Brandenburg muss Berlin nicht kopieren

Warum die nächste Startup-Story der Hauptstadtregion in Brandenburg geschrieben werden könnte. Interview mit Rafael Kugel, Geschäftsführer des Reaktor Wildau und Veranstalter der FUSION 
Interview von Marc Nemitz Marc Nemitz · Wildau, 15. August 2026

Berlin gehört zu den wichtigsten Startup-Metropolen Europas. Direkt vor den Toren der  Hauptstadt entwickelt sich gleichzeitig ein Ökosystem mit ganz anderen Voraussetzungen:  Brandenburg verfügt über exzellente Wissenschaft, einen starken Mittelstand, industrielle  Standorte, Flächen und wachsende Technologiekompetenz. Rafael Kugel ist überzeugt:  Brandenburg sollte nicht versuchen, ein zweites Berlin zu werden. Mit der FUSION will der  Reaktor Wildau deshalb Wissenschaft, Unternehmertum, Mittelstand und Kapital  systematischer zusammenbringen.  

Science + Entrepreneurship + Mittelstand + Capital – das ist die Idee hinter der FUSION. 1. Warum braucht Brandenburg überhaupt ein Format wie FUSION?  

Weil Brandenburg eigentlich über erstaunlich viele Zutaten für ein starkes  Innovationsökosystem verfügt – sie aber noch nicht konsequent genug miteinander verbindet.  

Wir haben Hochschulen und Forschungseinrichtungen, innovative Startups, einen  leistungsfähigen Mittelstand, Industrieunternehmen, Wirtschaftsförderungen und Kapitalgeber.  Das Problem ist häufig nicht, dass etwas fehlt. Das Problem ist, dass diese Welten noch zu oft  nebeneinander existieren.  

Genau da setzt die FUSION an. Wir wollen nicht noch eine Veranstaltung schaffen, bei der sich  überwiegend Menschen treffen, die sich ohnehin schon kennen. Wir wollen unterschiedliche  Welten zusammenbringen: Science + Entrepreneurship + Mittelstand + Capital. 

Wenn daraus konkrete Kooperationen, Pilotprojekte, Kundenbeziehungen, Investments oder  neue Unternehmen entstehen, wird aus einem Netzwerk ein funktionierendes Ökosystem.  

2. Berlin verfügt bereits über eine riesige Startup-Szene. Warum sollte man für ein  Startup-Event nach Wildau fahren?  

Gerade deshalb.  

Brandenburg sollte nicht versuchen, Berlin zu kopieren. Berlin hat eine enorme Dichte an  Startups, Investoren und internationalem Talent. Das ist eine große Stärke – und für  Brandenburg vor der eigenen Haustür sogar ein Vorteil.  

Aber Brandenburg hat andere Stärken. Hier treffen Technologie und Wissenschaft auf  industrielle Anwendungen, Mittelstand, Energie, Logistik, Mobilität und reale Infrastruktur.  

Wildau ist dafür ein sehr guter Ort. Wir sind unmittelbar an Berlin angebunden, gleichzeitig aber  mitten in Brandenburg. Hier gibt es mit der Technischen Hochschule Wildau einen starken  Wissenschaftsstandort, Technologieunternehmen und ein wachsendes Startup-Ökosystem. 

Deshalb lautet die Frage für mich nicht: Wie wird Brandenburg das nächste Berlin? Sondern:  Wie entwickelt Brandenburg ein eigenes Profil – und wie nutzen wir gleichzeitig die Nähe zu  Berlin? 

3. Was kann Brandenburg Gründern bieten, was Berlin nicht bieten kann?  Vor allem Nähe zu realen Anwendungen.  

Wer beispielsweise an Energietechnologien, Mobilität, Produktion, Logistik, neuen Materialien  oder anderen Deep-Tech-Themen arbeitet, braucht irgendwann mehr als einen Schreibtisch und  ein gutes Netzwerk. Man braucht Pilotkunden, Testfelder, Produktionsmöglichkeiten, Flächen  und Unternehmen, die bereit sind, neue Technologien auszuprobieren.  

Davon hat Brandenburg sehr viel.  

Hinzu kommt ein starker Mittelstand. Für Startups können diese Unternehmen  Entwicklungspartner, Pilotkunden, erste große Auftraggeber oder auch strategische Investoren  sein.  

Ich würde deshalb Berlin und Brandenburg auch nicht gegeneinander positionieren. Im  Gegenteil: Die Kombination ist interessant. Berlin bringt enorme Startup-Dichte,  internationales Talent und Kapital mit. Brandenburg bringt Wissenschaft, Mittelstand, Industrie,  Flächen und Anwendungsmöglichkeiten ein. Wenn wir diese Stärken verbinden, entsteht ein  Standort, der deutlich größer gedacht werden kann als innerhalb von Landesgrenzen.  

4. Wo funktioniert die Verbindung zwischen Hochschulen, Startups und  Mittelstand heute noch nicht gut genug?  

An vielen Stellen fehlt der systematische Übergang.  

In Hochschulen entsteht Wissen, aus dem Unternehmen entstehen könnten. Startups  entwickeln Lösungen, für die sie Pilotkunden benötigen. Gleichzeitig haben mittelständische  Unternehmen ganz konkrete Herausforderungen – von Digitalisierung und Fachkräftemangel bis  zu Energie und Automatisierung.  

Eigentlich müssten diese drei Seiten permanent miteinander arbeiten.  

In der Realität wissen Unternehmen häufig nicht, welche Technologien direkt vor ihrer Haustür  entwickelt werden. Wissenschaftler kennen nicht immer die konkreten Probleme der  Unternehmen. Und Startups kommen nur schwer an die richtigen Entscheider.  

Wir müssen deshalb viel stärker von konkreten Herausforderungen ausgehen: Welches Problem  hat ein Unternehmen – und wer in Wissenschaft oder Startup-Szene kann es lösen? 

Wenn diese Verbindung funktioniert, profitieren alle drei Seiten.  

5. Was erleben Sie konkret bei den Startups im Reaktor Wildau?  

Wir sehen vor allem, wie schnell sich Startups entwickeln können, wenn sie früh mit dem Markt  konfrontiert werden. 

Eine gute Idee allein reicht nicht. Entscheidend ist, sehr schnell herauszufinden: Wer hat dieses  Problem wirklich? Wer ist bereit, für die Lösung zu bezahlen? Wie komme ich an einen ersten  Pilotkunden? Und wie wird aus einem Projekt ein skalierbares Unternehmen?  

Deshalb versuchen wir im Reaktor, Startups möglichst früh aus der eigenen Blase  herauszubringen. Wir bringen sie mit Unternehmen, Experten, Investoren und potenziellen  Kunden zusammen.  

Dabei passiert etwas Interessantes: Oft verändert ein einziges gutes Gespräch mehr als Wochen  theoretischer Arbeit. Ein Unternehmer sagt beispielsweise: „Das Problem kenne ich – aber ich  brauche die Lösung etwas anders.“ Genau solche Rückmeldungen sind für ein junges  Unternehmen enorm wertvoll.  

6. Was benötigen Startups nach Ihrer Erfahrung stärker: Kapital oder Kunden?  Wenn ich mich entscheiden müsste: Kunden. 

Natürlich brauchen Startups Kapital. Gerade bei Deep Tech kann die Entwicklung sehr  kapitalintensiv sein. Aber Kapital allein beweist noch nicht, dass ein Geschäftsmodell  funktioniert.  

Ein Kunde tut das.  

Ein erster Pilotkunde liefert Feedback, Referenzen, Daten und im besten Fall Umsatz. Vor allem  zwingt er ein Startup dazu, eine Lösung für ein echtes Problem zu entwickeln.  

Deshalb halte ich es für so wichtig, den Mittelstand stärker in Startup-Ökosysteme  einzubeziehen. Wir reden sehr viel über Venture Capital. Wir sollten mindestens genauso  intensiv darüber reden, wie Startups ihre ersten fünf relevanten Kunden gewinnen.  

Der erste große Auftrag kann für ein Startup wertvoller sein als das erste Investment. 

7. Warum haben Sie Deep-Tech, Energy Transition und Unternehmensnachfolge  als Schwerpunkte gewählt?  

Weil diese Themen sehr gut zu den tatsächlichen Stärken und Herausforderungen Brandenburgs  passen.  

Deep Tech entsteht häufig aus Wissenschaft und Forschung. Brandenburg verfügt hier über  hervorragende Hochschulen und Forschungseinrichtungen.  

Die Energiewende wiederum findet nicht nur auf Konferenzen statt, sondern ganz konkret vor  Ort: bei Energieerzeugung, Netzen, Speichern, Industrie, Wärme und Mobilität. Brandenburg ist  dafür ein riesiges Anwendungsfeld.  

Und Unternehmensnachfolge ist eine der großen strukturellen Herausforderungen des  Mittelstands. Gleichzeitig steckt darin enormes unternehmerisches Potenzial. 

Diese drei Themen wirken zunächst unterschiedlich. Im Kern geht es aber immer um dieselbe  Frage: Wie wird aus Wissen, Technologie oder bestehender wirtschaftlicher Substanz neues  Unternehmertum? 

8. Ist Unternehmensnachfolge überhaupt ein Startup-Thema?  Absolut. Wir müssen nur unser Bild von Gründung erweitern.  

Gründung bedeutet nicht zwangsläufig, mit einer Idee bei null anzufangen. Man kann auch ein  bestehendes Unternehmen übernehmen und daraus etwas Neues entwickeln.  

Gerade für junge Unternehmerinnen und Unternehmer kann das hochattraktiv sein: Es gibt  bereits Kunden, Mitarbeiter, Know-how, Produkte und Umsatz. Gleichzeitig stehen viele dieser  Unternehmen vor großen Transformationsaufgaben – Digitalisierung, Automatisierung, KI, neue  Geschäftsmodelle oder Energiewende.  

Das ist im Grunde eine ideale unternehmerische Ausgangssituation.  

Deshalb sollten wir stärker über Entrepreneurship through Acquisition sprechen. Wenn eine  neue Generation etablierte Brandenburger Unternehmen übernimmt und weiterentwickelt, ist  das für mich genauso Unternehmertum wie die klassische Startup-Gründung.  

9. Was soll am Abend des 17. September entstanden sein, damit Sie sagen: Die  FUSION war erfolgreich?  

Nicht möglichst viele Visitenkarten, sondern möglichst viele konkrete nächste Schritte.  

Wenn ein Startup am Abend einen Termin mit seinem ersten Pilotkunden vereinbart hat, ein  mittelständisches Unternehmen eine Technologie entdeckt hat, die ein reales Problem lösen  kann, ein Wissenschaftler einen Partner für eine Ausgründung findet oder ein Investor ein  Unternehmen entdeckt, das er weiter begleiten möchte – dann hat die FUSION funktioniert.  

Natürlich wollen wir eine Veranstaltung mit Energie, guten Gesprächen und spannenden  Menschen schaffen. Aber die eigentliche Wirkung beginnt für mich am 18. September.  

Der Erfolg der FUSION zeigt sich daran, was danach passiert. 

10. Wo soll das Brandenburger Startup-Ökosystem in fünf Jahren stehen?  

Ich wünsche mir, dass wir dann gar nicht mehr so stark darüber diskutieren müssen, ob  Brandenburg ein Startup-Standort ist.  

Es sollte selbstverständlich sein, dass aus Brandenburger Hochschulen Unternehmen entstehen.  Dass mittelständische Unternehmen regelmäßig mit Startups zusammenarbeiten. Dass  erfolgreiche Unternehmer wieder in neue Unternehmen investieren. Und dass Gründer aus  Berlin, Deutschland und Europa bewusst nach Brandenburg kommen, weil sie hier Kunden,  Technologiepartner, Flächen und hervorragende Bedingungen für Wachstum finden.  

Dafür müssen wir nicht versuchen, Berlin zu kopieren. 

Wir sollten selbstbewusst auf das schauen, was Brandenburg bereits hat, und daraus ein  eigenes Modell entwickeln.  

Science + Entrepreneurship + Mittelstand + Capital. 

Wenn es uns gelingt, diese vier Bereiche dauerhaft miteinander zu verbinden, kann  Brandenburg zu einem der interessantesten Standorte für technologieorientiertes  Unternehmertum in Deutschland werden.  


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