Die Illusion der globalisierten Dienstleistungsgesellschaft
Jahrzehntelang erzählten wir uns in Deutschland eine beruhigende Geschichte: Die harte, schmutzige Arbeit verlagern wir dorthin, wo sie billig ist. Wir hingegen spezialisieren uns auf das "Gehirn" der Weltwirtschaft – auf Ingenieurskunst, komplexe Dienstleistungen, Verwaltung und Strategie. Wir dachten, wir könnten eine reine "Kopf-Ökonomie" sein, losgelöst vom physischen Schweiß der Produktion.
Doch heute müssen wir uns eine unangenehme Frage stellen: War das eine historische Fehlkalkulation?
Die letzten Jahre haben Risse in diesem Fundament offengelegt, die wir nicht länger ignorieren können. Es begann mit der Pandemie und der Energiekrise, die uns schmerzhaft lehrten, dass "Kopfarbeit" wenig wert ist, wenn die physische Basis – die Medikamente, die Chips, die günstige Energie – fehlt. Wir lernten: Resilienz ist keine theoretische Übung, sondern die harte Währung der Souveränität.
Doch der eigentliche Stresstest steht uns erst bevor.
Während wir noch über Lieferketten und Wärmepumpen diskutieren, sägt die generative Künstliche Intelligenz an dem Ast, auf den wir uns als Volkswirtschaft gerettet haben: der qualifizierten Wissensarbeit.
Wenn das Wissen zur Ware wird
Das deutsche Geschäftsmodell basiert auf der Annahme, dass komplexe kognitive Arbeit – ob in Kanzleien, Agenturen, Konstruktionsbüros oder der Verwaltung – ein dauerhaft knappes und damit teures Gut bleibt. Was aber passiert, wenn KI die Grenzkosten dieser Arbeit gegen Null drückt?
Wir sehen bereits heute, wie sich das Gefüge verschiebt. Standardisierbare Wissensarbeit – vom Vertragsentwurf, über die Buchhaltung bis zum Code-Review – wird automatisierbar. Das ist kein fernes Zukunftsszenario, sondern ökonomische Realität. Wenn eine KI Aufgaben, für die wir früher teure Experten bezahlten, in Sekunden erledigt, bricht das traditionelle Honorarmodell unserer Dienstleistungsgesellschaft weg.
Das Paradoxon dabei: Wir steuern auf eine Welt zu, in der wir zwar effizienter werden, aber gleichzeitig die Kontrolle über die Wertschöpfung verlieren. Denn die Werkzeuge für diese Effizienz – die Modelle, die Daten, die Infrastruktur – liegen nicht in unserer Hand. Wir drohen, von den "Architekten" der Globalisierung zu reinen "Anwendern" degradiert zu werden.
Das Ende des Outsourcing-Paradigmas
Vielleicht ist es Zeit, unser ökonomisches Denken vom Kopf auf die Füße zu stellen. Das Mantra der letzten dreißig Jahre lautete: "Make or Buy" – und im Zweifel "Buy", weil es billiger ist. Software einkaufen statt entwickeln. Produktion verlagern statt selbst fertigen.
Im KI-Zeitalter könnte sich diese Logik umkehren. Wenn KI die Entwicklungskosten für Software und individuelle Lösungen drastisch senkt, wird "In-Sourcing" plötzlich wieder attraktiv. Warum teure Lizenzen und Abhängigkeiten einkaufen, wenn maßgeschneiderte eigene Lösungen in greifbare Nähe rücken?
Das führt zu einer neuen Definition von Autarkie. Es geht nicht um Abschottung oder plumpen Protektionismus. Es geht um die strategische Fähigkeit, handlungsfähig zu bleiben. Ähnlich wie ein Hausbesitzer in Solaranlagen investiert, nicht um sich von der Welt abzuwenden, sondern um seine Grundbedürfnisse abzusichern, muss auch Europa lernen, kritische Fähigkeiten zurückzuholen.
Wohlstand entsteht dort, wo die Kontrolle liegt
Die Frage, die wir politisch und gesellschaftlich diskutieren müssen, ist nicht mehr: "Wie retten wir die alten Jobs?" Sie lautet vielmehr: "Wo entsteht morgen noch Wertschöpfung, die wir kontrollieren?"
Wenn menschliche Arbeit in der Routine an Wert verliert, müssen wir uns neu positionieren:
- Weg von der Abarbeitung, hin zur Orchestrierung: Der Wert liegt künftig nicht im Schreiben des Textes oder Codes, sondern in der Fähigkeit, komplexe Systeme zu steuern und Verantwortung für Ergebnisse zu übernehmen.
(vgl. Werner Vogels: Reinvent Keynote 2025) - Digitale Souveränität als Produktionsfaktor: Wir brauchen eigene Modelle, Infrastruktur und Datapools, nicht aus Nationalstolz, sondern um nicht dauerhaft Lizenzgebühren für unsere eigene Intelligenz zu zahlen.
(vgl. Frauenhofer: GAIA-X & Digitale Souveränität in Europa) - Die Rückkehr des Physischen: In einer Welt der digitalen Überflüssigkeit gewinnt das "Echte" – die physische Produktion, die verlässliche Energie, die handfeste Infrastruktur – wieder an strategischem Wert, den sie sichert die langfristige Wertschöpfung und damit Steuereinnahmen.
(vgl. Bill Gates: We should tax the robot that takes your job) - Lifestyle as an Asset: Die Kultur, von Kulinarik über Kunst bis hin zu Architektur, sind unsere historischen Errungenschaften und der vielleicht fundamentalste Asset unseres Kontinentes. Diesen gilt es zu bewahren und weiter auszubauen, denn am Ende möchten Menschen dort leben, wo es lebenswert ist. Die Nachfrage an wertvollen Momenten nimmt weiter zu.
(vgl. The Economist: The Mega Rich have a new obsession)
Wir stehen an einem Scheideweg. Wir können versuchen, den Status quo mit Subventionen und Regulierung zu konservieren. Oder wir akzeptieren, dass die Ära der reinen Dienstleistungsgesellschaft zu Ende geht, und beginnen, ein Modell zu bauen, das auf echter technologischer Souveränität und Resilienz basiert. Die Globalisierung endet nicht, aber ihre Spielregeln haben sich fundamental geändert. Sind wir bereit, sie neu zu lernen?


Newsletter
Startups, Geschichten und Statistiken aus dem deutschen Startup-Ökosystem direkt in deinen Posteingang. Abonnieren mit 2 Klicks. Noice.
LinkedIn ConnectFYI: English edition available
Hello my friend, have you been stranded on the German edition of Startbase? At least your browser tells us, that you do not speak German - so maybe you would like to switch to the English edition instead?
FYI: Deutsche Edition verfügbar
Hallo mein Freund, du befindest dich auf der Englischen Edition der Startbase und laut deinem Browser sprichst du eigentlich auch Deutsch. Magst du die Sprache wechseln?