Nevis holt sich 70 Millionen Dollar

Nevis automatisiert Finanzplanung, Kundenmanagement und administrative Prozesse. Berater sollen dadurch bis zu zehn Stunden pro Woche einsparen können. Jetzt erhält das Startup frisches Kapital.
News von Marc Nemitz Marc Nemitz · London, 27. Oktober 2026

Nevis hat zwei Jahre nach seiner Gründung eine Series-B-Finanzierung über 70 Millionen US-Dollar abgeschlossen. Die Runde wird vom europäischen Venture-Capital-Investor EQT Ventures angeführt.
Mit Charles Schwab beteiligt sich zudem einer der größten US-Finanzdienstleister als strategischer Investor. Weitere Kapitalgeber sind Sequoia Capital, ICONIQ, Ribbit Capital und QuantumLight, die Venture-Capital-Gesellschaft von Revolut-Gründer Nik Storonsky.
Sequoia Capital, ICONIQ und Ribbit Capital waren bereits zuvor an Nevis beteiligt und haben ihre Investments im Rahmen der neuen Runde erhöht.
Mit dem frischen Kapital steigt die Gesamtfinanzierung des Startups nach eigenen Angaben auf 110 Millionen US-Dollar.
Die Unternehmensbewertung und die Beteiligungsquoten der einzelnen Investoren wurden nicht veröffentlicht.
Im Zuge der Finanzierung zieht Carolina Brochado, Partnerin und Head of EQT Ventures, in den Verwaltungsrat von Nevis ein. Kaushik Subramanian übernimmt die Rolle eines Board Observers.
Das Kapital soll vor allem in die Weiterentwicklung der KI-Agenten und den Ausbau der Softwareplattform fließen.

KI-Betriebssystem für Finanzberater

Nevis entwickelt eine integrierte Softwarelösung für professionelle Vermögensverwalter und Finanzberater.
Das Unternehmen verfolgt den Ansatz, unterschiedliche Anwendungen und administrative Prozesse innerhalb einer gemeinsamen Plattform zusammenzuführen.
Zu den Funktionen gehören Customer Relationship Management (CRM), die Auswertung von Kundengesprächen, Finanzplanung und die Abwicklung von Prozessen mit Depotbanken.
Im Mittelpunkt stehen KI-Agenten, die wiederkehrende Arbeitsabläufe automatisiert bearbeiten sollen.
Dazu gehören beispielsweise die Vorbereitung von Kundenterminen, die Erstellung von Finanzplänen, administrative Aufgaben und die Eröffnung neuer Kundenkonten.
Bisher nutzen viele Vermögensverwalter unterschiedliche Softwarelösungen für diese Tätigkeiten.
Informationen müssen deshalb häufig zwischen mehreren Systemen übertragen werden.
Nevis will diese Prozesse miteinander verbinden und den manuellen Aufwand reduzieren.
Die Plattform soll Finanzberatern dadurch ermöglichen, mehr Zeit für die persönliche Betreuung ihrer Kunden aufzuwenden.

Gründerteam mit Erfahrung bei Revolut

Nevis wurde vor rund zwei Jahren von Mark, Philipp und Ivan gegründet. Die drei Gründer kennen sich aus ihrer früheren Tätigkeit beim britischen FinTech Revolut.
Dort sammelten sie Erfahrungen mit der Entwicklung und Skalierung digitaler Finanzdienstleistungen.
Diese Expertise wollen sie nun auf den Markt für professionelle Vermögensverwaltung übertragen.
Aus Sicht des Gründerteams besteht in der Branche ein erheblicher Modernisierungsbedarf.
Viele Unternehmen arbeiten mit historisch gewachsenen IT-Systemen und zahlreichen spezialisierten Anwendungen.
Dadurch entstehen zusätzliche Arbeitsschritte, etwa beim Erfassen von Kundendaten, bei der Dokumentation von Gesprächen oder bei der Vorbereitung finanzieller Empfehlungen.
Nevis setzt deshalb auf eine gemeinsame technische Infrastruktur, in der Daten und Arbeitsabläufe miteinander verknüpft werden.
Die KI soll Finanzberater bei ihrer täglichen Arbeit unterstützen und insbesondere zeitaufwendige administrative Tätigkeiten übernehmen.
Die persönliche Kundenbeziehung bleibt nach Darstellung des Unternehmens ein zentraler Bestandteil der Vermögensberatung.

Mehr als 700 Milliarden Dollar betreutes Vermögen

Nevis arbeitet nach eigenen Angaben bereits mit einigen der größten und wachstumsstärksten Vermögensverwaltungsunternehmen in den USA zusammen.
Zu den genannten Kunden gehören Focus Financial Partners, IEQ Capital und United Capital.
Die Unternehmen, die Nevis nutzen, repräsentieren zusammen ein betreutes Vermögen von mehr als 700 Milliarden US-Dollar.
Dabei handelt es sich um Vermögenswerte, die von den Kundenunternehmen verwaltet beziehungsweise betreut werden.
Die Summe beschreibt weder das eigene Vermögen von Nevis noch Kapital, das über die Plattform investiert oder verwaltet wird.
Innerhalb eines Jahres sei das betreute Vermögen der angebundenen Kunden von 50 Milliarden auf mehr als 700 Milliarden Dollar gestiegen.
Nach Unternehmensangaben kommen derzeit monatlich rund 75 Milliarden Dollar hinzu.
Die Zahlen zeigen, dass Nevis zunehmend größere Vermögensverwaltungsunternehmen als Kunden gewinnt.
Wie viele einzelne Unternehmen und Finanzberater die Plattform nutzen, wurde nicht veröffentlicht.

Bis zu zehn Stunden Zeitersparnis pro Woche

Nevis berichtet von deutlichen Effizienzsteigerungen bei seinen Kunden.
Finanzberater sollen durch die Automatisierung administrativer Prozesse bis zu zehn Arbeitsstunden pro Woche einsparen können.
Darüber hinaus würden Nutzer der Plattform nach Unternehmensangaben rund 30 Prozent mehr Gespräche mit potenziellen Neukunden führen.
Auch die Erstellung von Finanzplänen und Angeboten soll erheblich schneller erfolgen.
Aufgaben, die zuvor mehrere manuelle Arbeitsschritte erforderten, könnten mithilfe der KI innerhalb weniger Minuten erledigt werden.
Bei der Eröffnung neuer Kundenkonten spricht Nevis von einer Verkürzung der Bearbeitungsdauer von mehreren Wochen auf wenige Tage.
Die Software übernimmt dabei verschiedene operative Aufgaben, die bislang von Beratern oder unterstützenden Mitarbeitern bearbeitet wurden.
Bislang haben die KI-Agenten nach Unternehmensangaben mehr als 100.000 solcher Aufgaben abgeschlossen.
Die genannten Produktivitätswerte stammen vom Unternehmen. Angaben zur Stichprobengröße, zur Berechnung der Zeitersparnis oder zu unabhängigen Vergleichsstudien wurden nicht veröffentlicht.

Umsatz innerhalb eines Jahres mehr als verfünfundzwanzigfacht

Neben dem Wachstum des betreuten Vermögens der angeschlossenen Kunden berichtet Nevis von einer starken wirtschaftlichen Entwicklung.
Nach Unternehmensangaben hat sich der Umsatz innerhalb des vergangenen Jahres mehr als verfünfundzwanzigfacht.
Absolute Umsatzzahlen oder Angaben zur Profitabilität wurden nicht veröffentlicht.
Damit lässt sich aus der genannten Wachstumsrate allein noch keine Aussage über die aktuelle Umsatzgröße ableiten.
Parallel hat das Unternehmen sein Produktportfolio erweitert.
Nach eigenen Angaben wurden innerhalb des vergangenen Jahres mehrere Dutzend neue Produkte und Funktionen veröffentlicht.
Das Team umfasst inzwischen 70 Mitarbeiter.
Die Kombination aus wachsendem Kundenportfolio, neuen Funktionen und zusätzlichem Kapital soll nun die weitere Skalierung ermöglichen.
Nevis will seine KI-Agenten auf zusätzliche Bereiche der Vermögensverwaltung ausweiten und weitere bislang getrennte Arbeitsabläufe in die Plattform integrieren.

Charles Schwab beteiligt sich als strategischer Investor

Eine besondere Rolle innerhalb der Finanzierungsrunde spielt Charles Schwab.
Der US-Finanzdienstleister beteiligt sich nicht nur finanziell, sondern will auch die technologische Zusammenarbeit mit Nevis vertiefen.
Schwab betreut nach eigenen Angaben mehr als 17.000 unabhängige registrierte Anlageberater, sogenannte Registered Investment Advisors (RIAs).
Über seine Geschäftsbereiche hinweg verfügt das Unternehmen über mehr als 48 Millionen Kundenkonten und Kundenvermögen von rund 13 Billionen US-Dollar.
Für Nevis eröffnet die Partnerschaft die Möglichkeit, seine KI-Agenten stärker mit der Depot- und Verwahrinfrastruktur von Schwab zu verbinden.
Dadurch sollen zusätzliche Abläufe für Finanzberater automatisiert werden.
Dazu gehören insbesondere Prozesse, die bei der Verwaltung von Kundenkonten und der Zusammenarbeit mit Depotbanken entstehen.
Jon Beatty, Head of Schwab Advisor Services, sieht in der Kooperation eine Erweiterung des bestehenden KI-Angebots für Finanzberater.
Konkrete Umsatzvereinbarungen, exklusive Vertriebsrechte oder garantierte Kundenzahlen wurden nicht bekannt gegeben.

EQT Ventures sieht wachsenden Automatisierungsbedarf

Lead-Investor EQT Ventures begründet sein Engagement mit strukturellen Veränderungen im Markt für Vermögensberatung.
Die Nachfrage nach professioneller Finanzberatung wächst, während gleichzeitig zahlreiche erfahrene Berater in den Ruhestand gehen.
Dadurch entsteht aus Sicht des Investors ein zunehmender Bedarf an Technologien, die bestehende Beratungsteams produktiver machen.
Carolina Brochado, Partnerin und Head of EQT Ventures, sieht in Nevis eine Plattform, die Finanzunternehmen bei der Betreuung größerer Kundenbestände unterstützen kann.
EQT will dabei insbesondere sein Netzwerk innerhalb der Vermögensverwaltungs- und Finanzdienstleistungsbranche einbringen.
Auch QuantumLight beteiligt sich an der Runde.
Die Venture-Capital-Gesellschaft wurde von Revolut-Gründer und CEO Nik Storonsky gegründet.
Für das Nevis-Gründerteam hat die Beteiligung eine besondere Verbindung, da die Gründer zuvor selbst bei Revolut tätig waren.
Mit Sequoia Capital, ICONIQ und Ribbit Capital erhält das Unternehmen zudem weitere Unterstützung von bestehenden Investoren.

Nevis will zentrale KI-Plattform der Vermögensverwaltung werden

Mit der neuen Finanzierung verfolgt Nevis das Ziel, seine Plattform auf zusätzliche Bereiche der Vermögensverwaltung auszudehnen.
Die Software soll langfristig möglichst viele administrative Prozesse innerhalb eines Unternehmens abdecken.
Dafür will das Startup seine KI-Agenten weiterentwickeln und die Integration mit bestehenden Finanzsystemen ausbauen.
Die Strategie setzt auf eine umfassende Plattform, die mehrere bisher getrennte Anwendungen und Arbeitsabläufe miteinander verbindet.
Für Vermögensverwalter könnte dieser Ansatz insbesondere dann attraktiv sein, wenn sich damit Personalressourcen effizienter einsetzen und zusätzliche Kunden betreuen lassen.
Gleichzeitig stellt der Finanzsektor hohe Anforderungen an Datenschutz, Informationssicherheit, Dokumentation und regulatorische Kontrolle.
Der Einsatz automatisierter KI-Agenten muss deshalb mit geeigneten Kontrollmechanismen und klaren Verantwortlichkeiten verbunden werden.
Mit 110 Millionen Dollar Gesamtfinanzierung, einem Team von 70 Mitarbeitern und Kundenunternehmen mit mehr als 700 Milliarden Dollar betreutem Vermögen hat Nevis nach eigenen Angaben innerhalb von zwei Jahren eine beachtliche Marktposition aufgebaut.
Die nächste Wachstumsphase wird zeigen, wie weit sich die Automatisierung komplexer Vermögensverwaltungsprozesse ausbauen lässt und ob das Unternehmen seine Position gegenüber etablierten Softwareanbietern langfristig behaupten kann.


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