Kontist #FintechPorträts

Umsatzsteuer, Gewerbesteuer, Einkommensteuer, als Selbständiger hat man einen großen Batzen an bürokratischen Anforderungen, die es zu erfüllen gilt. Um das zu vereinfachen, hat das Berliner Start-up Kontist eine App gebaut, über die Kunden nicht nur ein Geschäftskonto nutzen, sondern auch ihre Steuerthemen regeln können. Wie das funktioniert, warum Gründer Christopher Plantener die Gesetzgebung in Deutschland ändern möchte und wie selbst erfolgreiche Fintechs noch von Acceleratoren profitieren können, das verrät uns der Achtfach-Unternehmer im Interview.

Warum hast du Kontist gegründet?

Wenn man sich selbstständig macht, dann möchte man ja das machen, was sein Traum ist, wofür man brennt, und sich nicht wochenlang mit Buchhaltung und Administration rumschlagen. 

Christopher Plantener, Gründer von Kontist

Die Idee für Kontist entstand eigentlich aus einem eigenen Bedürfnis bzw. aus einem Kundenbedürfnis heraus. Ich habe selber bereits acht Unternehmen gegründet und habe die ganzen Admin- und Buchhaltungsthemen damals immer gehasst. Als Selbständiger verbringt man rund 26 Tage im Jahr nur mit administrativen Tätigkeiten, also all das, was ein Angestellter ganz trivial auf seiner Lohnabrechnung sieht, muss ein Selbständiger zusätzlich machen. Wenn man sich selbstständig macht, dann möchte man ja das machen, was sein Traum ist, wofür man brennt, und sich nicht wochenlang mit Buchhaltung und Administration rumschlagen. 

Nachdem ich in den letzten 15 Jahren im Bereich Buchhaltungssysteme gearbeitet habe und das Start-up „debitoor“ mitgegründet und aufgebaut habe, fragte ich mich irgendwann: Wie kann es sein, dass wir seit Jahren versuchen zu automatisieren, wir haben Machine Learning und Artificial Intelligence und trotzdem kommen wir nicht voran. Ich habe immer noch das Gefühl, dass die Prozesse gerade für die One-Man-Show (also für Solo-Selbständige) sehr schwierig sind. Und dann habe ich mir überlegt, wie man den Prozess der Buchhaltung und das Steuerthema für Solo-Selbständige vereinfachen kann. 

Zunächst war da die Frage: Wer hat die Daten, die man dafür benötigt? Und das sind natürlich die Banken. Wenn man an diese Daten kommt, dann kann man die Prozesse schnell automatisieren. Also habe ich mich auf die Suche nach einer Bank begeben. Ich habe z.B. bei N26 angerufen und bei der spanischen Bank BBVA, als Rückmeldung bekam ich aber immer: „Super Idee, kommst du in zwei Jahren wieder, weil wir sind gerade super beschäftigt.“

Und dann habe ich mir gedacht: Nein ich komme nicht in zwei Jahren wieder, ich baue das selber!

Und so war die Idee von Kontist geboren. Wir haben unsere eigene Bank gegründet, bzw. wir sitzen auf der Solarisbank drauf, bieten      aber ein Geschäftskonto und eine Bankkarte für Selbständige und werden als Bank wahrgenommen. Das Geschäftskonto ist die Basis, um die Probleme unserer Kunden zu lösen und die Steuern und die Buchhaltung für Selbstständige zu automatisieren. Und das machen wir gemeinsam mit der Kontist Steuerberatung heute. Inzwischen bekommen Freelancer und Selbstständige von uns alle wichtigen Services rund um ihre finanzielle Administration in einer App. 

Und wie genau funktioniert das?

Also es ist ja bei den Selbständigen meist so, die haben sehr viel Geld auf dem Konto, das ihnen aber nicht gehört. Von ihren Umsätzen muss dann noch die Umsatzsteuer, Gewerbesteuer und Einkommenssteuer abgeführt werden, die Steuererklärung folgt aber meist erst 1,5 - 2 Jahre später, bis dahin muss man das Geld eigentlich beiseitelegen. Vielen fehlt hier allerdings der Überblick und den liefern wir mit der Kontist App. 

Mit unserem Geschäftskonto, das man per App auf dem Handy abrufen kann, sehen unsere Kunden direkt ihren aktuellen Kontostand. Für jegliche Transaktionen, die durchgeführt werden, kann der Kunde dann einen Beleg hinterlegen und im Hintergrund werden automatisch die Steuern beiseite gelegt. Als Nutzer sieht man dann, welcher Anteil des Geldes wirklich zur freien Verfügung steht. Im Hintergrund der App stehen unsere Teams der Kontist Steuerberatung und der Kontist GmbH. Gemeinsam entsteht so eine Automatisierung jeglicher Transaktionen. Für den Kunden ist damit nicht nur eine Übersicht über seine aktuelle finanzielle Lage möglich, sondern die Kontist Steuerberatung übernimmt auch komplett die Steuerberatung und die geschäftliche sowie private Steuererklärung, die das Team dann direkt ans Finanzamt übermittelt. Zusätzlich kann man bei uns auch noch einen Buchhaltungsservice in Anspruch nehmen. Somit ersetzt nur eine App die Bank, den Steuerberater und die Buchhaltung.

Das Kontist-Team ©Kontist, 2021

So viel Service hat sicherlich seinen Preis, oder? Was kostet Kontist denn für den Kunden?

Hier haben wir verschiedene Abstufungen: Das Konto an sich ist kostenlos, wer eine Bankkarte benötigt zahlt 9 €. Für die Kombination aus Konto und Buchhaltung fallen 49 € an und für den All-Round-Service mit Bankkonto, Buchhaltung und privater sowie geschäftlicher Steuererklärung zahlen die Kunden, je nach Umsatz, 99 bis 149 €. 

Für Neugründer sind das ja aber schon hohe monatliche Kosten, oder?

Das stimmt, gerade als Newcomer möchte man ja einiges an Geld sparen. Das Problem ist hier oft nur, wenn man gerade in die Selbstständigkeit startet, dann weiß man oft nicht, was man nicht weiß. Unser Service ist besonders für Selbständige, die zum ersten Mal selbständig sind, eine enorme Hilfe. Gerade bei den Steuern kann man schnell mal einen Fehler machen und landet dann in einer Steuerfalle. Ich würde sagen, insbesondere die administrativen Themen sind eine der größten Herausforderungen und oftmals der Grund, warum viele Selbständige wieder scheitern. 

Wenn man gerade in die Selbstständigkeit startet, dann weiß man oft nicht, was man nicht weiß.

Christopher Plantener, Gründer von Kontist

Außerdem muss man sich auch überlegen, dass ein Geschäftskonto für Selbständige rund 300 € im Jahr kostet, die Kosten für einen Steuerberater belaufen sich auf ca. 2.500 € im Jahr. Hochgerechnet ist unser Paket da doch um einiges günstiger und bietet vor allem den Vorteil, dass man eine direkte Einsicht in seine Finanzen und Steuern hat, ohne sich damit groß auseinandersetzen zu müssen.

Aber Steuer-Apps gibt es ja mittlerweile wie Sand am Meer, wie grenzt ihr euch hier ab?

Der Unterschied liegt vor allem in der Steuerberatung. Herkömmliche Steuer-Apps liefern dem Kunden einen systematischen Weg, eine Steuererklärung einzureichen, sie stellen die richtigen Fragen und ermöglichen dem Kunden somit, seine Steuererklärung selber einfach machen zu können.

Die Kontist Steuerberatung hingegen berät Kunden und gibt die Steuererklärung auch direkt für ihn ans Finanzamt ab. Innerhalb der App hat der Kunde allerdings den kompletten Überblick über seine Finanzen, das unterscheidet uns von normalen Steuerberatern.  Unser Ziel ist es, die Komplexität durch maschinelle Automatisierungen zu lösen und die Einfachheit für den User nach vorne zu bringen. Das ist mein generelles Mantra, wenn ich ein Produkt baue. 

Kontist Gründer Christopher Plantener ist ein großer Fan von Accelerator Programmen. ©Kontist, 2021

Und wie sah das bei der Gründung aus? Habt ihr euch da Unterstützung geholt, z.B. mit einem Accelerator zusammengearbeitet?

Tatsächlich ja, Kontist wurde mit einem Inkubator aus Dänemark gegründet. Das kam damals so zustande, dass die mich als Berater angefragt hatten, da ich schon einige Erfahrung als Mentor innerhalb eines Inkubators hatte. Ich hatte zuvor beim Aufbau von einem Startup-Bootcamp in Kopenhagen mitgeholfen. 

Und inwiefern hat dir das bei der Gründung von Kontist geholfen?

Besonders im ersten halben Jahr hat uns der Inkubator mit Entwicklern unterstützt, mit denen wir gemeinsam ein erstes Produkt bauen konnten. Das hat uns damals sehr geholfen. Generell muss ich sagen: Ich bin ein großer Fan von Accelerator-Programmen, weil sie einfach dort flexibel unterstützen können, wo man vielleicht selber Defizite hat. Gerade ein professionelles Feedback und ein gutes Sparring sind eine tolle Unterstützung am Anfang, besonders für junge Gründer. Ich selber habe zwar schon acht Unternehmen gegründet, aber auch für meine neunte Firma würde ich es mir nochmal überlegen, mit einem Accelerator zusammen zu arbeiten, wenn er die richtigen Spezialisten an Bord hat. 

Seit kurzem habt ihr ja auch eine Stiftung, was ist euer Vorhaben damit?

Mein großes Ziel ist es eigentlich immer, mit Hilfe von Technologie strukturelle Probleme im Markt zu lösen. Diese Probleme hätten wir allerdings nicht, wenn der Gesetzgeber die Gesetzgebung an die moderne Zeit anpassen würde.

Ein Beispiel: Gerade für Themen wie Steuern oder Buchhaltung müssen Dienstleister besonders qualifiziert und angemeldet sein, hier gibt es viele bürokratische Hürden, die erfüllt sein müssen. Es gibt viele Gesetze, die das regeln, allerdings kein Gesetz erwähnt hier eine Maschine.

Niemand hat sich da bisher Gedanken dazu gemacht was passiert, wenn eine Maschine diese Dienste übernimmt. 

Christopher Plantener, Gründer von Kontist

Mit der Kontist Stiftung knüpfen wir an verschiedenen Punkten an, einer davon ist zum Beispiel der Aufbau einer starken Lobby. Unser Ziel ist es, eine Anlaufstelle und ein Knotenpunkt für Selbständige zu sein, wir betrieben hier gezieltes Networking und möchten Selbständige dazu ermutigen, sich zusammenzuschließen und gemeinsam eine Interessenvertretung aufzubauen, die dann auch politisch ihre Anliegen stärker vertreten kann.

Ein weiterer Punkt bezieht sich ebenfalls auf die Politik, wir möchten mit unserer Stiftung einen Einfluss auf die Gesetzgebung nehmen und diese in eine solche Richtung lenken, dass Kontist irgendwann überflüssig wird. Vor ca. 10 Jahren wurde in Frankreich zum Beispiel der Status des „Auto-Entrepreneur“ eingeführt und dadurch wurden die bürokratischen Hürden für Selbständige dramatisch vereinfacht. Das hat dann einen Boom der Selbständigkeit nach sich gezogen. So etwas schwebt mir auch für Deutschland vor.

Und zu guter Letzt natürlich auch das Thema Bildung: Wir müssen viel mehr aufklären und jungen Schülerinnen und Schülern auch die Berufsperspektive der Selbständigkeit vorstellen. Aus diesem Grund gehen wir mit unserer Stiftung auch vermehrt in Schulen.

Und, was glaubst du in welche Richtung sich der Fintech-Markt generell entwickeln wird?

Ich denke, wir werden in den kommenden Jahren immer mehr Spezialisierungen auf dem Markt sehen. Am Anfang standen vor allem die großen B2C-Themen wie beispielsweise Banking und Steuern. Ich denke, weiterhin wird vor allem der B2B-Bereich spannend, denn hier ist das wirkliche Geld zu verdienen. Ich erwarte zudem, dass immer kleinere Nischen abgedeckt werden. Es wird vermutlich immer mehr Verschmelzungen geben, z.B. vor allem bei den großen Feldern wie Banking und Trading oder Banking und Steuern. Ich denke, hier werden einige große Player kooperieren.

Die nächste wichtige Entwicklung wird denke ich sein: Was passiert mit London? Gerade in Anbetracht des Brexits ist es hier sehr spannend zu beobachten, was sich die britische Regierung da überlegen wird. Hier wird schon länger versucht, über Deregulierungen den Markt für Startups und insbesondere Fintechs attraktiver zu machen. Spannend ist eben die Frage, ob die EU es zulassen wird, dass von London aus Finanzdienstleistungen für den europäischen Markt angeboten werden können. Dann wird sich London gegenüber den andere Fintech-Marktplätzen in Europa durchsetzen. Falls nicht, dann könnte sich Berlin zum großen Fintech-Player entwickeln, was wiederum Spill-Over Effekte auf die restlichen Städte in Deutschland haben könnte. Es bleibt also spannend.

Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person: Christopher Plantener ist achtfacher Unternehmensgründer und hat lange Zeit als Selbständiger gearbeitet. Er lebte die letzten 20 Jahre im europäischen Ausland und hat in diversen europäischen Ländern bereits gearbeitet. In den letzten 15 Jahren konzentrierte er sich vor allem auf den Bereich der Buchhaltungssysteme und gründete dann im Jahr 2015 mit Kontist die erste Bank in Deutschland für Freelancer und Selbstständige.


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