„Die grobe Irreführung der Kunden muss aufhören”

Seien es Politiker, Kunden, Investoren oder Mitarbeiter – sie alle fordern von Unternehmen inzwischen Nachhaltigkeit ein. Gründerin Lubomila Jordanova gehen die Bemühungen vieler Firmen aber noch nicht weit genug, wie sie im Interview erklärt.

Lubomila Jordanova hat 2017 das SaaS-Start-up Plan A mitgegründet. Es bietet eine Software an, mit der Unternehmen die eigenen CO2-Emissionen berechnen und verringern können. Nun startet Jordanova mit ihrem Start-up die Kampagne „Make 2021 count“, um härtere Vorgaben gegen Greenwashing zu erreichen. Ist das ein PR-Stunt, mit dem das Start-up seine Software bewerben will? Oder geht es um mehr? Wir haben nachgefragt.

Frau Jordanova, Ihre Kampagne dringt auf gesetzliche Vorgaben, die Unternehmen Greenwashing erschweren sollen. Ist Ihnen die EU da mit der aktuellen Taxonomie-Verordnung nicht zuvor gekommen?

Diese Taxonomie ist ein wichtiger Schritt, aber sie löst in unseren Augen nicht das Problem, dass sich Unternehmen als CO2-neutral bezeichnen dürfen, selbst wenn sie es nicht sind. Außerdem sind bislang nur Finanzinstitute und große Unternehmen von öffentlichem Interesse berichtspflichtig, was zu viele Unternehmen davon entbindet, ihren tatsächlichen CO2-Fußabdruck transparent zu bilanzieren. Ein Wegbereiter für Greenwashing, dem wir mit unserer Kampagne einen Riegel vorschieben wollen.

Gerade CO2-Neutralität ist doch aber sehr eindeutig nachzuweisen, durch simple Mathematik. Wo tricksen Unternehmen denn dabei?

Sie berücksichtigen sehr häufig nicht die Emissionen, die in ihren Lieferketten entstehen, weil die sich nicht direkt der eigenen Firma zurechnen lassen. Dann mag das eigene Geschäft vielleicht klimafreundlich sein. Niemandem ist aber geholfen, wenn sämtliche Emissionen einfach ausgelagert werden.

Wie wollen Sie das verhindern?

Die Europäische Union muss eine klare Definition von Greenwashing schaffen. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass Unternehmen, die sehr schmutzige Lieferketten haben, aber als Vorreiter auftreten, nicht mehr die eigene Klimaneutralität bewerben dürfen. Denn das ist die größte Gefahr, die von Greenwashing ausgeht: Unternehmen, die die positive PR mitnehmen, ohne faktisch genug zu tun.

Für viele Industrien würde es dann unmöglich werden, die eigene Nachhaltigkeit zu bewerben, etwa Energieerzeuger oder die Modebranche. Haben Sie keine Angst, dass das deren Bestrebungen in dem Bereich beendet?

Davon gehe ich nicht aus. Es geht auch nicht darum, ganze Industriezweige an den Pranger zu stellen. Niemand kann realistisch erwarten, dass Branchen mit historisch hohem CO2-Ausstoß von heute auf morgen eine perfekte Klimabilanz vorlegen. Aber sie müssen sich in die richtige Richtung entwickeln, und das dürfen sie dann durchaus auch bewerben. Nur die grobe Irreführung der Kunden, die muss aufhören.

Ihr Start-up Plan A bietet eine Software an, die CO2-Emissionen unter Einbezug der Lieferketten berechnen soll. Das Produkt könnte natürlich bei Erfolg der Kampagne einen Schub bekommen, sie profitieren also.  

Wir stehen ja nicht alleine hinter der Kampagne. Unter anderem haben wir sie in Zusammenarbeit mit der Greentech Alliance angeschoben, zu der mehr als 600 Unternehmen gehören, die an einer nachhaltigeren Gestaltung der Wirtschaft arbeiten. Die Kampagne ist keinesfalls nur eine Werbeaktion für unser Produkt. 

Trotzdem stellt sich die Frage, wie wirksam ihre Software denn tatsächlich Greenwashing verhindern würde. Kann ich als Unternehmen nicht einfach falsche Daten einpflegen und dann eine bessere CO2-Bilanz herausbekommen?

Natürlich können auch wir dreisten Betrug nicht komplett verhindern. Aber wir bemühen uns darum, Sicherungsmechanismen einzubauen. Ein Beispiel: Wenn die eingereichte Stromrechnung ihres Büros sehr niedrig ist im Verhältnis zur Bürofläche, dann schlägt das System Alarm und markiert diese Unregelmäßigkeit. Außerdem achten wir durchaus darauf, wer unsere Software kauft. Wir müssen das Gefühl haben, dass unsere Kunden es ernst meinen. Wir schließen aber keine Branche oder Firma per se aus. Unser ultimatives Ziel ist es, dem Klimawandel wirksam etwas entgegensetzen. Und auf dieser Mission heißen wir jedes Unternehmen willkommen, das aufrichtig bereit ist, seinen CO2-Fußabdruck nachhaltig zu reduzieren und seinen Beitrag zum Wohle unseres Planeten zu leisten.

Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person: Lubomila Jordanova gründete 2017 gemeinsam mit Nathan Bonnisseau das Start-up Plan A in Berlin. Sie hat unter anderem an der Aston University, der ESADE Business School und der London School of Economics studiert. Sie ist außerdem Mitgründerin des Company Builders Satgana und der Greentech Alliance, in der sich Start-ups mit nachhaltigen Technologielösungen sammeln. Das US-amerikanische Wirtschaftsmagazin Forbes nahm sie 2020 in seine prestigeträchtige „30 under 30“-Liste auf.


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