Die neue Realität der Identität

Start-ups und Scale-ups teilen gerade den Markt für Identifikationen im Internet unter sich auf. Das bedeutet mehr Vielfalt.

Als die Preise für die Gamestop-Aktie vor ein paar Wochen in die Höhe schossen, war der Frust bei einigen Anlegern groß. Nicht unbedingt, weil sie nicht in die Aktie investiert hatten, sondern weil sie es nicht schafften, ein Konto zu eröffnen. Dafür nämlich braucht es eine Identifikation, die mittlerweile oft per Video stattfindet - und die in einigen Fällen vollkommen überlastet war.

Der Grund dafür war meist schlicht die Ressource Mensch. Denn beim Videoident-Verfahren  müssen Verbraucherinnen und Verbraucher per Video mit einem Agenten auf der anderen Seite telefonieren und dabei beispielsweise ihr Ausweisdokument in die Kamera halten. Kann das Gegenüber bestätigen, dass der Kunde der ist, der er vorgibt zu sein, wird das Konto eröffnet. Steigt die Zahl der Menschen, die sich so identifizieren wollen, nun rasant an, stehen die Plattformbetreiber vor einem Problem: Wo soll ich so schnell Agenten herkriegen - und was mache ich, wenn der Ansturm nachlässt?

Weil die Ressource Mensch eben endlich ist und auch nicht beliebig flexibel eingesetzt werden kann, schielen die Betreiber der großen Plattformen wie WebID oder IDnow und auch neue Angreifer wie die Solarisbank schon länger auf neue Verfahren. Entsprechend freudig war der Aufschrei in der Szene, als das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) gemeinsam mit der Bundesnetzagentur vor wenigen Tagen erlaubte, auch automatisierte Verfahren wie beispielsweise KI-Lösungen zur Identifizierung zu verwenden, wenn auch nur in bestimmten Bereichen. 

Unter anderem IDnow und die Solarisbank sind mit Lösungen bereits am Markt

Was zunächst technisch klingt, hat relativ simple Folgen: Der Mensch wird nicht mehr in allen Fällen gebraucht. Statt mit einem Videoagenten könnten die Nutzer künftig beispielsweise mit einem Computer chatten. Der soll dann mithilfe Künstlicher Intelligenz die Ausweisdokumente erkennen und bewerten. Gleichzeitig könnte ein Video mitlaufen, damit in Ausnahmefällen auch Menschen noch einmal überprüfen können, ob der Nutzer auch der ist, der er angibt zu sein. Diese neuen Verfahren sind zwar zunächst nur in bestimmten Einsatzfeldern erlaubt, beispielsweise bei Versicherungen oder in der Telekommunikationsbranche. Bankkonten sollen die Verbraucherinnen und Verbraucher so noch nicht eröffnen dürfen in Deutschland. Doch könnte sich auch das in den kommenden Monaten ändern. 

Das Münchner Scale-up IDnow mit mehr als 300 Beschäftigten hat solch eine Lösung unter dem Namen Auto Ident  bereits entwickelt und in einigen Ländern wie etwa Großbritannien gestartet. Dabei verspricht das Unternehmen, sei die Identifizierung durch künstliche Intelligenz genauso sicher wie beispielsweise in einer Filiale oder beim herkömmlichen Videoident-Verfahren. Auch in Deutschland will es die Technik in den erlaubten Branchen nutzen und hofft, dass die Behörden hierzulande das Verfahren auch für die Eröffnung von beispielsweise Bankkonten freigeben. 

Andreas Bodczek ist Chef bei IDnow. (Foto: IDnow)

Einen anderen, ebenfalls automatischen Weg, gehen neue Wettbewerber wie die Solarisbank in Berlin. Sie bietet seit einiger Zeit das sogenannte Bankident an. Statt eines Videochats muss der Kunde zunächst seine persönlichen Informationen eintragen, sich dann in sein Bankkonto einloggen und eine Test-Transaktion durchführen. Er bekommt daraufhin eine SMS-TAN, um eine qualifizierte elektronische Signatur zu erstellen.

Gleichzeitig zieht sich ein Solarisbank-Partner, bei dem der Kunde sein Konto eröffnen möchte, die Informationen zu seiner Person aus der Datenbank einer Auskunftei. Stimmen die Daten überein, wird ein Konto eröffnet. Delia König, die das Produkt betreut, sagt: „Da es bei uns zur Authentifizierung keine Menschen braucht, gibt es quasi es keine Kapazitätsgrenze.” Das Produkt ist, wie auch ähnliche von Konkurrenten, auch für die Eröffnung von Bankkonten erlaubt und bereits im Einsatz. 

Seit September nutzt beispielsweise der Smartphonehersteller Samsung das neue Produkt der Solarisbank, um Kunden für die hauseigene Bezahllösung Samsung Pay zu authentifizieren, weitere Partner stünden in den Startlöchern, sagt König. Welche das sind, das will sie erst einmal nicht sagen. Nur so viel: „Da sind auch die wirklich signifikanten Banken dabei, was uns in der Annahme bestätigt, dass unser Produkt auch gute Chancen auf dem Markt hat.” 

Der Markt wird tendenziell größer und breiter

Angst vor neuer Konkurrenz hat Platzhirsch IDnow nicht. Chef Andreas Bodczek sieht in der Möglichkeit, neue Verfahren anzubieten, eher einen größer werdenden Markt, gerade auch weil verschiedene Verfahren für verschiedene Sicherheitsniveaus freigegeben sind. So sei die herkömmliche Videoidentifikation bereits etabliert, dazu komme die Identifizierung über den elektronischen Ausweis und neue Verfahren wie Bankident, bei dem die Identifikation über ein bestehendes Bankkonto läuft.

Hinzu kommen die Präferenzen der Nutzerinnen und Nutzer. „Wir wollen den Kunden die ganze Bandbreite an Verfahren anbieten. Sie sollen die Wahl haben, welches Verfahren ihnen am sympathischsten ist oder am bequemsten durchzuführen. Einer will den neuen elektronischen Personalausweis nutzen einer anderer lieber den Video-Chat und ein wieder anderer legt Wert auf die Schnelligkeit des Verfahrens und nutzt lieber Auto Ident“, sagt Bodczek.

Er glaubt, dass der Anteil der automatisierten Verfahren weiter steigen, der Mix der verschiedenen Verfahren sich entsprechend verändern werde. Videoident wird seiner Ansicht nach auf absehbare Zeit nicht verschwinden. Es gebe genug Nutzer, die kein Bankident benutzen oder lieber mit einem menschlichen Agenten sprechen wollten.  

Bereits im vergangenen Jahr hat IDnow einen starken Anstieg der Nachfrage nach Videoidentifikationen gesehen, gerade im Lockdown haben sich immer mehr Kunden über ihre Plattform beispielsweise für Bankkonten identifiziert. „Der Markt wächst stark, das heißt der Kuchen für alle wird erstmal größer, nicht kleiner”, sagt Andreas Bodczek. 


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