Wirtschaftsdaten

Deutschlands Wirtschaft unter Druck: Produktion und Dienstleistungen schwächeln, Mittelstand denkt über Verlagerungen nach

Der nächste schwache Monatswert wäre verkraftbar. Schwieriger wird es, wenn Unternehmen ihre Investitionen dauerhaft verlagern. Neue Zahlen von Destatis und KfW liefern mehrere Warnsignale für Deutschland.
Report von Marc Nemitz Marc Nemitz · Wiesbaden, 07. September 2026

Die aktuellen Konjunkturdaten zeichnen ein schwieriges Bild für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Während die Produktion im Produzierenden Gewerbe im Juli 2026 erneut zurückging, meldete das Statistische Bundesamt auch für den Dienstleistungssektor sinkende reale Umsätze. Gleichzeitig zeigt eine Untersuchung von KfW Research, dass immer mehr exportorientierte Mittelständler über eine Verlagerung von Aktivitäten ins Ausland nachdenken. Besonders ausgeprägt ist diese Entwicklung im Verarbeitenden Gewerbe.

Die drei Entwicklungen sind nicht unmittelbar miteinander vergleichbar und beziehen sich teilweise auf unterschiedliche Zeiträume. Zusammengenommen zeigen sie jedoch, dass der wirtschaftliche Druck inzwischen sowohl Industrie als auch Dienstleistungen erfasst und Unternehmen zunehmend auf veränderte internationale Rahmenbedingungen reagieren.

Produktion sinkt im Juli um 1,1 Prozent

Die reale Produktion im Produzierenden Gewerbe sank im Juli 2026 gegenüber dem Vormonat saison- und kalenderbereinigt um 1,1 Prozent. Gegenüber Juli 2025 beträgt das Minus 1,6 Prozent. Auch die revidierten Juni-Zahlen liefern wenig Rückenwind. Statt der zunächst gemeldeten Steigerung von 0,2 Prozent stagnierte die Produktion gegenüber Mai.

Etwas positiver fällt lediglich der weniger schwankungsanfällige Dreimonatsvergleich aus. Zwischen Mai und Juli lag die Produktion 0,4 Prozent über dem Niveau der drei Monate zuvor. Deutlich schwächer entwickelte sich allerdings die eigentliche Industrieproduktion, also das Produzierende Gewerbe ohne Energie und Bau. Sie sank im Juli gegenüber Juni um 2,2 Prozent und lag 3,3 Prozent unter dem Vorjahresniveau.

Produktionsindex | (c) Destatis

Automobilproduktion bricht um 9,2 Prozent ein

Besonders deutlich war der Rückgang in der deutschen Automobilindustrie. Ihre Produktion sank im Juli saison- und kalenderbereinigt um 9,2 Prozent gegenüber dem Vormonat. Dabei ist allerdings Vorsicht bei der Interpretation notwendig. Als einen wesentlichen Faktor nennt Destatis eine mehrwöchige Produktionspause. Der Monatswert allein lässt deshalb noch keinen Rückschluss auf einen entsprechenden dauerhaften Nachfrageeinbruch zu.

Dennoch steht die Zahl in einem schwierigen Umfeld für Deutschlands Schlüsselindustrie. Auch bei den Investitionsgütern ging die Produktion im Juli insgesamt um 3,4 Prozent zurück. Konsumgüter verzeichneten ein Minus von 2,2 Prozent und Vorleistungsgüter von 0,2 Prozent. Gegen den Trend entwickelte sich die Energieerzeugung mit einem Plus von 4,7 Prozent. Dazu trugen insbesondere Windkraft und Photovoltaik bei. Auch die Bauproduktion legte um 0,9 Prozent zu.

Energieintensive Industrie bleibt schwach

Für die energieintensiven Industriezweige meldet Destatis ebenfalls einen Rückgang. Die Produktion sank im Juli gegenüber Juni um 1,7 Prozent.

Im Dreimonatsvergleich stagnierte sie, gegenüber Juli 2025 ergibt sich ein Minus von 0,5 Prozent.

Damit bleibt gerade jener Teil der Industrie unter Druck, für den Energiepreise eine besonders große Rolle bei der internationalen Wettbewerbsfähigkeit spielen.

Auch Dienstleistungen verlieren real an Umsatz

Die Schwäche beschränkt sich allerdings nicht auf die Industrie. Im deutschen Dienstleistungssektor ohne Finanz- und Versicherungsdienstleistungen gingen die realen Umsätze im Juni 2026 gegenüber Mai saison- und kalenderbereinigt um 1,7 Prozent zurück.

Nominal betrug das Minus 1,4 Prozent.

Interessant ist insbesondere der Vergleich zum Vorjahr: Gegenüber Juni 2025 lagen die nominalen Umsätze 2,7 Prozent höher, real gingen sie jedoch um 0,4 Prozent zurück. Die höheren Einnahmen in Euro übersetzen sich damit preisbereinigt nicht in reales Wachstum.

Am stärksten traf es im Monatsvergleich die freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen mit einem realen Rückgang von 2,3 Prozent.

Das Grundstücks- und Wohnungswesen verlor 1,8 Prozent. Verkehr und Lagerei sowie sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen kamen jeweils auf ein Minus von 1,6 Prozent. Selbst Information und Kommunikation verzeichnete einen Rückgang von 1,3 Prozent.

Mittelstand erwartet Gegenwind im Auslandsgeschäft

Parallel zu den aktuellen Konjunkturdaten zeigt eine Studie von KfW Research, dass sich auch die Erwartungen vieler international tätiger Mittelständler eintrüben.

30 Prozent der deutschen Mittelständler mit Auslandsgeschäft erwarten in den kommenden drei Jahren sinkende grenzüberschreitende Umsätze. Sechs Prozent rechnen sogar mit einem starken Rückgang. Knapp ein Viertel erwartet dagegen Wachstum, während 47 Prozent von weitgehend unveränderten Auslandsumsätzen ausgehen.

Die Befragung fand bereits im Januar 2026 statt. Die Ergebnisse bilden entsprechend die Einschätzung der Unternehmen zu diesem Zeitpunkt ab. Relevant ist das Auslandsgeschäft für einen erheblichen Teil der deutschen Wirtschaft. Von den knapp 3,9 Millionen Mittelständlern waren 2024 rund 21 Prozent international aktiv. Im Verarbeitenden Gewerbe lag der Anteil mit etwa 46 Prozent deutlich höher. Die Auslandsumsätze des Mittelstands beliefen sich 2024 auf 699 Milliarden Euro. Nominal stagnierten sie gegenüber dem Vorjahr, inflationsbereinigt gingen sie um 2,9 Prozent zurück.

Unternehmen suchen neue Absatzmärkte

Die Unternehmen reagieren bereits auf geopolitische Konflikte, handelspolitische Unsicherheiten und stärkeren internationalen Wettbewerb. Knapp 16 Prozent der international aktiven Mittelständler haben innerhalb der vergangenen fünf Jahre neue Exportmärkte erschlossen oder zusätzliche Kunden im Ausland gewonnen. Weitere sieben Prozent planen einen solchen Schritt.

Gleichzeitig nimmt die Bedeutung des europäischen Binnenmarktes zu. Etwa doppelt so viele Unternehmen planen laut KfW eine stärkere Ausrichtung auf die EU. Besonders hoch ist der Anpassungsdruck im Verarbeitenden Gewerbe. Auf diesen Wirtschaftszweig entfallen rund 43 Prozent der mittelständischen Auslandsumsätze.

29 Prozent der Industrieunternehmen denken über Verlagerungen nach

Die wohl auffälligste Zahl der KfW-Untersuchung betrifft allerdings nicht neue Absatzmärkte, sondern den Produktionsstandort selbst. In den vergangenen fünf Jahren hatten lediglich vier Prozent aller auslandsaktiven Mittelständler Tätigkeiten ins Ausland verlagert. Für die kommenden fünf Jahre planen dies nun zwölf Prozent. Im Verarbeitenden Gewerbe fällt der Wert noch deutlich höher aus: 29 Prozent der befragten auslandsaktiven Mittelständler planen zumindest teilweise Aktivitäten ins Ausland zu verlagern.

Für Wachstum und Wohlstand in Deutschland ist das eine bedenkliche Entwicklung.

Dr. Dirk Schumacher, KfW-Chefvolkswirt

Nicht jede dieser Absichten wird umgesetzt. KfW Research rechnet deshalb beispielhaft mit einer Realisierungsquote von 50 Prozent. Selbst unter dieser Annahme könnten innerhalb von fünf Jahren rund sieben Prozent der mittelständischen Industriebetriebe einen Teil ihrer Produktion ins Ausland verlagern.

Als zentrale Stellschrauben nennt Dr. Dirk Schumacher Bürokratieabbau, niedrigere Energie- und Arbeitskosten sowie geringere Steuern und Abgaben.

Kein einzelner Absturz, aber mehrere Warnsignale

Ein Rückgang der Monatsproduktion um 1,1 Prozent oder schwächere Dienstleistungsumsätze sind für sich genommen noch kein Beleg für eine neue fundamentale Wirtschaftskrise. Monatsdaten schwanken, Produktionspausen können einzelne Branchen stark beeinflussen und auch der Dreimonatsvergleich zeigt mit einem Plus von 0,4 Prozent ein differenzierteres Bild.

Problematischer ist die Kombination der Signale. Die Industrieproduktion liegt 3,3 Prozent unter dem Vorjahresmonat. Dienstleistungen verlieren real an Umsatz. Die Auslandsumsätze des Mittelstands gingen zuletzt preisbereinigt zurück. Gleichzeitig beschäftigen sich deutlich mehr Industrieunternehmen mit der Möglichkeit, Aktivitäten ins Ausland zu verlagern.

Damit verschiebt sich die Standortdebatte zunehmend von abstrakten Stimmungsindikatoren hin zu konkreten unternehmerischen Entscheidungen. Für Deutschland dürfte deshalb weniger entscheidend sein, ob einzelne Monatswerte im Herbst wieder ins Plus drehen. Die langfristig wichtigere Frage lautet, wo Unternehmen ihre nächsten Werke bauen, wo sie investieren und wo künftig neue Arbeitsplätze entstehen.

Wenn ein wachsender Teil des industriellen Mittelstands diese Frage nicht mehr selbstverständlich mit Deutschland beantwortet, wird aus einer konjunkturellen Schwäche zunehmend ein strukturelles Standortproblem. Die Gründer und Startups des Landes müssen hier auch ihren Teil beitragen und dafür sorgen, dass aus den entsprechenden Investitionen echte Wertschöpfung und damit die entsprechende Stütze für den Arbeitsmarkt entsteht.


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