Der Tanker wird flottgemacht

Die Schifffahrt tat sich bisher mit der Digitalisierung schwer. Doch nun haben sowohl große Reeder als auch kleine Start-ups erkannt, dass sich etwas ändern muss. Ansatzpunkte gibt es genug.

In den großen Industriehäfen dieser Welt ist es mit der Digitalisierung auf den ersten Blick nicht weit her. Kräne, Containerschiffe und Hafenarbeiter agieren an der Oberfläche noch genauso wie vor zehn, 20 oder 30 Jahren: Ein Schiff fährt von A nach B, Container werden ausgeladen, umgeladen, eingeladen. 

Doch unter der Oberfläche tut sich einiges. „Die Schifffahrtsindustrie war noch nie ein Early Adopter, auch bei der Digitalisierung nicht”, sagt Experte Burkhard Sommer, „Aber so langsam machen sich alle Beteiligten auf den Weg.” Sommer ist stellvertretender Leiter des Maritimen Kompetenzzentrums der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC Deutschland. Dort analysiert er Trends, die den Warenhandel auf hoher See beeinflussen. Seit einigen Jahren zählt dazu auch die Digitalisierung. Dort beobachtet er vor allen Dingen eins: 

Sowohl alteingesessene Firmen als auch die Großreedereien und vor allen Dingen junge Start-ups wollen den alten Tanker Schifffahrt ein wenig wendiger machen. 

Große Reedereien bauen ihre Lösungen selbst

Tatsächlich bedeutet Digitalisierung in der Schifffahrt zunächst einmal vor allem: Abschied vom Papier. Dort erfolgt nämlich immer noch ein Großteil des Datenaustauschs, egal, ob es um die Ladung, begleitende Dokumente oder die Zollgenehmigungen geht. Grund dafür ist der hohe Internationalisierungsgrad der Industrie. Wenn ein Schiff Container von Hamburg nach Rio de Janeiro bringt und die dann per Lastwagen nach Peru müssen, ist eine ganze Reihe von Ländern, Behörden und Firmen involviert, die sich theoretisch auf ein Datenerfassungstool einigen müssten.

Die einzigen, die hier überhaupt einen Hebel haben, der groß genug ist, um wirkliche Veränderungen anzustoßen, sind die großen internationalen Reedereien. „Die Top-10-Liner sind gerade alle dabei, entsprechende Systeme aufzubauen”, erklärt Sommer. So zum Beispiel Maersk, die größte Container-Reederei der Welt. Die Dänen haben mittlerweile ein knappes Dutzend digitale Lösungen im Angebot, die es ihnen und ihren Kunden einfacher machen soll, Geschäfte abzuwickeln. Der Logistics Hub des Konzerns ermöglicht es etwa, die erwartete Ankunftszeit eines Schiffes zu tracken, Transportkosten zu vergleichen und freie Kapazitäten auf den Schiffen zu buchen. Auch Container-Buchung, Bezahlung und Tracking lassen sich bei der Kopenhagener Firma mittlerweile digital abwickeln.

Wenn also Industrie-Dickschiffe wie Maersk mit seinen 89.000 Mitarbeitern und fast 40 Milliarden US-Dollar Umsatz die Digitalisierung selbst in die Hand nehmen: Bleibt dann überhaupt noch Platz für Gründer? Burkhard Sommer sieht für Jungunternehmer durchaus Chancen: „Es braucht nach wie vor kleine, einfache Lösungen für die besonderen Probleme der Branche. Für Start-ups bieten sich da gute Geschäftsmodelle. Mit der zunehmenden Digitalisierung der gesamten Logistikbranche wird es dort immer weitere Anknüpfungspunkte für derartige Lösungen geben.”

PwC-Experte Sommer glaubt entsprechend, dass mehr Gründer in die Branche vorstoßen werden. „80 Prozent des weltweiten Warenhandels erfolgt über das Wasser”, sagt er. Lediglich die eine große, disruptive Lösung werde es eher nicht geben. „Dafür ist die Branche zu fragmentiert.” Doch reicht für ein Start-up nicht auch eine Nische

Die Antwort darauf findet man – wie sollte es anders sein – in Hamburg. Einer der Gründer des Unternehmens ist Otto Klemke. Der studierte Informatiker startete NautilusLog 2016 gemeinsam mit seinem Bekannten Sven Hamer und seinem Vater Ingo Klemke. Mit der Schifffahrt in Berührung gekommen war er erstmals über seinen Bruder. Der war Schiffsbesichtiger, eine Art Gutachter für die Seefahrt. „Als wir angefangen haben, haben wir uns zunächst angeschaut, was sich die Branche wünscht”, berichtet er. Eine Bitte, die immer wieder kam: Ein digitales Logbuch. 

Im Logbuch werden alle Daten rund ums Schiff erfasst: Zustand der Maschine, Routen, Ladung. NautilusLog will all das mithilfe einer App abbilden. Am Anfang galt es dabei, Widerstände abzubauen: „Gerade die Crews dachten am Anfang, dass sie mit unserem Tool nur Mehrarbeit haben.” Doch sie hätten schnell erkannt, dass NautilusLog ihnen vor allem Routinearbeit abnehme. 

"Wenn sie vom Schiff runtergehen, ist der Report schon fertig"

Otto Klemke, NautilusLog

Ein Feld, in dem das Angebot der Hamburger schon viel genutzt werden, sind eigenen Angaben zufolge Umweltreports. Wenn Gutachter dafür auf die Schiffe kommen, können diese mithilfe der App alle notwendigen Daten erfassen. „Wenn sie dann vom Schiff runtergehen, hat unser Tool den Report aus den entsprechenden Daten schon fast fertiggestellt.” Der Gutachter müsse  dann nur noch den Feinschliff übernehmen. Im vergangenen Jahr seien 1800 Berichte so entstanden, sagt Klemke. 

Langfristig erwartet Klemke, dass das digitale Logbuch Standard wird. „Aktuell sprechen wir mit der Internationalen Organisation für Normung über Vorgaben, die solche digitalen Logs erfüllen müssen”, sagt er. Wenn die Standards festgelegt sind und die Internationale Seeschifffahrts-Organisation diese übernimmt, könnte das digitale Logbuch auf allen Schiffen weltweit zum Alltag gehören.


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