seragy sichert sich 12 Millionen Euro für neue Biomarker-Technologie gegen Parkinson und Alzheimer
Das Hannoveraner Biotech-Unternehmen seragy hat eine Finanzierung über 12 Millionen Euro abgeschlossen. Die Mittel stammen von der Commerzbank, der Mittelständischen Beteiligungsgesellschaft Niedersachsen und dem Land Niedersachsen. Das 2022 unter dem Namen Prosperodes gegründete Unternehmen entwickelt eine Technologie, mit der krankhafte Proteinablagerungen bei neurodegenerativen Erkrankungen präziser untersucht und quantifiziert werden sollen. Zusätzlich erhält seragy eine separate Forschungsförderung der Michael J. Fox Foundation für die Entwicklung eines Parkinson-Biomarker-Tests.
12 Millionen Euro für Forschung und internationale Expansion
Mit der Finanzierung will seragy die Entwicklung seiner proprietären Biomarker-Plattform SeRAS beschleunigen und seine Labor- und Analysekapazitäten in Hannover ausbauen.
Das Finanzierungspaket kombiniert Fremdkapital, Eigenkapital und öffentliche Fördermittel. Beteiligt sind die Commerzbank, die Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Niedersachsen (MBG) und das Land Niedersachsen.
Wie sich die insgesamt 12 Millionen Euro auf die einzelnen Finanzierungsinstrumente und Kapitalgeber verteilen, teilte das Unternehmen nicht mit. Es handelt sich somit nicht um eine klassische Venture-Capital-Finanzierungsrunde.
Die Mittel sollen außerdem für den Ausbau des Teams und die Erweiterung internationaler Kooperationen mit Pharma- und Biotechnologieunternehmen eingesetzt werden.
Parallel will seragy seine Präsenz auf europäischen und internationalen Märkten stärken.
Neue Biomarker für neurodegenerative Erkrankungen
Im Mittelpunkt der Forschung stehen sogenannte Proteopathien. Dabei handelt es sich um Erkrankungen, bei denen sich Proteine krankhaft verändern und zu Aggregaten zusammenlagern.
Zu dieser Gruppe gehören unter anderem Alzheimer, Parkinson und die amyotrophe Lateralsklerose (ALS).
Eine zentrale Herausforderung besteht darin, dass die zugrunde liegenden molekularen Prozesse selbst innerhalb derselben Erkrankung unterschiedlich verlaufen können.
Verschiedene Patienten können unterschiedliche Formen krankhafter Proteinaggregate aufweisen. Diese Unterschiede könnten für die Entwicklung und Bewertung neuer Medikamente relevant sein.
Bisherige Nachweisverfahren können bestimmte krankhafte Proteinstrukturen bereits mit hoher Empfindlichkeit erkennen. Für die quantitative Charakterisierung und Unterscheidung molekularer Varianten bestehen jedoch weiterhin technische Herausforderungen.
seragy will diese Lücke mit einer Technologie schließen, die über den reinen Nachweis hinaus zusätzliche Informationen über die Proteinaggregation liefert.
SeRAS soll molekulare Fingerabdrücke sichtbar machen
Die technologische Grundlage bildet die unternehmenseigene Plattform SeRAS. Die Abkürzung steht für „Seed Replication, Analysis and Subtyping“.
Das Verfahren basiert auf der gezielten Verstärkung krankhafter Proteinaggregate aus Patientenproben.
Dabei nutzt seragy die Eigenschaft bestimmter fehlgefalteter Proteine, weitere Proteinmoleküle zur Aggregation anzuregen.
Solche Prozesse werden bereits bei sogenannten Seed-Amplification-Assays genutzt, die insbesondere in der Forschung zu neurodegenerativen Erkrankungen eine wichtige Rolle spielen.
seragy entwickelt diesen Ansatz weiter, indem die Aggregationsprozesse zusätzlich quantitativ ausgewertet und molekulare Unterschiede erfasst werden sollen.
Die entstehenden Messdaten sollen charakteristische Muster beziehungsweise molekulare Fingerabdrücke liefern.
Damit verfolgt das Unternehmen das Ziel, unterschiedliche krankheitsrelevante Proteinvarianten zu erkennen und biologische Veränderungen im Krankheitsverlauf messbar zu machen.
MetisOne-Analyzer verbindet Biochemie und automatisierte Analyse
Ein zentraler Bestandteil der SeRAS-Plattform ist der von seragy entwickelte MetisOne-Analyzer.
Das Analysesystem kombiniert biochemische Verfahren mit empfindlicher optischer Messtechnik, automatisierter Datenauswertung, Softwarealgorithmen und mikromechanischen Komponenten.
Der Analyzer wurde dafür konzipiert, Proteinaggregationsprozesse aus Patientenproben quantitativ und reproduzierbar zu untersuchen.
Die gewonnenen Daten sollen sowohl Rückschlüsse auf unterschiedliche molekulare Subtypen als auch auf Veränderungen der Aggregationsprozesse ermöglichen.
Für die pharmazeutische Forschung könnten solche Informationen beispielsweise helfen, Wirkstoffkandidaten gezielter zu untersuchen oder biologische Effekte einer Behandlung genauer zu erfassen.
seragy positioniert die Plattform deshalb als Werkzeug für die translationale Biomarkerentwicklung.
Der Einsatzbereich reicht nach Unternehmensangaben von der frühen Wirkstoffforschung über präklinische Untersuchungen bis zur klinischen Entwicklung.
Konkrete Angaben zur diagnostischen Leistungsfähigkeit, klinischen Validierung oder regulatorischen Zulassung der Technologie enthält die Mitteilung nicht.
Michael J. Fox Foundation fördert Parkinson-Projekt
Zusätzlich zur Finanzierung über 12 Millionen Euro erhält seragy eine separate Forschungsförderung der Michael J. Fox Foundation for Parkinson’s Research.
Das Unternehmen gehört zu fünf ausgewählten Förderempfängern im Rahmen des Seed Amplification Assay Innovation Program.
Mit der Unterstützung soll ein quantitativer, auf SeRAS basierender Biomarker-Test für Parkinson entwickelt und evaluiert werden.
Die Förderung konzentriert sich damit auf einen konkreten Anwendungsfall der Plattform.
Ziel ist es, die Analyse krankhafter Proteinaggregation bei Parkinson zu verbessern und zusätzliche Informationen für die Entwicklung neuer Therapien bereitzustellen.
Wie hoch die individuelle Förderung für seragy ausfällt, wird nicht genannt.
Auch ein Zeitplan für den Abschluss der Entwicklung oder mögliche klinische Anwendungen wurde nicht veröffentlicht.
Biomarker sollen Medikamentenentwicklung unterstützen
Der Schwerpunkt des Geschäftsmodells liegt auf der Zusammenarbeit mit Pharma- und Biotechnologieunternehmen.
seragy will seine Technologie einsetzen, um biologische Krankheitsmechanismen besser zu charakterisieren und neue Biomarker für die Wirkstoffentwicklung bereitzustellen.
Solche Biomarker können in der Arzneimittelforschung verschiedene Funktionen übernehmen.
Sie können beispielsweise helfen, geeignete Patientengruppen zu identifizieren, krankheitsbezogene Veränderungen zu verfolgen oder die Wirkung experimenteller Behandlungen zu untersuchen.
Gerade bei neurodegenerativen Erkrankungen ist dies von Bedeutung, weil unterschiedliche molekulare Krankheitsmechanismen die Entwicklung zielgerichteter Therapien erschweren können.
Die SeRAS-Technologie soll dazu beitragen, diese Unterschiede genauer abzubilden.
Ob sich daraus tatsächlich höhere Erfolgsquoten bei der Medikamentenentwicklung ergeben, muss sich in weiteren Forschungs- und Entwicklungsprojekten zeigen.
Aus Prosperodes wird seragy
Das Unternehmen wurde 2022 unter dem Namen Prosperodes GmbH gegründet und tritt inzwischen als seragy holding GmbH auf.
Die wissenschaftliche Führung liegt bei Dr. Christiane Ritter und Dr. Thorsten Lührs, die gemeinsam auf nahezu drei Jahrzehnte Erfahrung in der Erforschung von Proteinaggregationsprozessen zurückblicken.
Ergänzt wird das Führungsteam durch den Finanz- und Unternehmensmanager Arne Ungruh.
Die Holdinggesellschaft hält die geistigen Eigentumsrechte, übernimmt zentrale Unternehmensfunktionen und vergibt die entsprechenden Technologielizenzen.
Das operative Geschäft mit Forschungsprojekten und Dienstleistungen für Partnerunternehmen wird insbesondere über die hundertprozentige Tochtergesellschaft seragy analytics GmbH abgewickelt.
Mit den neuen Finanzmitteln will das Unternehmen seine Technologieentwicklung und internationale Geschäftstätigkeit ausweiten.
Die Kombination aus Finanzierung, Forschungsförderung und Kooperationen mit der Pharmaindustrie soll die Grundlage schaffen, SeRAS als Plattform für quantitative Biomarker bei neurodegenerativen Erkrankungen weiterzuentwickeln.

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