Wir brauchen nicht mehr Startups. Wir brauchen bessere Unternehmenskonzepte.
Für Startbase hat Rafael Kugel, Geschäftsführer des Reaktor.Wildau und Mitverantwortlicher der kommenden FUSION 2026, Prof. Günter Faltin zum Interview getroffen. Im Mittelpunkt des Gesprächs stehen Unternehmertum und Gründung, die Bedeutung wirklich guter Geschäftskonzepte und die Frage, welche Voraussetzungen Gründer heute brauchen, um aus einer Idee ein erfolgreiches Unternehmen zu entwickeln.
Rafael Kugel: Herr Professor Faltin, wir erleben eine Zeit, in der das Gründen fast schon zum Volkssport geworden ist. Haben Sie den Eindruck, dass heute zu schnell gegründet wird?
Günter Faltin: Da ist ein Stück weit was dran. Die Statistik ist ja ernüchternd: 80 bis 90 Prozent der Technologiegründungen sind nach fünf Jahren nicht mehr dabei. Das Problem ist oft, dass man Technologie mit einem Geschäftsmodell verwechselt. Technologie allein ist noch kein Geschäftsmodell – das muss man immer wieder laut sagen. Mein Leitsatz „Kopf schlägt Kapital“ bedeutet genau das: Man muss erst einmal die Kopfarbeit leisten, um eine Idee in ein tragfähiges Konzept zu übersetzen. Viele springen zu schnell auf den Technologiezug auf, anstatt erst einmal um die Technologie herumzulaufen und zu schauen, was man daraus machen kann.
Rafael Kugel: Sie sprechen oft vom „Spinnerfaktor“ und davon, dass man nicht nur aus der Logik der Technik denken sollte. Wie sieht dieser Prozess aus, wenn man ein wirklich robustes „Entrepreneurial Design“ entwickeln will?
Günter Faltin: Ich empfehle, spielerisch und mit einer gewissen Distanz an die Sache heranzugehen. Ein ideales Team besteht nicht nur aus Ingenieuren, die die Technik entwickelt haben. Da gehören auch menschen dazu mit einer ganz anderen Perspektive. Man braucht soziale Fantasie. Bevor man gründet, sollte man sich fragen: Was könnte aus dieser Technologie alles entstehen? Das ist eine Investition, die sich lohnt, bevor man sich in die Umsetzung stürzt.
Rafael Kugel: Wenn wir über „Deep Tech“ sprechen – also sehr komplexe, forschungsintensive Technologien –, gelten da dieselben Regeln?
Günter Faltin: Ich würde eher die Frage stellen: Ist Deep Tech wirklich das ideale Feld für Start-ups? Das gehört für mich oft in Forschungseinrichtungen oder an Universitäten. Man sollte Forschung und Gründung nicht zu arg vermischen. Es gibt zwar spektakuläre Ausnahmen, aber grundsätzlich ist es besser, in enger Zusammenarbeit mit Institutionen zu arbeiten, die nicht jede Leistung sofort in Euro und Cent berechnen müssen.
Rafael Kugel: Lassen Sie uns über KI sprechen. Sie haben das Thema als einen „Goldrausch“ bezeichnet, der um den Faktor 100 größer ist als alles, was wir bisher kannten. Verändert KI die Spielregeln für Gründer grundlegend?
Günter Faltin: Auf jeden Fall. KI ist ein hochwirksames Instrument. Ich bin erstaunt, wie kreativ sie ist – sie liefert Perspektiven, auf die man selbst gar nicht gekommen wäre. Nehmen wir ein Beispiel: Zahlungsdienstleister wie Visa oder Mastercard. Die nehmen Händlern 3 bis 5 Prozent Gebühren ab, obwohl die eigentliche Technologie dahinter nur einen Bruchteil kostet. Mit KI kann man heute eine App programmieren, die diese „Reibung“ zwischen Produzent und Kunde umgeht. Das ist ein Geschäftsmodell, das auf einer bewährten Technologie basiert, die ich nicht einmal neu erfinden muss.
Rafael Kugel: Wenn die technische Umsetzung durch KI einfacher wird, was schützt dann noch ein Start-up? Was ist der „Burggraben“, wenn die Software kopierbar ist?
Günter Faltin: Der klassische Burggraben ist schwieriger geworden. Heute spielt auch die Person des Gründers eine immer wichtigere Rolle. Man muss „Wind machen“ können, man muss die Idee in Sprache und Bilder übersetzen, die überzeugen. Kapitalgeber schauen heute zu Recht sehr stark auf die Persönlichkeit. Ich brauche einen Gründer, der für seine Idee brennt und sie als „Gesamtkunstwerk“ begreift.
Rafael Kugel: Was meinen Sie mit „Gesamtkunstwerk“?
Günter Faltin: Ein Geschäftsmodell sollte auf mehreren Beinen stehen. Wenn es nur auf einem Bein steht – etwa nur auf dem Preis –, ist es gefährlich. Wenn jemand aus China den Preis unterbietet, bricht alles zusammen. Ein robustes Konzept hat mehrere Facetten: Qualität, Design, Nachhaltigkeit, Fairtrade oder emotionale Aspekte. Je mehr Beine ein Konzept hat, desto widerstandsfähiger ist es.
Rafael Kugel: Zum Abschluss: Viele Menschen haben immer noch das Vorurteil, man müsse zum Unternehmer geboren sein. Wie sehen Sie das?
Günter Faltin: Das ist Quatsch. Das ist wie bei der Bildung: Früher hieß es auch, Bildung sei nur etwas für bestimmte Schichten. Heute ist Bildung für alle zugänglich. Unternehmererisches Denken ist etwas, das jedem Menschen eigen ist, wenn er sein sein Leben selbst gestalten will. Wir müssen das Vorurteil abbauen, dass man Ellenbogen braucht oder rücksichtslos sein muss. Wir brauchen mehr Menschen, die „etwas unternehmen“ – nicht nur im Urlaub oder in der Freizeit, sondern als Teil ihres Lebens. Das ist mein Herzensanliegen: Entrepreneurship für viel mehr Menschen zu öffnen.
Rafael Kugel: Herr Faltin, Sie werden im September auf der FUSION eine Keynote halten. Was ist für Sie der größte Nutzen solcher Konferenzen für Gründer?
Günter Faltin: Es ist wie eine wohltuende Dusche. Man ist mal mit Menschen zusammen, die sagen: „Na klar, toll!“ – anstatt ständig nur Bedenken zu hören, warum etwas nicht geht oder verboten ist. Ich freue mich darauf, dort wieder auf aufgeschlossene Leute zu treffen. Wir müssen das unternehmerisches Handeln als etwas Selbstverständliches etablieren, und solche Veranstaltungen sind der Ort, an dem man diese Energie spürt und Kontakte knüpft. Ich freue mich darauf, Sie dort in Wildau persönlich zu sehen.
Rafael Kugel: Vielen Dank für dieses Gespräch, Herr Professor Faltin.
Günter Faltin: Sehr gerne, es macht immer Spaß, über diese Dinge zu sprechen.
Das ausführliche Interview als Video
Prof. Günter Faltin zur Person
Prof. Dr. Günter Faltin gehört zu den prägenden Persönlichkeiten der deutschen Entrepreneurship-Landschaft. Der 1944 geborene Hochschullehrer baute an der Freien Universität Berlin den Arbeitsbereich Entrepreneurship auf und setzte sich bereits zu einer Zeit intensiv mit Unternehmensgründungen auseinander, als Startups noch längst kein gesellschaftliches und wirtschaftspolitisches Trendthema waren.
Vor fast 40 Jahren gründete Faltin die Teekampagne und zeigte damit praktisch, wie sich mit einem konsequent durchdachten Geschäftskonzept etablierte Strukturen infrage stellen lassen. 2001 gründete er die Stiftung Entrepreneurship, die unter anderem den jährlichen Entrepreneurship Summit in Berlin veranstaltet. Für seine Arbeit als Pionier des Entrepreneurship-Gedankens wurde Faltin 2010 mit dem Bundesverdienstorden ausgezeichnet. Sein Buch „Kopf schlägt Kapital“ entwickelte sich zum Bestseller und wurde in acht Sprachen übersetzt. Auch international engagierte er sich für Entrepreneurship und wirkte über acht Jahre am Aufbau des College for Digital Innovation and Entrepreneurship der Chiang Mai University mit.
Live auf der FUSION
Wer Prof. Günter Faltin live erleben und seine Gedanken zu Entrepreneurship, Geschäftsmodellen und der Zukunft des Gründens aus erster Hand hören möchte, hat bei der FUSION 2026 die Gelegenheit dazu. Dort wird Faltin im September als Keynote Speaker auf der Bühne stehen. Weitere Informationen zur FUSION 2026 findet Ihr bei uns in den Events.

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