Brandenburg muss Berlin nicht kopieren
Berlin gehört zu den wichtigsten Startup-Metropolen Europas. Direkt vor den Toren der Hauptstadt entwickelt sich gleichzeitig ein Ökosystem mit ganz anderen Voraussetzungen: Brandenburg verfügt über exzellente Wissenschaft, einen starken Mittelstand, industrielle Standorte, Flächen und wachsende Technologiekompetenz. Rafael Kugel ist überzeugt: Brandenburg sollte nicht versuchen, ein zweites Berlin zu werden. Mit der FUSION will der Reaktor Wildau deshalb Wissenschaft, Unternehmertum, Mittelstand und Kapital systematischer zusammenbringen.
Science + Entrepreneurship + Mittelstand + Capital – das ist die Idee hinter der FUSION. 1. Warum braucht Brandenburg überhaupt ein Format wie FUSION?
Weil Brandenburg eigentlich über erstaunlich viele Zutaten für ein starkes Innovationsökosystem verfügt – sie aber noch nicht konsequent genug miteinander verbindet.
Wir haben Hochschulen und Forschungseinrichtungen, innovative Startups, einen leistungsfähigen Mittelstand, Industrieunternehmen, Wirtschaftsförderungen und Kapitalgeber. Das Problem ist häufig nicht, dass etwas fehlt. Das Problem ist, dass diese Welten noch zu oft nebeneinander existieren.
Genau da setzt die FUSION an. Wir wollen nicht noch eine Veranstaltung schaffen, bei der sich überwiegend Menschen treffen, die sich ohnehin schon kennen. Wir wollen unterschiedliche Welten zusammenbringen: Science + Entrepreneurship + Mittelstand + Capital.
Wenn daraus konkrete Kooperationen, Pilotprojekte, Kundenbeziehungen, Investments oder neue Unternehmen entstehen, wird aus einem Netzwerk ein funktionierendes Ökosystem.
2. Berlin verfügt bereits über eine riesige Startup-Szene. Warum sollte man für ein Startup-Event nach Wildau fahren?
Gerade deshalb.
Brandenburg sollte nicht versuchen, Berlin zu kopieren. Berlin hat eine enorme Dichte an Startups, Investoren und internationalem Talent. Das ist eine große Stärke – und für Brandenburg vor der eigenen Haustür sogar ein Vorteil.
Aber Brandenburg hat andere Stärken. Hier treffen Technologie und Wissenschaft auf industrielle Anwendungen, Mittelstand, Energie, Logistik, Mobilität und reale Infrastruktur.
Wildau ist dafür ein sehr guter Ort. Wir sind unmittelbar an Berlin angebunden, gleichzeitig aber mitten in Brandenburg. Hier gibt es mit der Technischen Hochschule Wildau einen starken Wissenschaftsstandort, Technologieunternehmen und ein wachsendes Startup-Ökosystem.
Deshalb lautet die Frage für mich nicht: Wie wird Brandenburg das nächste Berlin? Sondern: Wie entwickelt Brandenburg ein eigenes Profil – und wie nutzen wir gleichzeitig die Nähe zu Berlin?
3. Was kann Brandenburg Gründern bieten, was Berlin nicht bieten kann? Vor allem Nähe zu realen Anwendungen.
Wer beispielsweise an Energietechnologien, Mobilität, Produktion, Logistik, neuen Materialien oder anderen Deep-Tech-Themen arbeitet, braucht irgendwann mehr als einen Schreibtisch und ein gutes Netzwerk. Man braucht Pilotkunden, Testfelder, Produktionsmöglichkeiten, Flächen und Unternehmen, die bereit sind, neue Technologien auszuprobieren.
Davon hat Brandenburg sehr viel.
Hinzu kommt ein starker Mittelstand. Für Startups können diese Unternehmen Entwicklungspartner, Pilotkunden, erste große Auftraggeber oder auch strategische Investoren sein.
Ich würde deshalb Berlin und Brandenburg auch nicht gegeneinander positionieren. Im Gegenteil: Die Kombination ist interessant. Berlin bringt enorme Startup-Dichte, internationales Talent und Kapital mit. Brandenburg bringt Wissenschaft, Mittelstand, Industrie, Flächen und Anwendungsmöglichkeiten ein. Wenn wir diese Stärken verbinden, entsteht ein Standort, der deutlich größer gedacht werden kann als innerhalb von Landesgrenzen.
4. Wo funktioniert die Verbindung zwischen Hochschulen, Startups und Mittelstand heute noch nicht gut genug?
An vielen Stellen fehlt der systematische Übergang.
In Hochschulen entsteht Wissen, aus dem Unternehmen entstehen könnten. Startups entwickeln Lösungen, für die sie Pilotkunden benötigen. Gleichzeitig haben mittelständische Unternehmen ganz konkrete Herausforderungen – von Digitalisierung und Fachkräftemangel bis zu Energie und Automatisierung.
Eigentlich müssten diese drei Seiten permanent miteinander arbeiten.
In der Realität wissen Unternehmen häufig nicht, welche Technologien direkt vor ihrer Haustür entwickelt werden. Wissenschaftler kennen nicht immer die konkreten Probleme der Unternehmen. Und Startups kommen nur schwer an die richtigen Entscheider.
Wir müssen deshalb viel stärker von konkreten Herausforderungen ausgehen: Welches Problem hat ein Unternehmen – und wer in Wissenschaft oder Startup-Szene kann es lösen?
Wenn diese Verbindung funktioniert, profitieren alle drei Seiten.
5. Was erleben Sie konkret bei den Startups im Reaktor Wildau?
Wir sehen vor allem, wie schnell sich Startups entwickeln können, wenn sie früh mit dem Markt konfrontiert werden.
Eine gute Idee allein reicht nicht. Entscheidend ist, sehr schnell herauszufinden: Wer hat dieses Problem wirklich? Wer ist bereit, für die Lösung zu bezahlen? Wie komme ich an einen ersten Pilotkunden? Und wie wird aus einem Projekt ein skalierbares Unternehmen?
Deshalb versuchen wir im Reaktor, Startups möglichst früh aus der eigenen Blase herauszubringen. Wir bringen sie mit Unternehmen, Experten, Investoren und potenziellen Kunden zusammen.
Dabei passiert etwas Interessantes: Oft verändert ein einziges gutes Gespräch mehr als Wochen theoretischer Arbeit. Ein Unternehmer sagt beispielsweise: „Das Problem kenne ich – aber ich brauche die Lösung etwas anders.“ Genau solche Rückmeldungen sind für ein junges Unternehmen enorm wertvoll.
6. Was benötigen Startups nach Ihrer Erfahrung stärker: Kapital oder Kunden? Wenn ich mich entscheiden müsste: Kunden.
Natürlich brauchen Startups Kapital. Gerade bei Deep Tech kann die Entwicklung sehr kapitalintensiv sein. Aber Kapital allein beweist noch nicht, dass ein Geschäftsmodell funktioniert.
Ein Kunde tut das.
Ein erster Pilotkunde liefert Feedback, Referenzen, Daten und im besten Fall Umsatz. Vor allem zwingt er ein Startup dazu, eine Lösung für ein echtes Problem zu entwickeln.
Deshalb halte ich es für so wichtig, den Mittelstand stärker in Startup-Ökosysteme einzubeziehen. Wir reden sehr viel über Venture Capital. Wir sollten mindestens genauso intensiv darüber reden, wie Startups ihre ersten fünf relevanten Kunden gewinnen.
Der erste große Auftrag kann für ein Startup wertvoller sein als das erste Investment.
7. Warum haben Sie Deep-Tech, Energy Transition und Unternehmensnachfolge als Schwerpunkte gewählt?
Weil diese Themen sehr gut zu den tatsächlichen Stärken und Herausforderungen Brandenburgs passen.
Deep Tech entsteht häufig aus Wissenschaft und Forschung. Brandenburg verfügt hier über hervorragende Hochschulen und Forschungseinrichtungen.
Die Energiewende wiederum findet nicht nur auf Konferenzen statt, sondern ganz konkret vor Ort: bei Energieerzeugung, Netzen, Speichern, Industrie, Wärme und Mobilität. Brandenburg ist dafür ein riesiges Anwendungsfeld.
Und Unternehmensnachfolge ist eine der großen strukturellen Herausforderungen des Mittelstands. Gleichzeitig steckt darin enormes unternehmerisches Potenzial.
Diese drei Themen wirken zunächst unterschiedlich. Im Kern geht es aber immer um dieselbe Frage: Wie wird aus Wissen, Technologie oder bestehender wirtschaftlicher Substanz neues Unternehmertum?
8. Ist Unternehmensnachfolge überhaupt ein Startup-Thema? Absolut. Wir müssen nur unser Bild von Gründung erweitern.
Gründung bedeutet nicht zwangsläufig, mit einer Idee bei null anzufangen. Man kann auch ein bestehendes Unternehmen übernehmen und daraus etwas Neues entwickeln.
Gerade für junge Unternehmerinnen und Unternehmer kann das hochattraktiv sein: Es gibt bereits Kunden, Mitarbeiter, Know-how, Produkte und Umsatz. Gleichzeitig stehen viele dieser Unternehmen vor großen Transformationsaufgaben – Digitalisierung, Automatisierung, KI, neue Geschäftsmodelle oder Energiewende.
Das ist im Grunde eine ideale unternehmerische Ausgangssituation.
Deshalb sollten wir stärker über Entrepreneurship through Acquisition sprechen. Wenn eine neue Generation etablierte Brandenburger Unternehmen übernimmt und weiterentwickelt, ist das für mich genauso Unternehmertum wie die klassische Startup-Gründung.
9. Was soll am Abend des 17. September entstanden sein, damit Sie sagen: Die FUSION war erfolgreich?
Nicht möglichst viele Visitenkarten, sondern möglichst viele konkrete nächste Schritte.
Wenn ein Startup am Abend einen Termin mit seinem ersten Pilotkunden vereinbart hat, ein mittelständisches Unternehmen eine Technologie entdeckt hat, die ein reales Problem lösen kann, ein Wissenschaftler einen Partner für eine Ausgründung findet oder ein Investor ein Unternehmen entdeckt, das er weiter begleiten möchte – dann hat die FUSION funktioniert.
Natürlich wollen wir eine Veranstaltung mit Energie, guten Gesprächen und spannenden Menschen schaffen. Aber die eigentliche Wirkung beginnt für mich am 18. September.
Der Erfolg der FUSION zeigt sich daran, was danach passiert.
10. Wo soll das Brandenburger Startup-Ökosystem in fünf Jahren stehen?
Ich wünsche mir, dass wir dann gar nicht mehr so stark darüber diskutieren müssen, ob Brandenburg ein Startup-Standort ist.
Es sollte selbstverständlich sein, dass aus Brandenburger Hochschulen Unternehmen entstehen. Dass mittelständische Unternehmen regelmäßig mit Startups zusammenarbeiten. Dass erfolgreiche Unternehmer wieder in neue Unternehmen investieren. Und dass Gründer aus Berlin, Deutschland und Europa bewusst nach Brandenburg kommen, weil sie hier Kunden, Technologiepartner, Flächen und hervorragende Bedingungen für Wachstum finden.
Dafür müssen wir nicht versuchen, Berlin zu kopieren.
Wir sollten selbstbewusst auf das schauen, was Brandenburg bereits hat, und daraus ein eigenes Modell entwickeln.
Science + Entrepreneurship + Mittelstand + Capital.
Wenn es uns gelingt, diese vier Bereiche dauerhaft miteinander zu verbinden, kann Brandenburg zu einem der interessantesten Standorte für technologieorientiertes Unternehmertum in Deutschland werden.

Newsletter
Startups, Geschichten und Statistiken aus dem deutschen Startup-Ökosystem direkt in deinen Posteingang. Abonnieren mit 2 Klicks. Noice.
LinkedIn ConnectFYI: English edition available
Hello my friend, have you been stranded on the German edition of Startbase? At least your browser tells us, that you do not speak German - so maybe you would like to switch to the English edition instead?
FYI: Deutsche Edition verfügbar
Hallo mein Freund, du befindest dich auf der Englischen Edition der Startbase und laut deinem Browser sprichst du eigentlich auch Deutsch. Magst du die Sprache wechseln?