Jaipur Robotics erhält 4,3 Millionen Euro für KI in Müllverbrennungsanlagen
Das Schweizer KI-Startup Jaipur Robotics hat eine Seed-Finanzierungsrunde über 4,3 Millionen Euro abgeschlossen. Angeführt wird die Runde von EquityPitcher Ventures und dem High-Tech Gründerfonds (HTGF). Das 2024 gegründete Unternehmen entwickelt Computer-Vision- und KI-Lösungen für Müllverbrennungs- und andere Industrieanlagen. Mit dem neuen Kapital will Jaipur Robotics international expandieren und seine Technologie weiterentwickeln.
KI soll Müllverbrennungsanlagen automatisieren
Jaipur Robotics setzt mit seiner Technologie bei einem bislang stark von manuellen Prozessen geprägten Industriezweig an. Weltweit gibt es nach Angaben des Unternehmens mehr als 3.100 Waste-to-Energy-Anlagen. Das Marktvolumen beziffert das Startup auf rund 40 Milliarden Euro.
Viele dieser Anlagen würden weiterhin mit manueller Überwachung und analogen Prozessen arbeiten. Jaipur Robotics will das mit einem KI-basierten Betriebssystem verändern.
Wir stellen uns eine Zukunft vor, in der Daten aus Abfällen Sicherheit und Automatisierung vollständig steuern.
Ermes Zamboni, Co-Founder und CEO Jaipur Robotics
Mithilfe von Kameras, Computer Vision und künstlicher Intelligenz analysiert die Technologie den angelieferten Abfall und übersetzt die gewonnenen Daten in Informationen für den Anlagenbetrieb. Damit sollen Risiken früher erkannt, Verbrennungsprozesse optimiert und perspektivisch auch Teile des Anlagenbetriebs automatisiert werden. Mit der Finanzierungsrunde will das Startup seine Technologie auf weitere Bereiche des Anlagenbetriebs ausweiten.
Mehr als 50 Millionen gelabelte Bilder
Nach eigenen Angaben verfügt Jaipur Robotics über den größten europäischen Datensatz für Waste-to-Energy-Anwendungen mit mehr als 50 Millionen gelabelten Bildern. Das System analysiert derzeit jährlich mehr als fünf Millionen Tonnen Abfall. Gefährliche Materialien sollen dabei mit einer Genauigkeit von 99 Prozent erkannt werden.
Aus diesen Daten entstehen unter anderem Echtzeitwarnungen für den Anlagenbetrieb. Jaipur Robotics gibt an, dass sich ungeplante Stillstände bei Kunden dadurch um mehr als 80 Prozent reduzieren lassen. Auch die Zusammensetzung des Abfalls wird analysiert. Durch die Erfassung unterschiedlicher Heizwerte soll das Material besser gemischt und der Verbrennungsprozess effizienter gesteuert werden können. Das Unternehmen beziffert den dadurch entstehenden zusätzlichen Wert auf mehr als eine Million Euro pro Anlage und Jahr.
KI unterstützt auch die Kransteuerung
Ein weiterer Anwendungsbereich ist die Steuerung der Kräne, mit denen Abfälle innerhalb der Anlagen bewegt und gemischt werden. Auf Grundlage der erfassten Daten kann das System Empfehlungen für Kranbewegungen erstellen. Über vorausschauende Steuerung sollen Abläufe zunehmend automatisiert und die Produktivität der Anlagen erhöht werden.
Damit entwickelt sich Jaipur Robotics von einer reinen Computer-Vision-Lösung zunehmend in Richtung einer Steuerungs- und Datenplattform für den gesamten Anlagenbetrieb. Langfristig steht dabei die stärker autonome Industrieanlage im Mittelpunkt. Neben Waste-to-Energy sieht das Unternehmen seine Technologie auch für Zement- und Biomasseanlagen als einsetzbar an.
HTGF und EquityPitcher führen Seed-Runde an
Mit EquityPitcher Ventures und dem High-Tech Gründerfonds erhält Jaipur Robotics zwei Investoren, die sich auf technologiegetriebene Unternehmen konzentrieren.
HTGF-Investmentmanagerin Anna Stetter verweist insbesondere auf die Kombination aus Datensatz, technischer Expertise des Gründerteams und den bereits messbaren Ergebnissen bei Kunden. Das Team verbinde Kenntnisse aus Maschinenbau und Deep Learning mit Erfahrung bei der Implementierung von Technologie in Industrieanlagen. EquityPitcher sieht Potenzial für eine internationale Skalierung. Investmentmanager Silvan Gehmann hebt insbesondere die enge Zusammenarbeit des Unternehmens mit seinen Kunden hervor. Diese solle auch die weitere Produktentwicklung hin zu zunehmend autonomen Anlagen prägen.
Expansion über Europa hinaus
Jaipur Robotics arbeitet bereits mit Kunden in Europa zusammen und rollt seine Technologie nach eigenen Angaben derzeit auf weitere Waste-to-Energy- und Industrieanlagen auf mehreren Kontinenten aus. Mit den 4,3 Millionen Euro soll diese Expansion beschleunigt werden. Neben neuen Regionen will das Unternehmen weitere vertikale Märkte erschließen und die Funktionalität seiner Plattform ausbauen.
Parallel wächst auch das Team. Jaipur Robotics beschäftigt derzeit rund 40 Mitarbeiter und unterhält zwei Forschungs- und Entwicklungszentren in der Schweiz und Asien. Zusätzlich sucht das Startup neue Mitarbeiter in den Bereichen KI, Engineering und Vertrieb.
KI für eine bislang wenig digitalisierte Industrie
Gegründet wurde Jaipur Robotics 2024. Der Hauptsitz befindet sich im Technopole Ticino in Manno bei Lugano. Das Unternehmen positioniert sich an der Schnittstelle zwischen künstlicher Intelligenz, Computer Vision und klassischer Industrieautomation. Gerade der Waste-to-Energy-Sektor bietet dafür ein interessantes Anwendungsfeld. Schwankende Zusammensetzungen des angelieferten Abfalls erschweren die Automatisierung, während gefährliche Materialien erhebliche Risiken für Anlagen und Mitarbeiter darstellen können.
Kann KI diese Stoffströme zuverlässig erkennen und daraus direkt Steuerungsinformationen ableiten, könnte sich der Einsatz deutlich über reine Überwachungsfunktionen hinaus entwickeln. Genau darauf zielt Jaipur Robotics. Aus der visuellen Erkennung von Abfällen soll schrittweise ein datengetriebener und zunehmend automatisierter Anlagenbetrieb entstehen. Mit der Seed-Finanzierung über 4,3 Millionen Euro will das Schweizer Startup diesen Ansatz nun international skalieren.

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