Habt Mut zu neuen Arbeitsmodellen

Gründerinnen und Gründer sollten sich nicht lange mit Debatten über das Für und Wider von Homeoffice und Co. aufhalten, sondern einfach mal machen, schreibt Eric Demuth in seinem Gastbeitrag.

Alle zurück ins Office, oder nicht? Das Thema polarisiert – in den sich vorsichtig nähernden post-pandemischen Zeiten wohl mehr denn jemals zuvor. Remote, im Büro oder hybrid: Wir reden seit über 18 Monaten von den jeweiligen Vor- und Nachteilen. Und natürlich ist diese Debatte ein unglaubliches Privileg, schließt sie doch erhebliche Teile der hiesigen Wirtschaft aus: das produzierende Gewerbe, die Gastronomie, den Handel, die Tourismus-Sparte, und viele mehr.

Nun denn, seither teilen sich die Meinungen grob in zwei Lager: Die einen möchten Homeoffice – insbesondere die gewonnene Freiheit und Flexibilität – nicht mehr missen, die anderen finden es einfach nur mühsam. Kritik am Homeoffice kam von ihnen zuhauf: zentrale Faktoren für Zusammenarbeit, Kommunikation und Produktivität würden in den eigenen vier Wänden oftmals zu kurz kommen. Diese Diskussionen sind schlichtweg ermüdend, denn die eine Lösung für alle, die gibt es eben nicht. Fakt ist: Manche arbeiten besser im Büro. Manche sind zu Hause fokussierter und produktiver. Und viele von uns finden, dass wir am effektivsten sind, wenn wir Optionen haben.

Übergangszeiten waren schon immer anspruchsvolle Zeiten. Für Bitpanda und andere Technologie-Unternehmen war der notwendige Wechsel zu 100 Prozent remote gewiss etwas einfacher als für traditionelle Unternehmen. Dennoch mussten wir diesen Übergang im März 2020 organisieren, damals noch mit knapp 200 Mitarbeiter*innen. Wir beobachteten, kommunizierten und sensibilisierten – und improvisierten manchmal. Gewohnheiten können bekanntlich Fesseln des Fortschritts sein. Die Pandemie hat jene Transformation weiter beschleunigt, die charakteristisch ist für ein Scale-up in der Hypergrowth-Phase: über (Länder)Grenzen hinweg sehen sich Kolleg*innen nun als ein Team, egal von wo sie arbeiten und wo der andere jeweils sitzt. Heute umfasst unser Team dreimal so viele Personen.

Für viele Angestellte weltweit bedeutet bereits der Herbst das Ende des Remote-Experiments und den Beginn der Rückkehr ins Office. Hierbei sollten wir uns klar darüber sein: Wer zu voreilig seine Angestellten zurückbeordert und auf Anwesenheit pocht, der läuft Gefahr, einige seiner talentiertesten Mitarbeiter zu verlieren. Laut einer Befragung der Nachrichtenagentur Bloomberg würden knapp 40 Prozent der Beschäftigten überlegen, zu kündigen, wenn ihr Unternehmen keine flexible Homeoffice-Regelung beibehält. Bei den jungen Talenten, also jenen die nach 1980 geboren wurden, ist das Meinungsbild noch eindeutiger: Für 49 Prozent wäre die Rückkehr zu weniger flexiblen Arbeitsmodellen ein Kündigungsgrund. Ähnliches Bild in einer EY-Befragung: Junge Beschäftigte wollen laut Studien eher ins Büro zurück, eben weil es wichtiger Teil des Soziallebens ist und sich viele im Lockdown isoliert fühlten. Gleichzeitig fordern sie flexible Modelle, würden sogar kündigen, wenn es kein Homeoffice gibt. All das zeigt: Die Pandemie hat kulturelle und technologische Barrieren durchbrochen, die in der Vergangenheit Remote-Work verhindert haben – und damit zumindest für einige Menschen einen strukturellen Wandel in der Arbeitswelt in Gang gesetzt. Gut so.

Wir sollten uns nicht lange mit Debatten über das Für und Wider des jeweiligen Modells aufhalten und stattdessen mal den Mut haben, wirklich neue Arbeitsmodelle umzusetzen. Endlich innovative Lösungen für die zunehmend unterschiedlichen Bedürfnisse von Belegschaften schaffen. Lösungen, die sowohl zum Unternehmen als auch zum Team passen. Vor allem sollten viele Arbeitgeber endlich einmal ihre Mitarbeiter als das sehen, was sie sind: Erwachsene Menschen, die kompetent und verantwortungsbewusst sind. Die Scheinkontrolle über Mitarbeiter durch Anwesenheit ist die Arbeitsphilosophie des letzten Jahrhunderts. Und wer nicht überholt werden will, der sollte auch als Chef bei diesem Thema sich weiterentwickeln und dies nicht nur von den Mitarbeiter erwarten.

In diesem Zusammenhang begeistert mich eine Idee des Autors Benjamin Laker, wonach Arbeitsplätze passé sind. Stattdessen bilden Arbeitsbereiche einen neuen Fokus. Zur besseren Veranschaulichung verwendet Laker ein bekanntes Beispiel: Die zentralen Bürogebäude von Unternehmen sollten zu Drehkreuzen werden, wie etwa der Frankfurt Airport, Paris‘ CDG oder Amsterdam’s Schiphol. Sie behalten ihre Funktion als gemeinschaftlicher Ort, dienen aber vor allem der Verbindung kleinerer Hubs, in denen die Mehrzahl der Beschäftigten meistens tätig ist. Diese Hubs sind in Städten oder Stadtteilen lokalisiert.

Wir haben uns bewusst dazu entschieden, für unser Team ein 8.000 Quadratmeter neues Headquarter in Wien zu errichten, das in wenigen Wochen eröffnet und sich mit der gewohnten Geschäftigkeit füllen wird. Hinzu kommen kleinere Bitpanda Hubs in vorerst zehn europäischen Städten, sowie angepasste Guidelines, die der hybriden Idee folgen: 50 Prozent der Arbeitszeit sind im HQ oder einem Hub zu verbringen, die übrigen 50 Prozent Prozent zu Hause. Zusätzlich haben wir Arrivederci zu Kernarbeitszeiten gesagt, um das größtmögliche und eben auch gewünschte Maß an Flexibilität aufrecht zu halten. Und als Extra-Benefit gibt es 60 Tage „Work from anywhere” on top. Heißt: Wir geben unseren Mitarbeiter*innen die Freiheit, dort zu arbeiten, wo sie dies am besten können, wo immer das auch sein mag.

Ich wiederhole: Eine Universallösung gibt es nicht. Braucht es auch nicht. Alles kann, nichts muss - Hauptsache, es passt zu 100 Prozent zu Mitarbeitern und Unternehmen.

zur Person: Eric Demuth, 34, ist gebürtiger Norddeutscher, lebt in Wien und hat dort im Jahr 2014 Bitpanda gegründet. Alle zwei Monate schildert er hier seine Sicht auf aktuelle Themen aus der Start-up-Welt.


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