Nach Motatos-Rückzug: afreshed startet Retterbox in Deutschland und Österreich
Die österreichische afreshed Group übernimmt einen Teil des von Motatos hinterlassenen Geschäfts in Deutschland und Österreich. Seit dem 1. September 2026 betreibt die Gruppe mit Retterbox einen neuen Onlineshop für überschüssige und vor der Verschwendung bewahrte Lebensmittel. Grundlage ist eine Übergangs- und Kooperationsvereinbarung mit Motatos. Auch drei Führungskräfte des bisherigen DACH-Geschäfts wechseln zum neuen Anbieter.
Retterbox wird damit zur dritten Marke der afreshed Group neben afreshed und etepetete. Während die Gruppe bislang vor allem gerettetes Obst und Gemüse vermarktete, erweitert sie ihr Geschäftsmodell nun um haltbare Markenlebensmittel.
Retterbox folgt auf Motatos
Motatos hatte seinen deutschen Onlineshop im Mai 2026 geschlossen und sich aus Deutschland und Österreich zurückgezogen. Nach Unternehmensangaben hatte der schwedische Lebensmittelretter zuvor rund 40.000 Tonnen Lebensmittel vor der Verschwendung bewahrt. Mit Retterbox soll ein Teil der aufgebauten Strukturen nun weitergeführt werden. afreshed und Motatos haben dafür eine Übergangs- und Kooperationsvereinbarung geschlossen.
Mit der Weiterführung des Motatos-Angebots in Deutschland und Österreich sind die Voraussetzungen für diese Mission optimal erfüllt. Von der Mitwirkung unserer Lieferanten und der großartigen Unterstützung bestehender und neuer Kundinnen und Kunden sind wir bereits jetzt überwältigt.
Lukas Forsthuber, Maximilian Welzenbach und Bernhard Bocksrucker, Gründer der afreshed Group.
Die bisher von Motatos aufgebauten Marktkenntnisse, Lieferantenbeziehungen und Kommunikationskanäle sollen den Start der neuen Marke unterstützen. Die bisherigen Webseiten von Motatos in Deutschland und Österreich leiten künftig auf Retterbox weiter. Zusätzlich begleiten beide Unternehmen den Übergang mit einer gemeinsamen Kundenkampagne. Eine direkte Übertragung von Kundendaten findet nach Angaben der Unternehmen nicht statt. Bisherige Motatos-Kunden müssen sich selbst bei Retterbox registrieren.
Ehemaliges Motatos-Führungsteam wechselt mit
Neben Teilen des Netzwerks übernimmt Retterbox auch Erfahrung aus dem bisherigen DACH-Geschäft von Motatos. Ben Hulme wechselt als Managing Director zur neuen Marke, Ina Schahin übernimmt die Position der Commercial Director und Jens Pöhnisch wird Buying Director. Alle drei hatten zuvor gemeinsam das Motatos-Geschäft in Deutschland und Österreich geführt.
Damit kann Retterbox beim Aufbau des Geschäfts auf bestehende Kontakte zur Lebensmittelindustrie zurückgreifen. Mehrere Lieferanten hätten bereits vor dem Start Waren für die neue Plattform zugesagt.
Für afreshed reduziert das den Aufwand eines vollständigen Neustarts. Statt Kunden-, Lieferanten- und Branchenkontakte von Grund auf neu aufzubauen, kann die Gruppe zumindest teilweise an die Marktpräsenz des ausgeschiedenen Wettbewerbers anknüpfen.
Rund 500 Produkte zum Start
Zum Start umfasst das Angebot von Retterbox rund 500 haltbare Lebensmittel in acht Kategorien. Dazu gehören unter anderem Vorratsprodukte, Süßwaren, Snacks, Saucen und Gewürze. Die Produkte sind grundsätzlich noch einwandfrei, finden aber beispielsweise aufgrund von Überproduktion, Verpackungsfragen oder eines näher rückenden Mindesthaltbarkeitsdatums keinen Platz mehr im regulären Handel.
Es gibt weiterhin jeden Tag einwandfreie Markenware, die abgeschrieben wird, und Haushalte, die genau
Ben Hulme, Managing Director Retterbox
diese Produkte zum richtigen Preis suchen. Diesmal starten wir bewusst klein und wachsen erst, wenn die Abläufe tragen.
Bei jedem Artikel soll deshalb transparent angegeben werden, weshalb er gerettet wurde und wie lange er mindestens haltbar ist. Zum Startsortiment gehören beispielsweise überschüssige Schokolade eines Schweizer Premium-Herstellers sowie 1.000 Packungen Kaffee der Sozialunternehmen-Marke Angelique's Finest, die kurz vor Erreichen des Mindesthaltbarkeitsdatums übernommen wurden.
Bestellungen sind über den Onlineshop und die Retterbox-App möglich. Geliefert wird nach Deutschland und Österreich. Der Mindestbestellwert beträgt 20 Euro, ab 45 Euro ist der Versand kostenfrei. Logistik und Kommissionierung übernimmt das Zentrallager der afreshed Group bei Wien.
afreshed erweitert sein Geschäftsmodell
Für die afreshed Group ist Retterbox mehr als eine zusätzliche Marke. Das 2021 in Linz gegründete Unternehmen erweitert damit sein bisheriges Sortiment deutlich. Zur Gruppe gehören bereits afreshed in Österreich und etepetete in Deutschland. Das bisherige Geschäft konzentriert sich insbesondere auf gerettetes Bio-Obst und -Gemüse. Retterbox ergänzt nun das Trockensortiment.
Damit vereint die Gruppe erstmals frische und haltbare gerettete Lebensmittel unter einem Dach. Langfristig verfolgt afreshed das Ziel, daraus ein möglichst umfassendes Sortiment geretteter Lebensmittel aufzubauen. An der afreshed Group ist die Raiffeisen-Holding Niederösterreich-Wien mit 25,1 Prozent beteiligt.
Lebensmittelrettung als Geschäftsmodell
Retterbox setzt auf ein Problem innerhalb der Lieferketten von Lebensmittelherstellern und Händlern. Überproduktionen, Sortimentswechsel, kurze Restlaufzeiten oder Verpackungsänderungen können dazu führen, dass grundsätzlich verkaufsfähige Ware nicht mehr über die regulären Kanäle abgesetzt wird.
Plattformen wie Motatos haben daraus ein Geschäftsmodell entwickelt: Sie übernehmen entsprechende Bestände, verkaufen sie rabattiert an Endkunden und schaffen gleichzeitig einen zusätzlichen Absatzkanal für Hersteller. Dass Retterbox unmittelbar nach dem Rückzug von Motatos mit erfahrenem Führungsteam, bestehenden Lieferantenkontakten und rund 500 Produkten startet, verschafft der neuen Marke einen vergleichsweise schnellen Markteintritt.
Aus dem Rückzug eines Wettbewerbers entsteht eine neue Marke
Strategisch interessant ist vor allem die Art des Übergangs. afreshed übernimmt Motatos nicht vollständig, sondern nutzt über eine Kooperationsvereinbarung Teile des aufgebauten Netzwerks und der Reichweite, während die neue Marke eigenständig innerhalb der afreshed Group entsteht. Für die österreichische Gruppe ergibt sich dadurch die Möglichkeit, ihr Geschäftsmodell auf einen deutlich größeren Teil des Lebensmittelkorbs auszuweiten. Gleichzeitig kann Retterbox auf einen Markt treffen, der durch Motatos bereits mit dem Konzept rabattierter geretteter Markenprodukte vertraut gemacht wurde.
Ob daraus langfristig tatsächlich das von afreshed angestrebte gerettete Vollsortiment entsteht, wird nun vor allem von Lieferantenverfügbarkeit, Kundenbindung und der Wirtschaftlichkeit der Logistik abhängen. Gerade im Online-Lebensmittelhandel bleibt die Balance zwischen niedrigen Produktpreisen, Versandkosten und ausreichenden Warenkörben eine zentrale Herausforderung.

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