Proptech

Boomerent: Wie zwei Gründer mit KI den intransparenten Immobilienmarkt aufmischen

Mietverträge sind oft ein „dicker Schinken“, Nebenkostenabrechnungen ein undurchsichtiges Labyrinth. Für gewerbliche Mieter ist das Immobilienmanagement meist ein blinder Fleck – und ein teurer dazu. Das PropTech-Startup Boomerent will das ändern. Wir haben uns die Gründungsgeschichte von Stephan Thiel und Ron van de Sand angesehen.
Portrait von Marc Nemitz Marc Nemitz · Wildau, 10. Oktober 2026

Startbase begleitet Startups aus dem Reaktor Wildau - Auftakt der Serie

Startbase startet eine neue exklusive Serie über die Startups des zweiten Batches des Accelerators Reaktor Wildau. Jeden Samstag begleiten wir die teilnehmenden Unternehmen und zeigt, wie sich Geschäftsmodelle, Produkte, Kundenbeziehungen und ursprüngliche Ziele während des Programms entwickeln. Der Reaktor Wildau unterstützt insbesondere Startups aus den Bereichen Künstliche Intelligenz, Mobilität und Energie beim Markteintritt und weiteren Wachstum. Den Auftakt der Serie macht das PropTech Boomerent, dessen Gründer Stephan Thiel und Ron van de Sand sich bei einer Investorenveranstaltung im Reaktor Wildau kennenlernten. Das Startup will mithilfe von KI mehr Transparenz in den gewerblichen Immobilienmarkt bringen.

Portrait Boomerent

Der Immobilienmarkt ist ein Ort der Asymmetrie. Während Vermieter über alle Daten verfügen, tappen Mieter oft im Dunkeln. Ist die Miete angemessen? Sind die Nebenkosten korrekt? Welche Fristen habe ich verpasst? Für viele Unternehmen sind Raumkosten nach den Personalkosten der zweitgrößte Kostenblock – und doch bleibt er oft unanalysiert.

Genau hier setzt Boomerent an. Das im Juni 2026 gegründete Startup versteht sich als „externes Immobiliendepartment“ für gewerbliche Mieter. Die Mission: Transparenz schaffen und die Warmmiete strukturell senken.

Das perfekte Match: Immobilien-Know-how trifft auf KI-Expertise

Hinter Boomerent stehen zwei Köpfe, die unterschiedlicher nicht sein könnten und sich doch perfekt ergänzen. Stephan Thiel bringt 16 Jahre Erfahrung im Immobilienmanagement mit, unter anderem bei der ECE Shopping Center. Ron van de Sand ist der Tech-Part: Er ist seit rund zehn Jahren im KI-Bereich unterwegs.

Kennengelernt haben sich die beiden bei einer Investorenveranstaltung im Reaktor Wildau. Was folgte, war kein Zufall, sondern eine systematische Prüfung. „Wir haben uns wie bei einem YC-Interview gegenseitig auf Herz und Nieren geprüft“, so die Gründer. Sie nutzten Persönlichkeitstests und Offsites, um sicherzustellen, dass nicht nur das Businessmodell, sondern auch die zwischenmenschliche Chemie stimmt. „Wir verbringen heute mehr Zeit miteinander als mit unseren Familien“, schmunzelt Thiel.

In drei Wochen zum Unternehmen

Dass das Duo es ernst meint, bewiesen sie bei der Gründung. Während andere in Deutschland Monate mit Bürokratie kämpfen, boxte das Team die Gründung in nur drei Wochen durch. „Man muss den Leuten auf die Nerven gehen und einen Gründungspartner finden, der pragmatisch an Verhandlungen herangeht“, erklärt Thiel. Mit Unterstützung eines effizienten Steuerberaters und einer schnellen Bank war das Unternehmen im Juni 2026 startklar.

Mehr als nur ein Nebenkosten-Tool

Boomerent ist kein klassisches „Nebenkosten-Claim-Tool“. Die Plattform fungiert als „Single Source of Truth“ für gewerbliche Mieter. Das System analysiert Mietverträge, Nebenkostenabrechnungen und sonstige Dokumente mittels OCR und KI. Es überwacht Fristen, prüft Optionsziehungen und deckt Rechenfehler auf.

Der Clou: Das Startup setzt auf eine „agentische Arbeitsweise“. Das bedeutet, dass nicht nur das Produkt KI-gestützt ist, sondern auch die internen Prozesse – von Sales über Marketing bis hin zur SEO-Optimierung – weitgehend automatisiert ablaufen. Das erlaubt es dem kleinen Team, extrem schlank zu bleiben und dennoch schnell zu skalieren.

Der „Data Moat“ als Burggraben

In einer Zeit, in der jeder mit ChatGPT experimentiert, stellt sich die Frage nach dem Wettbewerbsvorteil. Boomerent setzt hier auf einen sogenannten „Data Moat“. Während generische KI-Modelle auf öffentlichen Daten basieren, baut Boomerent auf proprietären Daten auf.

Durch strategische Partnerschaften – etwa mit der Bau-Akademie, die Daten aus 950 Büroimmobilien beisteuert, und Eurocres für Flächenoptimierung – verfügt das Startup über Benchmarks, die für andere Marktteilnehmer nicht zugänglich sind. „Das ist unser Burggraben“, so van de Sand. „Mit jedem Dokument, das hochgeladen wird, wird unser System besser und unangreifbarer.“

Ausblick: Skalierung statt VC-Druck

Aktuell ist Boomerent gebootstrapped. Das Startup hat bereits erste fünfstellige Umsätze erzielt und ist auf dem besten Weg, noch in diesem Jahr profitabel zu werden. Das Ziel für die nächsten Monate ist ambitioniert: 200 Mietverträge sollen auf der Plattform bis Ende 2026 gemanagt werden, 1400 im Jahr 2027.

Obwohl eine VC-Finanzierung für die spätere Skalierungsphase nicht ausgeschlossen ist, bleibt der Fokus vorerst auf dem organischen Wachstum. Boomerent zeigt eindrucksvoll, wie man mit einer Kombination aus tiefem Branchenwissen, technischer Exzellenz und einer ordentlichen Portion Pragmatismus einen festgefahrenen Markt aufbrechen kann.

Für gewerbliche Mieter könnte Boomerent damit genau das werden, was der Name verspricht: Ein Bumerang, der die Kosten dorthin zurückbringt, wo sie hingehören – in die Bilanz des Mieters.

 „Wir nehmen dem Mieter das Backoffice ab“ – Ein Gespräch mit den Boomerent-Gründern

Rafael Kugel, Reaktor Wildau im Gespräch mit den Boomerent Gründern

Rafael Kugel (Reaktor Wildau): Stephan, Ron, schön, dass ihr da seid. Ihr seid die Gründer von Boomerent. Erzählt doch mal: Was genau macht ihr, was ist euer Produkt und wie sieht eure Historie aus?

Stephan Thiel: Erstmal vielen Dank, Rafael. Es macht jedes Mal Spaß, hier im Reaktor zu sein. Wir sind ein Startup, das seit Juni 2026 existiert. Ich bringe mein 16-jähriges Vermieter-Know-how aus dem Immobilienmanagement ein, Ron steuert seine KI-Expertise bei. Gemeinsam entwickeln wir das externe Immobiliendepartment für gewerbliche Mieter. Unser Ziel ist es, Mietern – egal ob Büro, Bäckerei oder Einzelhandel – strukturell dabei zu helfen, ihre Warmmiete zu senken.

Ron van de Sand: Ich bin der Quereinsteiger in der Runde. Ich komme nicht aus der Immobilienbranche, bin aber seit zehn Jahren im KI-Bereich unterwegs. Ich baue die Plattform auf – von der Dokumentenanalyse und OCR bis hin zur Interpretation von Vertragstexten. Wir befinden uns gerade in der Transition vom ersten Prototypen hin zu einem neuen MVP, mit dem wir skalieren wollen.

Rafael Kugel: Wenn ich als Mieter zu euch komme, was passiert dann? Wie sieht der Prozess aus?

Stephan Thiel: Der Immobilienmarkt ist intransparent. Daten sind meist solitär auf ein Gebäude beschränkt. Wir haben erkannt, dass Mieter oft gar keine Zeit haben, sich um ihre Mietverträge und die komplexen Nebenkostenabrechnungen zu kümmern. Das sind oft die zweithöchsten Kosten nach dem Personal. Wir sagen: Konzentriert euch auf euer Kerngeschäft, wir nehmen euch das Backoffice ab.

Ron van de Sand: Genau. Du lädst alles hoch, was für dein Objekt wichtig ist – jeden Brief, jeden Vertrag. Wir werten das als KI-Plattform aus. Wir prüfen nicht nur die Plausibilität, sondern tracken auch Rechte, Pflichten, Optionsziehungen und Fristen. Das ist eine „Single Source of Truth“.

Rafael Kugel: Was kostet das den Kunden?

Ron van de Sand: Wir nehmen aktuell 10 Cent pro Quadratmeter, der auf unserer Plattform gemanagt wird. Dazu kommt eine Onboarding-Gebühr von 350 Euro pro Vertrag, da wir noch viel manuelle Arbeit in die Datenbereinigung stecken müssen. Das soll aber Ende des Jahres vollautomatisiert laufen.

Rafael Kugel: Wie kam es eigentlich zu dem Namen „Boomerent“?

Stephan Thiel: Der Name ist ein bisschen ambivalent, aber er provoziert Diskussionen. Der Bumerang bringt die Kosten dorthin zurück, wo sie hingehören – zum Betreiber, zum Mieter. Er schafft Transparenz und Compliance.

Ron van de Sand: Wichtig ist: Wir sind kein klassisches Nebenkosten-Claim-Tool. Es geht uns primär um Transparenz und Prozessautomatisierung, nicht nur darum, Geld vom Vermieter zurückzuholen.

Rafael Kugel: Euer Startup ist noch blutjung. Wie kommt das Produkt am Markt an?

Stephan Thiel: Wir haben derzeit zehn aktive Kunden und bereits fünfstellige Umsätze in den ersten zwei Monaten gemacht. Wir skalieren schnell. Besonders gut kommen wir im Gesundheitssegment an – bei Ärzten und Apothekern – sowie im Einzelhandel. Wir haben auch schon Anfragen von großen Konzernen, die hunderte Liegenschaften auf einmal prüfen wollen.

Ron van de Sand: Wir haben aktuell 120 Mietverträge auf der Plattform. Unsere Pilotkunden sind extrem wichtig, weil sie uns partnerschaftliches Feedback geben, um die Plattform sukzessive auf die nächste Ebene zu heben.

Stephan Thiel: Ergänzend dazu haben wir strategische Partner gewonnen, wie die Bau-Akademie in Berlin. Wir haben exklusiven Zugriff auf Daten aus 950 Büroimmobilien. Das heißt, wir können genau sagen: Sind deine Nebenkosten im Benchmark? Das ist unser „Data Moat“.

Rafael Kugel: Ihr seid komplett eigenfinanziert. Strebt ihr eine VC-Finanzierung an oder wie sieht euer Wachstumspfad aus?

Ron van de Sand: Wir wollen momentan bootstrappen. Wir liebäugeln zwar mit einer Finanzierungsrunde in der Skalierungsphase, um Sales-Personal einzustellen, aber aktuell ist das nicht geplant. Wir wollen so schlank wie möglich bleiben.

Stephan Thiel: Unsere Backoffice-Prozesse sind von Tag eins an agentisch aufgesetzt. Unser Ziel für nächstes Jahr sind mindestens 1.400 Mietverträge auf der Plattform. Damit decken wir alle Kosten locker. Ich gehe davon aus, dass wir dieses Jahr schon profitabel sind.

Rafael Kugel: Ihr seid zu zweit, aber sprecht oft von „neuen Mitarbeitern“. Was steckt dahinter?

Ron van de Sand: Wir versuchen, jeden Prozess – Sales, Marketing, SEO – zu automatisieren, bevor wir über Neueinstellungen nachdenken. Wir nutzen agentische Abläufe. Das funktioniert erstaunlich gut.

Rafael Kugel: Was war bisher der tiefste Punkt und was das Highlight?

Ron van de Sand: Einen richtigen Tiefpunkt gab es nicht. Die Frustration ist am höchsten, wenn man in Kundengesprächen weit kommt, und dann zwei Monate Funkstille herrscht. Das ist das klassische Henne-Ei-Problem bei Startups.

Stephan Thiel: Ein Highlight ist definitiv, dass wir uns gefunden haben. Wir sind nicht nur Gründer, sondern echte Freunde geworden. Dass wir uns bei einer Investorenveranstaltung hier im Reaktor Wildau kennengelernt haben, war pures Glück. Wir haben uns sogar mit Persönlichkeitstests und KI-Auswertungen geprüft, ob wir zusammenpassen. Und wir haben unsere Familien mit ins Boot geholt – die Rückendeckung ist unser Erfolgsfaktor.

Rafael Kugel: Letzte Frage: Woran macht ihr Erfolg fest?

Ron van de Sand: Wenn wir die neue Plattform als Self-Service-Lösung dieses Jahr erfolgreich etablieren und die PS auf die Straße bekommen, sind wir auf einem sehr guten Weg.

Stephan Thiel: Wir haben unsere Ziele klar definiert. Wenn wir die 200 Mietverträge bis Ende des Jahres knacken, ist das ein starkes Signal. Wir sind bereit für die Skalierung.

Rafael Kugel: Vielen Dank für das Gespräch, Stephan, Ron. Viel Erfolg weiterhin!

Das ausführliche Interview als Video


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