„Verlieb Dich nie in einen Deal“

Olaf Jacobi ist Managing Partner bei Capnamic Ventures, einem der größten deutschen Frühphasen-Investoren. Im Interview mit Startbase erklärt er, worauf er bei aufstrebenden Unternehmen achtet und warum er sich über keine vertane Chance ärgert.

Zum Interview kann man auch Olaf Jacobi dieser Tage nur per Videokonferenz treffen. Der Managing Partner von Capnamic Ventures ist im Stress, ein Anschlusstermin winkt. Trotzdem nimmt er sich eine gute Stunde Zeit, um zu erklären, wie einer der größten deutschen Frühphasen-Investoren seine Entscheidungen trifft.

Herr Jacobi, Capnamic investiert in sehr junge Unternehmen, die meist noch wenig Leistungsnachweise haben. Wie erkennen Sie da, welche Firmen eine vielversprechende Zukunft vor sich haben?

Wir haben ein Credo, dem wir schon seit Jahren treu sind, und das umfasst drei Dinge: Team, Timing und Technologie. Konkret: Die Technologie muss skalierbar und verteidigbar sein, das ist denke ich selbsterklärend. Insbesondere das Gründer-Team muss top sein,  denn auf sie kommt es an, ob das Startup weitere Top-Talente anwerben und das Unternehmen auf Wachstumskurs bringen kann. Das Timing wiederum hängt viel von den Märkten ab. Gute Teams finden den passenden Einstiegspunkt.

Ist eine gute Geschäftsidee nicht zu jedem Zeitpunkt eine gute Geschäftsidee?

Das richtige Timing ist entscheidend dafür, ob eine Geschäftsidee fliegen wird oder nicht. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Der Markt zu Produkten rund um Drohnen explodierte vor sechs, sieben Jahren. Deswegen bin ich mit meinem vorherigen Fund in Dedrone eingestiegen, die sich um Drohnenabwehr mithilfe von Sensoren kümmern. Einige Jahre früher wären wir nicht eingestiegen, und heute auch nicht. Wenn Sie zu früh sind, dann benötigt ein Startup sehr viel Kapital, um bis zur Marktexplosion durchzuhalten. Sind Sie zu spät, zahlen Sie auch mehr Geld, um den Rückstand aufzuholen.

Capnamic ist bei Startups aus verschiedensten Bereichen investiert, von Software-as-a-Service über Ausgabenmanagement bis hin zu Insurtechs. Hand aufs Herz: Verstehen Sie immer, was Ihnen die Gründer da erzählen?

Als VC muss man unglaublich neugierig sein, und man muss immer bereit sein, sich in neue Felder einzuarbeiten. Ich treffe ja meine Entscheidungen nicht alleine, sondern wir treffen unsere Entscheidungen immer im Team, das ganz unterschiedliche Hintergründe hat. Erfolgreiche VCs kommen aus allen Bereichen: Juristen, Physiker oder BWLer, da ist alles dabei.

„VCs müssen auch hart sein und sich um Distanz bemühen.“

Es gehört aber doch sicher mehr als Neugierde dazu…

VCs müssen auch hart sein und sich um Distanz bemühen. „Verlieb Dich nie in einen Deal“, das ist so eine Redensart unserer Branche. Gerade bei jungen Kollegen beobachte ich das oft, die finden am Anfang fast alles klasse. Nach einer Zeit kippt es in die andere Richtung und sie werden überkritisch, das ist natürlich auch nicht ideal. Meist pendelt sich das aber langfristig auf einem guten Niveau ein, zwischen ehrlicher Begeisterung und gesunder Skepsis.

Bei wie vielen Pitches müssen Sie sich zurückhalten, um nicht lauthals loszulachen?

Manchmal gibt es das, aber das sind Sonderfälle. Klar, wir sagen sehr oft nein. Wir lesen beziehungsweise hören tausende Cases im Jahr, investieren davon im Durschnitt in vielleicht vier bis zehn. Das bedeutet aber nicht, dass der ganze Rest schlechte Cases sind. Wir haben unser klares Anforderungsprofil, unsere klare Investment-Strategie, und nur in der investieren wir.

Wie definiert sich diese Investment-Strategie?

Zunächst mal liegt es in der Natur des Frühphaseninvestments, dass wir vor allem nach stark skalierbaren Startups suchen. Manch ein Gründer bringt einen sehr guten Businessplan mit, wird wahrscheinlich auch profitabel sein. Aber für uns sind nur die interessant, die das Potential haben, richtig groß zu werden. Venture Capital ist die Suche nach sogenannten Outliers.

Zudem fokussieren wir uns bei Capnamic primär auf B2B-Lösungen. Das ist der Bereich, in dem wir uns auskennen und in dem wir am besten die Erfolgsaussichten einschätzen können.

Selbst bei den besten VCs geht mal ein Investment daneben. Wann ist für Sie der Zeitpunkt gekommen, ein Startup abzuschreiben?

Wenn man sich das Portfolio vieler erfolgreicher VCs anschaut, dann ist zu erkennen, dass pro Fund nur zwei oder drei Unternehmen richtige Überflieger werden und den Erfolg des Funds ausmachen. Welches Unternehmen das am Ende sein wird, ist oft für viele Jahre nicht deutlich. Daher geben wir bei unseren Investments nicht schnell auf, auch in harten Zeiten. Das schätzen auch unsere Gründer an uns.. Wir helfen, beraten, versuchen bei Streitigkeiten zu vermitteln. Gerade letzteres ist wichtig, denn wenn ein Startup scheitert, dann auch, weil sich die Gründer zerstreiten.

Neben verfehlten Investments gibt es auch die, die man einst absagte, aber im Nachhinein gerne gemacht hätte. Auch bei Ihnen?

Natürlich, das passiert jedem VC. Zum Beispiel Talon.One vom Lieferando-Gründer Christoph Gerber, eine Plattform zur Organisation von Werbekampagnen mit Gutscheinen oder Rabatten. Das hatte ich auf dem Tisch und habe es nicht gemacht. Es gibt noch viele andere Beispiele von Unternehmen, die ich abgelehnt habe und die dann später Milliarden wert waren. Natürlich tut das jedes Mal weh, aber es gehört zum Job eines VCs. Ein gutes Anti-Portfolio ist sogar wichtig für einen Investor. Es zeigt, dass man viele gute Deals gesehen hat, sich eine Meinung gebildet hat, die natürlich auch falsch sein kann, und dass einige der abgesagten Deals später groß und erfolgreich werden.

Ist man da neidisch?

Überhaupt nicht. Ich freue mich über jedes erfolgreiche Startup, denn es hilft unserem Tech-Ökosystem hier in Deutschland. Außerdem war ich selbst Gründer, ich weiß also ganz genau, wie toll ein erfolgreicher Exit sein kann. Das gönne ich jedem Startup, Gründer und Investor von Herzen.

Zur Person: Olaf Jacobi ist Managing Partner bei Capnamic Ventures, einem auf B2B-Geschäftsmodelle fokussierten Early Stage Investor mit Sitzen in Köln und Berlin. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung als Manager, Unternehmer und Investor. Zwischen 2007 und 2015 war er Partner und Miteigentümer des VCs Target Partners. Von 1999 bis 2007 gründete und etablierte er mehrere Startups, die zu erfolgreichen Exits führten. Jacobi hat in Hamburg Betriebswirtschaft studiert.


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