Per App gegen psychische Erkrankungen

Seit Dezember 2020 gibt es Apps auf Rezept. Doch um als Gesundheitsanwendung offiziell gelistet zu werden, müssen Start-ups viele Anforderungen erfüllen. Einblicke in zwei junge Firmen, die sich ausgerechnet im hochsensiblen Bereich der Psychologie behaupten wollen.

Die Psyche leidet. Nicht erst seit der Corona-Pandemie, sondern schon lange vorher. Zwischen 2010 und 2020 stiegen die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen in Deutschland um 56 Prozent, so der aktuelle Psychreport der Krankenkasse DAK. Doch auf einen Therapieplatz warten Betroffene oft Monate.

Es ist eine Lücke, die es so gar nicht in Deutschland geben dürfte. Weil aber psychische Erkrankungen zunehmen und es gleichzeitig zu wenig Therapieplätze gibt, werden die Wartezeiten immer länger. Das scheint wie gemacht für Start-ups, die mit digitalen Anwendungen Patienten kurzfristig helfen können. Nur sich dauerhaft am Markt zu behaupten, fällt vielen jungen Unternehmen schwer. 

Neben frei verfügbaren Apps, die für Hilfe bei psychischen Verstimmungen werben, gibt es seit Dezember 2020 für Patienten auch die Möglichkeit, auf eine Digitale Gesundheitsanwendung (DiGa) zu setzen, die ein Arzt per Rezept verschreibt. Wer auf die Liste kommt, entscheidet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Um eine solche Leistung anbieten zu dürfen, müssen Start-ups innerhalb von drei Monaten die Einhaltung von Standards wie Datenschutz und Tauglichkeit für Nutzende nachweisen. Dann sind sie vorläufig aufgenommen. 

Für den Status „dauerhaft” müssen sie eine randomisiert kontrollierte Studie zur Wirksamkeit ihres Angebots vorlegen. Spätestens an diesem Punkt scheitern viele Start-ups. Zwischen Mai 2020 und Januar 2021 zogen 25 Hersteller einer DiGa ihren Antrag auf Aufnahme ins Verzeichnis der Bundesregierung wieder zurück, da sie nicht ausreichend die Qualität, Funktion oder den Datenschutz nachweisen konnten. 

Hanne Horvath gehört zu den Gründerinnen, die aktuell versuchen, alle Voraussetzungen für die dauerhafte Aufnahme ins Verzeichnis zu erfüllen. Sie startete ihr Vorhaben im Dezember 2020 mit ihrem Start-up HelloBetter, jetzt läuft der Prüfprozess. HelloBetter hat ein breites Angebot von zehn Online-Programmen, die Menschen mit beispielsweise Depressionen, Angststörungen oder Burnout unterstützen. Erfolgreich ist das Start-up auch ohne Listung: „Unsere Nutzerzahlen haben sich im letzten Jahr verdreifacht“, erzählt die Psychologin Horvath. Einige Krankenkassen tragen schon jetzt die Kosten für die Programme.

„Wir können die Menschen oft sehr früh abholen, zu Zeitpunkten, zu denen sie noch nicht bereit sind, mit Ärztinnen oder Psychotherapeuten zu sprechen oder sich zu offenbaren“, sagt Hanne Horvath. (Foto: HelloBetter)

Was aber genau bekommen Nutzende der App? „Bei uns geht es darum, den Leuten dabei zu helfen, ihren Alltag nachhaltig zu ändern und das ist etwas, was unheimlich schwierig ist“, erklärt Horvath. Dafür beinhalten die Programme zum Beispiel Atemtechniken, Entspannungsübungen, Strategien gegen Grübeln sowie weitere Elemente aus der kognitiven Verhaltenstherapie. Außerdem gibt es ein digitales Tagebuch. Psychologen begleiten Nutzende über die Dauer des gesamten Trainings und geben nach jeder Einheit schriftliche Rückmeldung zum Fortschritt. „Das hat auch Gründe der Patientensicherheit: Wir können uns nicht nur auf das Programm verlassen, wenn es darum geht, dass sich die Beschwerden von beispielsweise Depressiven verschlimmern. Da ist menschliche Begleitung entscheidend“, sagt Horvath. Profis erkennen Warnzeichen, setzen sich mit den Betroffenen in Verbindung und bieten Hilfe an.

Die acht- oder sechswöchigen Programme sollen laut Hovarth aber nur eine Ergänzung oder Überbrückung während der Wartezeiten auf einen Therapieplatz sein und kein Ersatz. Digitale Angebote seien schnell verfügbar, in ihren Kapazitäten unbegrenzt und für Betroffene barriereärmer, da es keine Anrufe und Erstgespräche braucht. „Wir können die Menschen oft sehr früh abholen, zu Zeitpunkten, zu denen sie noch nicht bereit sind, mit Ärztinnen oder Psychotherapeuten zu sprechen oder sich zu offenbaren.“ 

Aktuell sind 15 DiGas im Verzeichnis zu finden, die Angebote in beispielsweise  Bereichen wie Kardiologie, Neurologie, Hals-Nasen-Ohren und psychischer Erkrankungen bereitstellen. 

„Wir erhalten Berichte, dass Patienten eine Art Beziehung zu den Programmen entwickelt haben“, sagt Michael Keil. (Foto: Deprexis)

Eine, der dauerhaft aufgenommenen Anwendungen, ist seit Februar 2021 das Therapieprogramm Deprexis. Das Angebot stammt vom Hersteller Gaia, der auch weitere gelistete Anwendungen im DiGa Verzeichnis entwickelt hat. Den Vertrieb übernehmen andere, im Fall von Deprexis ist es die deutsche Niederlassung des französischen Pharmaunternehmens Servier. Deprexis bietet die auch in der analogen Therapie bekannte Methode der kognitiven Verhaltenstherapie für Betroffene von Depressionen an: „Unser Programm wird von einem festen Algorithmus bestimmt. Als Nutzer beantwortet man Fragen, die sich wie ein Baum immer weiter verfeinern und individueller werden“, erklärt Michael Keil, Medical Information Senior Project Manager bei Servier. Es gibt Übungen, Audioeinspieler und das Vermitteln von Techniken für den Umgang mit depressiven Verstimmungen und Depressionen. Entscheidend für die Wirkung der Programme sei immer eine genaue Diagnose der Ärzte, betont Keil.

Das digitale Angebot von Deprexis soll vor allem ein Begleiter im Alltag werden, der unterstützt, der auch erinnert, wenn Nutzende lange keine Übungen mehr gemacht haben: „Wir erhalten Berichte, dass Patienten eine Art Beziehung zu den Programmen entwickelt haben“, sagt Keil. So wollten sie auch nach Abschluss der Behandlung weiterhin SMS und Mails erhalten, in denen beispielsweise nachgefragt wird, welche Gedanken heute positiv, welche negativ waren und wann der letzte schöne Moment war. 

Ein Problem, das sowohl Deprexis als HelloBetter und all anderen die Anwendungen haben: Sie sind nicht sonderlich bekannt. Nicht bei potentiell Nutzenden, nicht in den Praxen der Ärzte, die die DiGas auf Rezepte drucken können. Unternehmen wie Deprexis haben den Vorteil, einen Pharmakonzern im Rücken zu haben, der die Vermarktung über bestehende Kontakte übernimmt. Andere versuchen durch Werbekampagnen auf sozialen Netzwerken Bekanntheit zu erlangen: Das Berliner Start-up Selfaply zum Beispiel arbeitete erst vor Kurzem mit der Unternehmerin und Influencerin Madeleine Alizadeh zusammen, die auf Instagram für das Angebot der digitalen Therapie warb. 


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