Wie man ein Start-up komplett remote führt

Jonas Stamm hat sein Start-up in Schleswig gegründet, aber den Großteil seiner Mitarbeiter quer über den Globus verstreut. Hier verrät er seine Tipps und Tools für digitale Zusammenarbeit ohne gemeinsames Büro. 

Jonas Stamm ist nur einer von zwei Mitarbeitern in der Zentrale von Molteo in Schleswig, der Rest sitzt teils tausende Kilometer weit weg. Trotzdem arbeiten sie jeden Tag gemeinsam an einer Baustellensoftware, mit der Unternehmen unter anderem Personal planen und Zeit erfassen können. Stamm setzt bereits seit der Gründung in Deutschland im hohem Norden ganz bewusst auf ein Team, das auf der ganzen Welt arbeitet: in Taiwan, in Brasilien, in Frankreich und teilweise auch in Deutschland. Er ist damit vielen Gründern voraus, die das Remote-Arbeiten erst lernen müssen. Hier sind seine Tipps. 

Herr Stamm, Sie haben nicht in Berlin, Köln oder München, sondern in Schleswig gegründet. Warum denn das? 

Das ist zu großen Teilen der Branche geschuldet, in der wir unterwegs sind. Die Baubranche braucht lokale Anbindung, gerade wenn man als Start-up anfängt. Da geht es um Augenhöhe und darum, dass die Unternehmen einen Ansprechpartner vor Ort haben. Da kann ein Gespräch vor Ort wichtiger sein als ein schickes Büro in Berlin. 

Die meisten Start-ups in der Provinz leiden darunter, dass sie wenig Fachkräfte finden. Bei Ihnen ist das offenbar kein Problem. 

Wir stellen quasi gar nicht vor Ort ein. Neben mir gibt es nur einen anderen Mitarbeiter in Schleswig, den Rest rekrutieren wir komplett Online und auf der ganzen Welt. Die 15 anderen Mitarbeiter sind in Brasilien, Taiwan, Frankreich und vielen anderen Ländern. Wir arbeiten entsprechend komplett Remote und versetzt über alle Zeitzonen hinweg. 

Das hört sich kompliziert an. Sehen Sie sich denn regelmäßig? 

Wir sehen uns sogar den ganzen Tag. Wir nutzen natürlich Slack und dann Around, ein Tool, bei dem man in verschiedenen digitalen Räumen zusammenarbeitet und dort auch dazukommen oder weggehen kann. Alle Mitarbeiter haben dabei eigentlich immer Ihre Webcam an und Ihr Mikrofon auf, so dass es sich ein wenig nach Büroatmosphäre anfühlt. Morgens um 8:56 Uhr in Deutschland treffen wir uns täglich. Für einige startet da der Tag, für andere ist Mittag und für wieder andere geht es gen Abend. 

Wenn ich jemanden anschreien würde, dann würde ich etwas falsch machen.

Jonas Stamm, Molteo-Gründer

Was sind Voraussetzungen, damit so etwas klappen kann? 

Zwei Dinge sind entscheidend. Wir testen die künftigen Mitarbeiter ganz am Anfang darauf, ob sie Englisch sprechen, denn Englisch ist Unternehmenssprache und wer kein Englisch spricht, ist hier einfach nicht richtig. Und wir achten ganz genau darauf, dass die neuen Mitarbeiter komplett selbstständig arbeiten. Wenn ich mich darauf nicht verlassen kann, ist die Person auch nicht geeignet für unser Team. 

Gerade die schwierigen Gespräche sind Remote natürlich doppelt schwierig. Was ist, wenn Sie mal jemanden anschreien wollen? 

Wenn ich jemanden anschreien würde, dann würde ich etwas falsch machen. Bei uns gilt die Regel, dass wir keinen Schuldigen benennen, sondern nur, dass eine Situation Scheiße ist. Dann muss es schnell darum gehen, wie wir nie wieder in eine solche Situation kommen. Ich schreie also nie. 

Mit Mitarbeitern in Taiwan oder Brasilien haben Sie Kulturen die vollkommen unterschiedlich zueinander und zur deutschen Kultur sind. Wie gehen Sie damit um? 

Das ist in der Tat eine große Herausforderung, weil oft das Nichtgesagte das Schlimmste ist. Wenn ich jemandem zum Beispiel in Stichpunkten antworte, dann ist das nicht böse gemeint oder ich bin nicht genervt, sondern ich schreibe einfach gern so. Das muss jeder ganz klar kommunizieren. Jeder muss wissen: Das sagt der jetzt, weil er das so meint. Dazu sprechen ich oft und alle zwei Monate auch lange mit jedem Mitarbeiter. Diese Extra-Zeit müssen wir uns nehmen. 

Bei uns dürfen die Mitarbeiter vorschlagen, was sie verdienen.

Jonas Stamm, Molteo-Gründer

Gibt es noch andere Nachteile, alles vor dem Rechner zu machen? 

Die Welt ist gar nicht so globalisiert, wie man glaubt. Es gibt komplizierte Doppelbesteuerungsabkommen und kein einheitliches Arbeitsrecht, nicht einmal annähernd. Das ist natürlich komplex für uns und unseren Buchhalter, wenn man Verträge für Taiwan, Frankreich oder auch Brasilien jeweils einzeln aufsetzen muss. Da werden wir uns langfristig auf einige Hotspots konzentrieren, an denen wir dann rekrutieren. Sonst fasst sich unser Steuerberater nur noch an den Kopf. 

Führt das ständige vor dem Rechner sitzen nicht auch ein wenig dazu, dass man vereinsamt?

Wir können ja sehen, wann jemand wie lange in welchen Docs gearbeitet hat. Wenn die Kollegen merken, da ackert jemand zu viel, schicken die den auch mal ein paar Tage in den Urlaub. Das regelt sich ganz von allein. 

Das Team im eigenen Büro wächst am ehesten beim gemeinsamen Kaffee, Bier oder der Party nach Feierabend zusammen. Fehlt das bei Ihnen nicht? 

Jeder Mitarbeiter kann in seinem Profil eintragen, welche Interessen er hat und wir nutzen in unserem Ablagetool Notion auch Ordner, in denen es nur um das Thema geht. ‘Du liebst Gärtnern? Ok, geil, ich habe letztens was über Automatisierung von Hochgärten gelesen. Lass uns dazu mal reden’. Auch solche Chats gibt es bei uns, das ist auch wichtig für den Teamzusammenhalt. 

Ohne teures Büro in Berlin-Mitte sparen Sie natürlich viel Geld. Sehen die Mitarbeiter davon etwas? 

Bei uns dürfen die Mitarbeiter vorschlagen, was sie verdienen. Einige verhandeln dabei ganz gut, andere sind etwas zu schüchtern. Wenn aber einer ein hohes Gehalt fordert, fordere ich auch bestimmte Leistungen. Die meisten Mitarbeiter sind dann so ehrlich und sagen XYZ kann ich noch nicht leisten, aber ich nehme etwas weniger Gehalt und leiste dafür ABC und wir nähern uns XYZ. Wenn jemand so etwas nicht ehrlich reflektieren kann, ist er bei uns falsch. Das, was wir sonst an Geld sparen, geben wir für Teamevents aus, die wir mindestens einmal jährlich haben, dann auch persönlich und nicht nur vor dem Computer.

zur Person: Jonas Stamm ist Gründer von Molteo. Zuvor hat der studierte Ingenieur bereits zwei Unternehmen gegründet. Das 2011 gegründete Festival Pfandsystem hat er 2013 verkauft und von 2016 bis 2017 Jader aufgebaut, eine Plattform für Jadgreisen. Molteo hat der 29-Jährige bewusst in Schleswig gegründet.


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