Die Startup-Landkarte wird größer
Berlin und München sind nach wie vor die Fixpunkte der deutschen Startup-Landschaft. Hier sitzen Investoren, Talente, Netzwerke und besonders viele junge Unternehmen. Doch wer nur auf die beiden Metropolen schaut, übersieht einen Teil der aktuellen Gründungsdynamik.
Im ersten Halbjahr 2026 wurden in Deutschland 3.053 Startups gegründet. Das waren 52 Prozent mehr als im zweiten Halbjahr 2025. In allen 16 Bundesländern stiegen die Gründungszahlen. Berlin blieb mit 429 neuen Startups die gründungsstärkste Stadt, wuchs mit 21 Prozent allerdings deutlich langsamer als der Bundesdurchschnitt. Bei den Gründungen pro Kopf tauchen neben München, Berlin und Hamburg auch Hochschulstandorte wie Aachen, Potsdam und Heidelberg weit oben auf.
Von einer Flucht der Startups aus den Metropolen kann also keine Rede sein. Wohl aber von einer Gründungslandschaft, die breiter wird.
Hochschulen werden wichtiger
Dazu passt ein Befund aus dem Deutschen Startup Monitor 2026. Bei 59 Prozent der befragten Startups basiert das Produkt direkt oder indirekt auf neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen. 51 Prozent der Gründerinnen und Gründer haben Unterstützung von Hochschulen oder Forschungseinrichtungen erhalten. Von ihnen bewerten 70 Prozent diese Unterstützung als wichtig oder sehr wichtig.
Das verändert den Blick auf die Startup-Landkarte. Wo Forschung, Talente und Unternehmen aufeinandertreffen, können relevante Gründungsstandorte entstehen – auch jenseits der bekannten Zentren.
Für Brandenburg ist das besonders interessant. Das Land umschließt mit Berlin eines der größten deutschen Startup-Zentren und verfügt zugleich über eigene Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Industriecluster und eine mittelständisch geprägte Unternehmenslandschaft. Die Herausforderung besteht deshalb nicht nur darin, neue Startups hervorzubringen. Es geht auch darum, die vorhandenen Standorte besser miteinander und mit Berlin zu verbinden.
Brandenburg baut neue Startup-Zentren auf
Das Land Brandenburg investiert seit einigen Jahren gezielt in diese Infrastruktur. Ein Baustein sind neue Startup-Zentren, die Gründungen im Land als Acceleratoren unterstützen und stärker mit Hochschulen, Wirtschaft und Investoren zusammenbringen sollen.
Eines davon ist der Reaktor Wildau südöstlich von Berlin. Der Accelerator richtet sich vor allem an Startups aus den Bereichen Künstliche Intelligenz, Energie und Mobilität und sitzt in unmittelbarer Nähe zur Technischen Hochschule Wildau. Neben der Arbeit mit den eigenen Startup-Batches versteht sich der Reaktor zunehmend als Knotenpunkt zwischen Gründern, Wissenschaft, etablierten Unternehmen und Kapitalgebern.
Dabei stößt ein einzelnes Startup-Zentrum allerdings schnell an eine geografische Grenze: Ein Netzwerk in Wildau ist zunächst eben ein Netzwerk in Wildau.
Genau daraus entstand die Idee der Startup-Landpartie.
Statt darauf zu warten, dass Gründerinnen und Gründer aus anderen Teilen Brandenburgs nach Wildau kommen, fährt der Reaktor mit Startups, Investoren und weiteren Akteuren zu ihnen.
Entscheidend ist dabei die Richtung des Austauschs. Die Landpartie ist nicht nur eine einfache Tournee, auf der ein Accelerator seine Startups im Land präsentiert. Die mitreisenden Teams sind nur ein Teil des Formats. Mindestens ebenso wichtig ist die Frage, wer am jeweiligen Zielort bereits gründet, forscht, investiert oder Unternehmen führt.
Die Landpartie wird damit zu einer Art Feldforschung im eigenen Ökosystem: Was entsteht in Neuruppin? Welche Community gibt es in Brandenburg an der Havel? Welche Unternehmen und Startups sitzen in Frankfurt (Oder)? Und welche davon kennen die Akteure aus Wildau, Potsdam oder Berlin bislang nicht?
Die bisherigen Stationen zeigen, wie unterschiedlich die Antworten ausfallen.
Neuruppin: klein heißt nicht unsichtbar

Die erste Landpartie führte im März nach Neuruppin. Gastgeber war das Quartier 20, ein lokaler Coworking- und Community-Ort. Startups pitchten vor Investoren, parallel ging es um Finanzierung, Acceleratoren und das regionale Gründungsökosystem.
Spannender als die Pitches war dabei fast der Blick auf die Strukturen vor Ort. In Ostprignitz-Ruppin gibt es mit der „Schule der Löwen“ beispielsweise einen Gründerwettbewerb, der Schülerinnen und Schüler mit regionalen Unternehmen und erfahrenen Gründern zusammenbringt.
Solche Formate tauchen auf der bundesweiten Startup-Landkarte selten auf. Sie zeigen aber, dass Gründungskultur nicht erst dort beginnt, wo ein großer VC-Fonds oder ein bekannter Accelerator sitzt.
Die Startup Landpartie in Neuruppin war der erste Beweis: Ein Format aus Wildau kann erfolgreich dazu beitragen, lokale und überregionale Netzwerke miteinander ins Gespräch zu bringen.
Pitch am Beach: raus aus dem Konferenzraum

Die zweite Landpartie fand im Juni am Zeuthener See statt. „Pitch am Beach“ kombinierte Startup-Pitches mit einem Förder- und Innovationsmarktplatz. Bis zu zehn Startups konnten sich vor Investoren und dem regionalen Ökosystem präsentieren.
Der Ort war dabei mehr als Kulisse. Viele Startup-Veranstaltungen folgen einem ähnlichen Muster: Bühne, Panel, Pitch, Networking. Am Zeuthener See wurde dieses Format bewusst aufgebrochen.
Ziel ist es, das touristische Bild von Brandenburg mit dem innovativen Brandenburg zusammenzubringen. Spannende Pitches am Strand, umgeben von Wäldern und Natur. Dahinter steckt der Gedanke: Ein Ökosystem besteht nicht allein aus Institutionen und Förderprogrammen. Es lebt davon, dass innovative Menschen zusammenkommen und über den Tellerrand hinaussehen. Dies wird mit diesem ungewöhnlichen Setting ermöglicht.
Gerade im Berliner Umland ist das relevant. Die Grenze zwischen Berlin und Brandenburg entspricht im Alltag vieler Gründer, Beschäftigter und Unternehmen ohnehin nicht den Grenzen ihrer Netzwerke.
Brandenburg an der Havel: Erst schauen, was schon da ist
Im Juli ging es weiter nach Brandenburg an der Havel. Auch hier traf die Landpartie nicht auf eine leere Startup-Landkarte.
In der Stadt und ihrem Umfeld gibt es spannende Netzwerke wie das „HavelValley“, einen daraus entstandenen Co-Working Space „HavelSpace“ und natürlich die Technische Hochschule Brandenburg mit den daran angeschlossenen Gründungsaktivitäten.
Der Veranstaltungsort war bemerkenswert. Die Landpartie fand am Dom zu Brandenburg statt. Die Dominsel gehört zu den geschichtsträchtigsten Orten des Landes. Hier befand sich die „Brandenburg“, von der Stadt, Mark und heutiges Bundesland ihren Namen ableiten; Brandenburg an der Havel gilt als Wiege der Mark.
Und es gibt sogar eine Verbindung zu Berlin: Im Hospital des Doms wurde 1237 ein Kirchenstreit beigelegt. Die darüber ausgestellte Urkunde nennt einen Pfarrer „Symeon de Colonia“ und gilt als frühester schriftlicher Beleg für Cölln, eine der beiden mittelalterlichen Ursprungsstädte Berlins.
Ein Ort also, an dem Brandenburg und Berlin schon verbunden waren, lange bevor jemand von einem Startup-Ökosystem sprach. Die Landpartie brachte die Innovationen von Morgen an den Entstehnungsort des Landes.
Frankfurt (Oder): Der Blick geht nach Osten
Die vierte Landpartie führt am 15. Oktober nach Frankfurt (Oder). Damit bekommt das Format eine neue Dimension.
Auf einer Deutschlandkarte liegt Frankfurt am östlichen Rand Brandenburgs. Auf einer europäischen Karte verändert sich die Perspektive. Dann liegt die Stadt auf einer Linie, die sich so lesen lässt:
Berlin – Frankfurt (Oder)/Słubice – Poznań – Warszawa.
Das ist ein gemeinsames Startup-Ökosystem und eine interessante wirtschaftliche und wissenschaftliche Achse. Aber ein System, das in der deutschen Startup-Debatte bislang vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit bekommt.
Östlich der Oder beginnt ein großer Technologiemarkt.
Dealroom bezifferte den Wert des polnischen Tech-Ökosystems 2025 auf 56,5 Milliarden Euro. Bei den Venture-Capital-Zahlen ist allerdings Vorsicht geboten: Dealroom erwartete Anfang 2025 zunächst rund 347 Millionen Euro. Die später veröffentlichten Marktdaten von PFR Ventures kommen für das Gesamtjahr auf rund 800 Millionen Euro, die in 166 polnische innovative Unternehmen flossen.
Das zeigt auch, wie schnell sich der Markt auf der polnischen Seite entwickelt.
Zwischen Berlin und Warszawa liegt mehr als eine Grenze

Warszawa ist dabei der mit Abstand sichtbarste polnische Knotenpunkt. Die polnische Hauptstadt verfügt über die größte Konzentration von Venture-Capital-Fonds im Land; rund 100 aktive VC-Gesellschaften werden dort gezählt. Gleichzeitig ist Warszawa mit rund 258.500 Studierenden an 69 Hochschulen das größte akademische Zentrum Polens.
Doch für die Achse von Berlin nach Warszawa ist vor allem Poznań interessant.
Wielkopolska mit Poznań wird im aktuellen Bericht der Stadt als viertgrößtes Startup-Zentrum Polens geführt. In der Region werden mehr als 200 Startups verortet. Allein in Poznań wurden 2024 rund 2,3 Milliarden Złoty für Forschung und Entwicklung ausgegeben. 191 Erfindungen wurden zum Patent angemeldet, 125 Patente erteilt.
Damit liegt zwischen Berlin und Warszawa nicht einfach nur eine Transitstrecke. Entlang der Verbindung liegen mehrere Hochschul-, Forschungs- und Wirtschaftsstandorte mit jeweils eigenen Stärken.
Frankfurt (Oder) und das direkt angrenzende Słubice können darin eine besondere Rolle spielen. Daraus ist ein grenzüberschreitender Startup-Korridor entstanden, der aber nicht überall sichtbar ist. Gerade deshalb ist die Frage interessant.
Denn Internationalisierung muss für ein Brandenburger Startup nicht zwingend mit London oder dem Silicon Valley beginnen. Poznań liegt näher. Und für ein polnisches Startup auf dem Weg in den deutschen Markt liegt die Hauptstadtregion unmittelbar hinter der Grenze.
Die Frankfurter Landpartie ist damit ein Beweis, dass das Format nicht nur innerhalb Brandenburgs, sondern auch über die Oder hinweg funktioniert.
Nach dem Kennenlernen kommt die Finanzierung
Eine Landpartie allein löst allerdings ein grundlegendes Problem regionaler Startup-Ökosysteme nicht: Kontakte auf Veranstaltungen sind schnell hergestellt, Kapitalbeziehungen deutlich schwerer.
Hier setzt eine zweite Initiative des Reaktor Wildau an. Im September wurde bei der FUSION 2026 das Brandenburg Investors Network (BIN) gestartet. Es soll Startups mit aktiven und künftigen Business Angels sowie weiteren Akteuren des Ökosystems zusammenbringen.
Die Verbindung beider Formate liegt nahe. Auf den Landpartien werden Startups, Unternehmer und regionale Netzwerke sichtbar; über das BIN können daraus Kontakte zu Investoren entstehen.
Interessant ist dabei insbesondere die Gruppe der Unternehmerinnen und Unternehmer, die bislang noch nicht als Business Angels aktiv sind. Gerade außerhalb der klassischen VC-Zentren gibt es Menschen mit Kapital, Branchenwissen und Netzwerken, die für Startups mindestens ebenso relevant sein können wie institutionelle Investoren.
Ein mittelständisches Unternehmen kann Pilotkunde werden. Ein Unternehmer kann als Mentor einsteigen – und später vielleicht auch als Investor.
Ob diese Aktivierung gelingt, wird sich allerdings erst zeigen müssen. Das BIN ist jung. Für die Landpartie könnte es dennoch ein wichtiges Anschlussstück werden: Das Format wäre dann nicht nur eine Serie von Veranstaltungen, sondern ein Weg, neue Teile des Ökosystems dauerhaft miteinander zu verbinden.
Nicht jede Stadt muss Berlin werden

Darin steckt möglicherweise die interessantere These hinter der Startup-Landpartie.
Wenn Gründungsaktivität geografisch breiter wird, muss nicht jeder Standort versuchen, ein vollständiges Startup-Ökosystem nach dem Vorbild Berlins aufzubauen.
Eine Hochschulstadt kann Forschung und Talente liefern. Eine Industrieregion Zugang zu Kunden und Produktion. Berlin bringt Kapital, internationale Netzwerke und eine hohe Startup-Dichte mit. Grenzregionen können wiederum Zugänge zu benachbarten Märkten schaffen.
Entscheidend ist dann weniger, ob jeder Ort alles besitzt, sondern ob die unterschiedlichen Stärken miteinander verbunden werden.
Die Startup-Landpartie ist ein Versuch, genau diese Verbindungen herzustellen. Ob daraus tatsächlich Kooperationen, Investments oder neue Unternehmen entstehen, ist die interessantere Messgröße als die Zahl der Besucher oder Pitches.
Wo geht die Startup Landpartie 2027 hin?
Nach Neuruppin, Zeuthener See, Brandenburg an der Havel und Frankfurt (Oder) soll das Format 2027 fortgesetzt werden. Dafür sucht der Reaktor Wildau weitere Gastgeber.
Interessant sind dabei nicht nur etablierte Startup-Standorte. Gesucht werden Orte, an denen bereits etwas entstanden ist, das außerhalb der eigenen Region bislang wenig sichtbar ist: Hochschulausgründungen, eine aktive Gründercommunity, ein Industriecluster, ein Technologiezentrum, ein Mittelstandsnetzwerk oder auch eine weitere Grenzregion.
Startups, Hochschulen, Wirtschaftsförderungen, Acceleratoren, Unternehmen, Investoren und lokale Initiativen können Standorte für die nächste Landpartie vorschlagen.
Die spannendere Frage ist dabei nicht, welche Stadt das größte Startup-Ökosystem besitzt, sondern welche Verbindung bislang noch fehlt.

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