Groß, größer, gelogen?
Gastbeitrag Moritz Grumbach - Vom berühmten Heerführer Dschingis Khan (13. Jhd.) weiß man, dass er seine Reiter aufforderte, lange Zweige an die Schwänze ihrer Pferde zu binden. Diese sollten im Angriff auf fremde Städte schon aus der Entfernung so viel Staub aufwirbeln, dass die dortigen Bewohner über die wahre Größe seiner Truppen getäuscht würden.
Um das Thema Staub aufwirbeln, Angriff und vielleicht auch um Täuschung geht es seit Jüngstem auch bei OpenAI und seinem neuen Modell GPT-5.6. Die Meldung, dass dieses und ein weiteres, noch potenteres Modell selbständig aus einer Testumgebung ausgebrochen (https://openai.com/de-DE/index/hugging-face-model-evaluation-security-incident/) waren und mit Hilfe eigenständig gestohlener Zugangsdaten einen erfolgreichen Hacking-Angriff auf die Plattform Hugging-Face verübten, schlug weltweit ein wie eine Bombe. Von einer „Zeitenwende“ bei KI (FAZ) war die Rede, als auch von unkontrollierbaren Fähigkeiten und Risiken, mit möglicherweise ungekannten Bedrohungspotenzialen (CRN) für die gesamte Menschheit.
Dass, um beim Bild zu bleiben, bei OpenAI die „Pferde durchgegangen“ sind, gilt als unbestritten. Bewiesen ist, dass am 21./22. Juli dieses Jahres die erwähnten Modelle tatsächlich aus einer sogenannten „Sandbox“ (Test-Umgebung) ausbrachen und sich Zugang zu Huggingface und möglicherweise weiteren Zielen (t3n) verschafften.
Was im medialen Staubwirbel auf diesen Vorfall jedoch unterging, war eine Frage, die eigentlich zur Standardausrüstung im Journalismus gehören sollte: Wer profitiert davon? Die Antwort darauf liefert ein Motto, welches sicherlich auch schon zu Dschingis Khans Zeiten galt: Follow the Money.
Die Probleme von OpenAI & Co
Fakt ist: Als amerikanische Anbieter sogenannter Frontier-LLMs kämpfen sowohl OpenAI (GPT), als auch dessen erbittertster Rivale Anthropic (Claude) mit hartnäckigen Profitabilitäts-Problemen. Ihre Modelle sind bisweilen 50 mal teurer, als die der chinesischen Konkurrenz, z.B. GLM 5.2 von Z.ai oder Moonshot’s KIMI, um nur zwei zu nennen. Große US-Firmen und Tools wie AirBnB oder Cursor sind bereits erfolgreich auf diese und andere asiatische Modellen umgestiegen (fortune) – eine brandgefährliche Entwicklung für Anthropic und OpenAI, gerade im Vorfeld ihrer geplanten Börsengänge.
Wie man mit solch „lästigen Fakten“ umgeht, hat bereits Elon Musk erfolgreich beantwortet. Die Message lautet: Verkündige Großes – und wenn es nicht funktioniert, verkündige noch Größeres. Und tatsächlich war auffällig, wie gerade im Falle Anthropics ganz LinkedIn gekapert schien von Nachrichten, die eine PR Abteilung nicht besser hätte formulieren können. Von „Claude just killed McKinsey“ (Dr. Ryan Ahmed, Ph.D., MBA, Linkedin) war die Rede. Jeden Tag hagelte es Meldungen, wie man mit einem Aufwand von wenigen Minuten ganze Industriezweige disrupten könne. Und GPT? Blieb eher der zweite Platz, in den USA auch unter dem Namen „first loser“ bekannt.
Als dann auch noch Anthropics neueste Modelle „Mythos“ bzw. „Faible“ medienwirksam abgeschaltet wurden (IT Administrator), weil jene von der amerikanischen Regierung als „zu potent“ eingeschätzt wurden, hatte Anthropic in Sachen „Greatness“ OpenAI endgültig den Rang abgelaufen. Was also tun?
Big News is Good News
Von Sam Altman, dem CEO von OpenAI, wird mehrfach berichtet, es mit der Wahrheit nicht allzu genau zu nehmen (ndtv). Oder, frei nach Trump formuliert: wahr ist, was Erfolg hat – gerade in den USA. Wenn also eine Frontier-KI wie GPT 5.6 in einem einzigen Angriff Millionenschäden in dreistelliger Höhe verursachen kann (insurancebusinessmag) – ist sie dann nicht erfolgreich, vielleicht sogar erfolgreicher als Claude?
Zumindest aus PR-Sicht scheint diese Taktik aufzugehen, wie eine quantitative Medien Analyse von Coleo zeigt: Waren bis zum „Hugging-Gate“ Angriff die Modelle von Claude deutlich repräsentierter in deutschen und internationalen Medien, hat OpenAI – zumindest nach Anzahl der Zitierungen – Anthropic wieder übertrumpft. Der jüngste Coup um den Ausbruch der neuen GPT-Modelle hinterlässt demnach auch eine andere, Lesart (cybersecurity-insiders), zumindest jedoch einen Beigeschmack: den nach Machthunger, Staub und Pferdeäpfeln.
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Moritz Grumbach ist Mitgründer des Startups Tracemedics und begleitet unter der Marke DeinStartup.Coach Gründer*innen beim Gang in den Markt und zur ersten Finanzierung.

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