dort, die Familie sowieso. Aber die Stadt hat zu wenig geboten.“ Zu wenig Förderung gab es ihm zufolge in Mainz, zu unattraktiv sei die Stadt für Fachkräfte im Finanzbereich gewesen und auch an Wagniskapitalgebern mangelte es, erinnert sich El Mallouki. Schade sei das, erzählt der Gründer mit den kurzen Locken und der dunklen, runden Brille. „Es war eine rein wirtschaftliche Entscheidung.“

El Mallouki stand vor der großen Frage: Geht es jetzt nach Berlin? Doch die Entscheidung fiel am Ende gegen die Hauptstadt, gerade weil CrowdDesk viel mit Banken und anderen Finanzinstituten zu tun habe. Entsprechend sei die Nähe zu den großen Geldhäusern in Frankfurt viel eher gegeben als beispielsweise in Berlin, sagt El Mallouki. Auch bei der Frage nach den Mitarbeitern spielte es eine Rolle, in welchem Umfeld sich CrowdDesk bewegt. „Für unsere Themen braucht es finanzaffine, spezialisierte Mitarbeiter, die wir so in Berlin schwieriger bekommen hätten als in Frankfurt”, sagt er. In der Metropole am Main sei das kein Problem: Knapp 3.000 Bewerbungen sind bei ihm bis zum vergangenen Jahr eingegangen. 

Für Fintechs bietet Frankfurt einige Vorteile

Hinzu kam 2015, dass es allerlei Möglichkeiten gab, sich auszutauschen. „Frankfurt Forward, die Wirtschaftsförderung in Frankfurt oder die CO Money: Das sind alles Gründe, warum wir Frankfurt ausgesucht haben“, sagt El Mallouki. 

Ist Frankfurt für spezialisierte Fintechs also das bessere Berlin? Ganz so rosig sieht es selbst El Mallouki nicht. Schon als CrowdDesk 2015 nach Frankfurt kam, mangelte es an Wagniskapital, der Austausch mit Risikokapitalgebern verlaufe viel schleppender als in Berlin. „Dort kennt man sich, man sieht sich, das ist hier in Frankfurt viel seltener der Fall“, sagt er. Das Start-up hat selbst darunter gelitten. Als El Mallouki und sein Team auf der Suche nach Geldgebern waren, war die Auswahl eher „dünn“, erinnert sich der CrowdDesk-Gründer. 

Zumindest das absolute Volumen an Investments in Frankfurt bleibt auch 2020 weit hinter der Konkurrenz aus Berlin zurück. Flossen zu Fintechs in der Hauptstadt 1,8 Milliarden Euro, waren es für die Frankfurter Fintechs gerade einmal 42 Millionen Euro. 

El Mallouki würde sich daher wünschen, dass wesentlich mehr Initiative von der Stadt Frankfurt ausgeht, dass mehr Raum für Start-ups und speziell Fintechs entsteht und auch Gründerinitiativen gefördert werden. Dazu bräuchte es auch mehr Initiativen aus dem universitären Umfeld. „Der Fintech-Schwerpunkt ist von der Stadt noch nicht genug gelebt“, sagt er. Also doch nach Berlin? „Nein, tauschen würde ich niemals.“ 


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