Deep Tech

Reverion sammelt 175 Millionen Dollar ein und baut Megafactory in Deutschland

Kraftwerk und Energiespeicher zugleich. Reverion erreicht nach eigenen Angaben 74,2 Prozent elektrischen Wirkungsgrad. Eine Series B über 175 Millionen Dollar soll die Technologie nun in die industrielle Großserie bringen.
News von Marc Nemitz Marc Nemitz · Eresing, 29. September 2026

Das bayerische EnergyTech Reverion hat eine Series B über 175 Millionen US-Dollar abgeschlossen. Angeführt wird die bislang größte Finanzierungsrunde des Unternehmens vom europäischen DeepTech- und Klimafonds Kembara. Neu beteiligen sich außerdem Allianz, KfW Capital, aurum Capital und Carbon Equity. Mit dem Kapital will Reverion seine reversiblen Brennstoffzellenkraftwerke in die industrielle Großserie bringen und dafür einen neuen Produktionsstandort in Deutschland mit einer jährlichen Kapazität von 250 Megawatt aufbauen. Bis zu 800 neue Arbeitsplätze könnten dort entstehen.

Für Reverion ist die Runde vor allem der Schritt vom DeepTech-Unternehmen zum industriellen Hersteller. Bislang laufen sieben Anlagen bei Kunden im Regelbetrieb. Nun soll die Fertigungskapazität um den Faktor zehn steigen und die Technologie für Projekte im Multi-Megawatt-Bereich weiterentwickelt werden.

Dabei verändert sich auch der Zielmarkt: Neben Biogasanlagen, Energieversorgern und Industrieunternehmen rücken zunehmend energiehungrige Rechenzentren in den Fokus.

Kembara führt Series B an

Lead-Investor der Finanzierungsrunde ist Kembara, ein europäischer Scale-up-Fonds für DeepTech- und Klimatechnologien mit einem Volumen von einer Milliarde Euro.

Neu an Bord sind zudem Allianz, KfW Capital über ein von UVC verwaltetes SPV, aurum Capital und Carbon Equity. Auch die bisherigen Investoren Extantia, Energy Impact Partners, alfa8, UVC Partners, EIC Fund und Possible Ventures beteiligen sich erneut.

Mit dem Abschluss der Series B legen wir den Grundstein für die industrielle Großserienfertigung unserer Technologie.

Reverion-CEO und Mitgründer Stephan Herrmann

Das frische Kapital soll insbesondere in den Aufbau zusätzlicher Produktionskapazitäten und die technologische Skalierung fließen.

Kraftwerk und Energiespeicher in einer Anlage

Das 2022 gegründete Unternehmen aus Eresing bei München entwickelt containerbasierte, reversible Brennstoffzellenkraftwerke. Diese können Biogas, Erdgas oder Wasserstoff elektrochemisch in Strom umwandeln. Anders als bei konventionellen Gaskraftwerken findet dabei keine klassische Verbrennung statt. Das im Brennstoff enthaltene CO₂ kann in konzentrierter Form abgeschieden werden. Beim Betrieb mit Biogas ist nach Angaben von Reverion dadurch eine negative CO₂-Bilanz möglich.

Die Besonderheit liegt allerdings in der Reversibilität der Anlage. Wird viel Strom produziert und wenig benötigt, lässt sich der Prozess umkehren: Im Elektrolysebetrieb wird elektrische Energie wieder in speicherbare Gase umgewandelt. Das System kann damit je nach Situation als Stromerzeuger oder als Energiespeicher arbeiten und auf unterschiedliche Preise beziehungsweise Verfügbarkeiten im Strom- und Gasmarkt reagieren.

74,2 Prozent Wirkungsgrad im Kundenbetrieb

Reverion gibt für seine Technologie einen elektrischen Wirkungsgrad von 74,2 Prozent an, gemessen im laufenden Kundenbetrieb. Nach Angaben des Unternehmens entspricht dies einem Weltrekord für thermische Kraftwerke.

Gerade dieser Wirkungsgrad ist für die Wirtschaftlichkeit der Technologie entscheidend. Je mehr elektrische Energie aus einer bestimmten Menge Gas gewonnen werden kann, desto geringer sind Brennstoffbedarf und Betriebskosten je erzeugter Kilowattstunde.

Derzeit befinden sich sieben Reverion-Kraftwerke im regulären Einsatz bei Kunden. Die Leistung einer einzelnen Anlage liegt inzwischen bei 500 Kilowatt.

Mit dem Kapital aus der Series B soll die Technologie nun in die Megawatt-Klasse wachsen.

Neue Megafactory soll Kapazität verzehnfachen

Den industriellen Sprung soll vor allem ein neuer Produktionsstandort in Deutschland ermöglichen. Geplant ist eine Megafactory mit einer Fertigungskapazität von 250 Megawatt pro Jahr.

Damit soll die bisherige Produktionskapazität um den Faktor zehn steigen.

Auch personell wäre das ein erheblicher Wachstumsschritt. Am Stammsitz in Eresing ist Reverion nach eigenen Angaben zuletzt von rund 100 auf mehr als 200 Mitarbeiter gewachsen. Am neuen Produktionsstandort könnten bis zu 800 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen.

Wo genau die Fabrik errichtet werden soll, geht aus der Mitteilung noch nicht hervor.

Nach Unternehmensangaben umfasst die aktuelle Projektpipeline bereits ein potenzielles Umsatzvolumen von mehr als zwei Milliarden US-Dollar. Erste internationale Projekte befinden sich demnach in Entwicklung.

Rechenzentren werden zum neuen Wachstumsmarkt

Interessant ist insbesondere die Verschiebung auf der Kundenseite. Reverion kommt ursprünglich stark aus dem landwirtschaftlichen Biogasumfeld. Mittlerweile sieht das Unternehmen einen wachsenden Markt bei Industrieunternehmen und insbesondere bei Rechenzentren.

Der steigende Strombedarf von Cloud- und KI-Infrastrukturen trifft vielerorts auf begrenzte Netzkapazitäten. Neue Rechenzentren benötigen gleichzeitig eine kontinuierliche und verlässliche Stromversorgung.

Reverion will seine Anlagen deshalb direkt am Verbrauchsort einsetzen. Über vorhandene Gasinfrastruktur können sie mit Biogas oder Erdgas versorgt werden und unabhängig von einem entsprechend dimensionierten Stromnetz Energie erzeugen.

Für Betreiber könnte das vor allem dort interessant sein, wo Netzanschlüsse zum Engpass für neue Rechenzentrumskapazitäten werden.

„Energieversorger und Industriekunden erkennen, dass echte Energiesicherheit steuerbaren, sauberen Strom voraussetzt“, sagt COO und Mitgründer Felix Fischer.

KI-Boom wird zunehmend zum Energieproblem

Damit trifft Reverion auf einen Markt, der sich durch den Ausbau von KI-Infrastruktur grundlegend verändert. Während der Wettbewerb um leistungsfähigere Chips und Rechenzentren anhält, wird die verfügbare Energieversorgung zunehmend selbst zu einem limitierenden Faktor.

Für Technologien, die Strom dezentral, kontinuierlich und mit hoher Effizienz bereitstellen können, eröffnet dies einen zusätzlichen Markt.

Lead-Investor Kembara sieht Rechenzentren entsprechend als einen wichtigen Wachstumstreiber. Hyperscaler benötigten enorme und verlässliche Strommengen, müssten gleichzeitig aber ihre Klimaziele berücksichtigen, argumentiert Robert Trezona, Leiter des Bereichs Klima bei Kembara.

Reverions Vorteil könnte dabei in der Kombination mehrerer Funktionen liegen: Stromproduktion, Energiespeicherung und CO₂-Abscheidung befinden sich innerhalb eines Systems.

Vom DeepTech-Projekt zum Industrieunternehmen

Mit 175 Millionen Dollar erreicht Reverion eine Größenordnung, bei der nicht mehr primär die Entwicklung eines funktionierenden Prototyps im Mittelpunkt steht. Nun geht es darum, eine komplexe Energietechnologie industriell und in großen Stückzahlen herzustellen.

Genau dieser Übergang gehört zu den schwierigsten Phasen für europäische DeepTech-Unternehmen. Kapitalbedarf, Produktionsanlagen, Lieferketten und Personal wachsen erheblich, noch bevor entsprechende Produktionsvolumina erreicht werden.

Die neue Fabrik wird deshalb zu einem entscheidenden Test für Reverion. 250 Megawatt Jahreskapazität und bis zu 800 zusätzliche Arbeitsplätze sind ein großer Sprung gegenüber dem heutigen Unternehmen.

Gleichzeitig könnte sich der stark wachsende Energiebedarf von Rechenzentren als unerwarteter Beschleuniger erweisen. Aus einer Technologie für Biogas und erneuerbare Energiesysteme könnte damit zunehmend eine Infrastrukturtechnologie für die digitale Wirtschaft werden.


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