Rechtsstreit

Klage gegen Accountable wegen KI-Steuerberater eingereicht

Streit um Accountable eskaliert. Steuerberaterkammer geht gegen Tax-Tech-Startup vor. Wie viel KI ist in regulierten Berufen erlaubt?
News von Marc Nemitz Marc Nemitz · Berlin, 07. Mai 2026

Die Steuerberaterkammer Berlin hat Klage gegen das Tax-Tech-Startup Accountable eingereicht. Im Zentrum des Verfahrens steht die Nutzung der Bezeichnung „KI-Steuerberater“ sowie die Ausgestaltung eines gleichnamigen digitalen Produkts. Verhandelt wird der Fall vor dem Landgericht Berlin II.

Das Verfahren könnte grundsätzliche Bedeutung für den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in regulierten Berufen haben.

Vorwürfe der Steuerberaterkammer

Die Steuerberaterkammer sieht in der Verwendung des Begriffs KI-Steuerberater einen Verstoß gegen Wettbewerbsrecht sowie eine unzulässige Nutzung der geschützten Berufsbezeichnung Steuerberater.

Darüber hinaus kritisiert sie, dass das Startup steuerliche Hilfestellungen anbietet, ohne als entsprechende Berufsausübungsgesellschaft anerkannt zu sein. Ziel der Klage ist es, Accountable die Nutzung der Bezeichnung zu untersagen und das Angebot in der aktuellen Form zu stoppen.

Startup weist Vorwürfe zurück

Accountable widerspricht den Vorwürfen und kündigt an, sich juristisch zu verteidigen. Das Unternehmen argumentiert, dass es sich bei dem Produkt klar erkennbar um eine digitale Lösung handelt und nicht um menschliche Steuerberatung.

Wir haben eine Technologie entwickelt, die sich gezielt an Solo-Selbstständige richtet, die aufgrund des Steuerberater-Mangels in Deutschland heute oft gar keinen Zugang zu klassischer Steuerberatung haben oder sich diese schlicht nicht leisten können.

Tino Keller, Mitgründer von Accountable

Laut Mitgründer Tino Keller werde kein irreführender Eindruck erzeugt. Die Anwendung sei transparent gestaltet und mache deutlich, dass sie keine klassische Steuerberatung ersetzt.

Anmerkung aus der Redaktion

So nachvollziehbar die Verteidigungshaltung der Steuerberaterkammer Berlin im Hinblick auf den Schutz des Berufsstandes ist, so konsequent erscheint auch die Position von Accountable. Beide Seiten argumentieren aus ihrer jeweiligen Perspektive schlüssig und doch greift die Debatte zu kurz.
Im Kern geht es hier lediglich um ein digitales Angebot für Selbstständige. Aus Sicht vieler Gründer berührt dieser Konflikt jedoch nicht das eigentliche Problem. Vielmehr steht er exemplarisch für eine strukturelle Herausforderung: eine überbordende Bürokratie, die Innovation, wirtschaftliche Dynamik und Wertschöpfung zunehmend ausbremst.
Es ist schwer vermittelbar, warum beispielsweise für eine Holding mit wenigen Transaktionen im Jahr, wie etwa zwölf Buchungen und ebenso vielen Kontoauszügen, Steuerberatungskosten von rund 2.000 Euro anfallen. Ebenso erklärungsbedürftig ist die implizite Erwartung, dass die Gründung eines Startups ohne professionelle steuerliche Begleitung kaum realistisch erscheint.
Der aktuelle Rechtsstreit betrifft dabei lediglich ein einzelnes Startup, das versucht, genau diesen Schmerzpunkt für Selbstständige zumindest teilweise zu adressieren. Gleichzeitig stellt sich die Frage, warum etablierte Institutionen wie die Steuerberaterkammer nicht selbst die Initiative ergreifen und innovative, kosteneffiziente Lösungen entwickeln, die den Bedürfnissen moderner Unternehmer gerecht werden.
Letztlich führt all dies zu einer übergeordneten Fragestellung an die Politik: Warum bleibt eine grundlegende Reform aus? Eine Reform, die es Selbstständigen, Gründern und Unternehmern ermöglicht, administrative Hürden signifikant zu reduzieren oder diese im Idealfall durch automatisierte, kostenneutrale Prozesse vollständig zu eliminieren.

Grundsatzfrage für KI und Regulierung

Über den Einzelfall hinaus sieht Accountable in dem Verfahren eine richtungsweisende Entscheidung für den Umgang mit KI im Kontext regulierter Berufe. Insbesondere im Steuerbereich könnte der Ausgang Auswirkungen auf zukünftige Innovationen haben.

Ein zentraler Hintergrund ist der Fachkräftemangel. Schätzungen zufolge fehlen in Deutschland mehr als 10.000 Steuerberater. Digitale Lösungen könnten hier eine wichtige Rolle spielen, insbesondere für Solo-Selbstständige, die häufig keinen Zugang zu klassischer Beratung haben.

Accountable betont, dass die Lösung gemeinsam mit Steuerexpertinnen und -experten entwickelt wird und klare Grenzen zur klassischen Beratung zieht. Zudem übernehme das Unternehmen Verantwortung für mögliche Fehler und biete Nutzerinnen und Nutzern nachvollziehbare Entscheidungsgrundlagen. Die Steuerberaterkammer hingegen sieht die Gefahr einer Verwässerung klar definierter Berufsstandards.

Auswirkungen auf Selbstständige

Der Ausgang des Verfahrens könnte weitreichende Konsequenzen haben , nicht nur für das Unternehmen selbst, sondern auch für zehntausende Selbstständige, die bereits auf digitale Steuerlösungen zurückgreifen.

Damit wird der Fall zu einem Prüfstein für die Frage, wie viel Raum Innovation im Spannungsfeld bestehender Regulierung künftig erhält.


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