Ulrich Scheppan, Vorstandsvorsitzender Investitionsbank des Landes Brandenburg (ILB) zur aktuellen Lage der Start-up-Szene in Brandenburg
1. Herr Scheppan, hat Brandenburg aus Ihrer Sicht genügend innovative Unternehmen? Oder müssen noch deutlich mehr entstehen?
Brandenburg hat aktuell eine deutlich stärkere Innovationsbasis, als viele außerhalb des Landes wahrnehmen. Wir sind gemeinsam mit Sachsen das gründungsstärkste ostdeutsche Bundesland und Potsdam zählt sogar zu den gründungsstärksten Städten Deutschlands. Gleichzeitig wachsen forschungsintensive Branchen wie Energietechnik, Gesundheitswirtschaft, Mikroelektronik oder Mobilität sehr dynamisch.
Aber natürlich ist Innovation ein stetiger Prozess. Wenn wir in Zukunft mehr Wert schöpfung, mehr qualifizierte Arbeitsplätze und mehr technologische Souveränität schaffen wollen, müssen weitere innovative Unternehmen entstehen. Vor allem im Bereich der industriellen Fertigung wäre das wünschenswert. Die gute Nachricht ist: Die Voraussetzungen dafür waren in Brandenburg selten besser als heute. Wir haben eine noch immer wachsende Bevölkerung, eine starke Wissenschaftslandschaft und die Nähe zur Hauptstadtregion. Und durch den Strukturwandel in der Lausitz entstehen sogar ganz neue Forschungs- und Innovationsleuchttürme, die eine gute Infrastruktur für neue Ideen und Unternehmensansiedlungen bieten.
2. Ist Finanzierung derzeit eines der größten Wachstumshemmnisse?
Das kann ich für Brandenburg in der Summe nicht feststellen. Die Finanzierung eines jungen Unternehmens ist immer ein wichtiger Faktor, aber in Brandenburg muss keine gute Idee daran scheitern. Dafür sind unsere Förderlandschaft und auch unsere Venture-Capital-Möglichkeiten entsprechend aufgestellt. Viele Start-ups haben ihre Baustellen eher im Bereich der regulatorischen Anforderungen, des Fachkräftemangels, oder beim Zugang zu internationalen Märkten.
Die finanziellen Herausforderungen liegen dann eher bei technologieintensiven Vorhaben mit langen Entwicklungszyklen. Gerade dort dauert es oft Jahre bis zu ersten Umsätzen. Für solche Unternehmen braucht es Investoren mit Geduld und Risikobereitschaft. Deshalb sehen wir als Förderbank unsere Aufgabe darin, privates Kapital zu ergänzen und Risiken in frühen Phasen mitzutragen. Dies tun wir auch sehr erfolgreich über unsere Tochtergesellschaft Brandenburg Kapital, die sich mit Venture Capital an Unternehmen beteiligt.
3. Wo sehen Sie die größte Finanzierungslücke: Gründung, Seed, Wachstum oder Scale-up?
Die größte Herausforderung liegt aus meiner Sicht inzwischen weniger in der Gründung als in der Wachstums- und Scale-up-Phase.
Für die frühen Phasen gibt es in Deutschland mittlerweile ein recht gut ausgebautes Förder- und Finanzierungsangebot, nicht nur in Brandenburg, sondern bundesweit. Herausfordernder wird es, wenn Unternehmen zweistellige Millionenbeträge benötigen, um international zu expandieren, Produktionskapazitäten aufzubauen oder neue Märkte zu erschließen. Gerade in dieser Phase sehen wir häufig, dass deutsche Unternehmen auf internationale Investoren angewiesen sind. Daher arbeiten wir vor allem mit dem Wirtschaftsministerium des Landes daran, das lokale Ökosystem weiter zu stärken.
Im vergangenen Jahr hat die Landesregierung auch mit der Gründung der sechs Start-up-Zentren gezeigt, dass das ganze Thema eine gewisse Priorität genießt. Die Zentren konzentrieren sich zwar eher auf die Seed-Phase, können dort aber schon wichtige Impulse setzen.
4. Welche besondere Herausforderung stellt Deep-Tech dar?
Deep-Tech-Unternehmen lösen oft hochkomplexe technologische Probleme. Sie entwickeln beispielsweise neue Batterietechnologien, Medizintechnik, biotechnologische Verfahren oder Quantentechnologien.
Die besondere Herausforderung für Investoren besteht darin, dass zwischen Forschungserfolg und Markterfolg häufig einige Jahre liegen können. Es müssen Patente aufgebaut, regulatorische Hürden überwunden und erhebliche Summen investiert werden, bevor überhaupt erste Produkte verkauft werden können.
Deshalb braucht Deep-Tech mehr als Kapital. Es braucht Zugang zu Forschungseinrichtungen, spezialisierte Netzwerke, unternehmerische Erfahrung und Investoren mit einem langen Atem. Genau deshalb sind die Wissenschaftsstandorte in Potsdam, Wildau, Cottbus oder Luckenwalde für Brandenburg so wichtig.
Letztlich sollten wir bei Deep-Tech auch immer an eines denken: Keine Angst vor vermeintlich sehr großen Ideen. Unser gemeinsames Ziel sollte es sein, dass Europa auch bei Zukunftstechnologien wie z. B. Quantum Computing international wieder eine ernst zu nehmende Rolle spielt. Vielleicht irgendwann mit einem Unicorn aus Brandenburg? Dafür müssen wir die Möglichkeiten schaffen.
5. Welche Rolle kann eine Förderbank spielen und wo muss privates Kapital übernehmen?
Eine Förderbank kann Brücken bauen. Wir können dort unterstützen, wo der Markt allein noch nicht trägt, etwa durch Zuschüsse, zinsgünstige Darlehen oder Beteiligungskapital.
Unser Ziel ist aber nicht, private Investoren zu ersetzen. Im Gegenteil: Öffentliche Förderung funktioniert dann am besten, wenn sie privates Kapital mobilisiert und hebelt. Die Skalierung erfolgreicher Unternehmen wird langfristig immer vor allem durch den Markt und private Investoren finanziert werden müssen.
Förderbanken können Anschub geben und schaffen zusammen mit der Politik die notwendige Infrastruktur. Für den großen Wachstumssprung braucht es dann zusätzlich Business Angels, Venture-Capital-Fonds und strategische Investoren.
6. Wie bekommt Brandenburg mehr Business Angels und Venture Capital in das Land?
Kapital folgt guten Geschäftsideen. Daher müssen wir die Sichtbarkeit des Standorts weiter erhöhen, in unsere Forschungslandschaft investieren und junge Leute zu innovativem Denken und Gründen ermutigen. Hier sind wir auf einem guten Weg. Die ILB hat im vergangenen Jahr Innovations- und Forschungsvorhaben mit 107 Millionen Euro unterstützt. Ein bisheriger Rekord für unser Haus.
Zusätzlich bringen Veranstaltungen wie die FUSION Gründer, Wissenschaft, Mittelstand und Investoren zusammen. Genau solche Plattformen brauchen wir. Wichtig ist außerdem, dass wir mehr erfolgreiche Gründungsgeschichten hervorbringen. Jeder erfolgreiche Exit zieht neue Investoren, Mentoren und Business Angels.
7. Sind öffentliche Förderprogramme inzwischen zu kompliziert?
Förderprogramme müssen sorgfältig mit öffentlichen Mitteln umgehen. Das führt zwangsläufig zu bestimmten formalen Anforderungen, die je nach Fördertopf manch mal als bürokratisch und auch kompliziert wahrgenommen werden. Daher ist es ein wichtiger Teil unserer täglichen Arbeit, Verfahren einfacher und schneller zu gestal ten. Hier laufen derzeit verschiedene Projekte mit der Landesregierung und auch in einem parlamentarischen Sonderausschuss zum Bürokratieabbau bringt sich die ILB ein.
Aus meiner Sicht ist Förderpolitik dann erfolgreich, wenn sich Gründer auf ihr Geschäftsmodell konzentrieren können und nicht auf Formulare. Da müssen wir wieder mehr hinkommen.
8. Worauf achten Sie bei Unternehmen, die Wachstumskapital benötigen?
Am Ende investieren wir immer in drei Dinge: in ein starkes Team, in einen relevanten Markt und in eine überzeugende Wachstumsstrategie. Besonders wichtig ist für uns die Frage: Welches Problem wird gelöst, und warum ist die Lösung besser als bereits bestehende Alternativen?
Darüber hinaus schauen wir natürlich auf Skalierbarkeit, technologische Differenzierung und die Fähigkeit des Managements, Wachstum zu organisieren. Gerade in Wachstumsphasen entscheidet häufig nicht die Idee über den Erfolg, sondern die Qualität der Umsetzung.
9. Was können Brandenburg und Berlin bei der Startup-Finanzierung voneinander lernen?
Berlin verfügt über eine enorme Dichte an Startups, Investoren, internationalen Talenten sowie im Management dieses Öko-Systems. Davon profitiert die gesamte Hauptstadtregion. Brandenburg bringt wiederum Stärken ein, die für viele technologieorientierte Unternehmen zunehmend wichtiger werden: verfügbare Flächen, industrielle Infrastruktur, Nähe zu Produktionsstandorten, einen sehr hohen Anteil an erneuerbarer Energie im Stromnetz und vergleichsweise günstige Kosten.
Die Zukunft liegt deshalb weniger im Wettbewerb als in der Zusammenarbeit. Die Metropolregion Berlin-Brandenburg ist gemeinsam deutlich stärker als jede der beiden Regionen für sich allein.
10. Was müsste passieren, damit in Brandenburg in den kommenden Jahren deutlich mehr große Technologieunternehmen entstehen?
Dafür brauchen wir aus meiner Sicht drei Dinge:
Erstens müssen wir den Transfer von Forschung in unternehmerische Anwendungen weiter verbessern. Brandenburg verfügt über starke Hochschulen und Forschungseinrichtungen und auch der Technologietransfer funktioniert bereits gut, übrigens auch gefördert durch die ILB. Hier liegen aber noch Potenziale.
Zweitens brauchen wir mehr Wachstumskapital für die Skalierungsphase.
Und drittens müssen wir mehr internationale Talente anziehen und auch halten. Technologieunternehmen wachsen dort besonders erfolgreich, wo innovative Ideen, Kapital und Fachkräfte zusammenkommen.
Die Voraussetzungen dafür sind vorhanden: Brandenburg ist das einzige ostdeutsche Bundesland mit kontinuierlichem Bevölkerungswachstum, die Zahl der Beschäftigten in Forschung und Entwicklung hat sich in den vergangenen Jahren verdoppelt, und wichtige Zukunftsbranchen entwickeln sich dynamisch. Darauf können wir gut aufbauen.
11. Welche drei Menschen oder Gruppen sollten sich Ihrer Meinung nach auf der FUSION unbedingt kennenlernen?
Erstens: Junge, gründungswillige Menschen aus den Hochschulen mit erfahrenen Mittelständlern. Hier entsteht oft der wertvollste Austausch.
Zweitens: Deep-Tech-Startups mit Business Angels und Venture-Capital-Investoren. Gute Technologien brauchen frühzeitig den Zugang zu Kapital und Erfahrung.
Drittens: Forschende, Unternehmen und öffentliche Förderinstitutionen. Innovation entsteht meist in Netzwerken. Dafür ist die FUSION eine ideale Plattform. Sie bringt Menschen zusammen, die aus guten Ideen im besten Fall erfolgreiche Unternehmen machen können.
Vielen Dank für das Gespräch und die spannenden Einblicke in die Entwicklung des Brandenburger Startup-Ökosystems, Herr Scheppan.
Viele aktuelle Meldungen, Hintergrundinfos und weiterführende Beiträge zum Thema findet man direkt auf der Webseite der der Investitionsbank des Landes Brandenburg.
FUSION als Treffpunkt des Brandenburger Startup-Ökosystems
Einen Beitrag zur weiteren Vernetzung des Brandenburger Startup-Ökosystems leistet auch die FUSION in Wildau. Die Veranstaltung bringt Gründerinnen und Gründer, Startups, Wissenschaft, Mittelstand, Investoren und öffentliche Förderinstitutionen zusammen und schafft damit einen Raum für Austausch über die Grenzen der einzelnen Akteursgruppen hinweg. Gerade für einen Standort wie Brandenburg, der über starke Wissenschaftseinrichtungen und wachsende Technologiebranchen verfügt, sind solche Schnittstellen relevant: Forschung und innovative Ideen müssen auf unternehmerische Erfahrung, Kapital und geeignete Netzwerke treffen, damit daraus wachsende Unternehmen entstehen können. Die FUSION versteht sich dabei als Plattform, auf der entsprechende Kontakte entstehen und bestehende Strukturen des Brandenburger Gründungsökosystems enger miteinander verbunden werden.

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