Biotech

ÄIO und TFTAK erhalten 1,94 Millionen Euro

97 Prozent weniger Fläche, 90 Prozent weniger Wasser. ÄIO will mikrobielle Öle zur industriell konkurrenzfähigen Alternative machen. Dafür stehen jetzt 1,94 Millionen Euro Förderung bereit.
News von Marc Nemitz Marc Nemitz · Tallinn, 25. August 2026

Das estnische Biotech-Unternehmen ÄIO und die Forschungsorganisation TFTAK erhalten 1,94 Millionen Euro Förderung für die Weiterentwicklung ihrer Technologie zur Herstellung mikrobieller Öle und Fette. Im dreijährigen Forschungsprojekt „DigiFoundry 2.0“ sollen Biotechnologie, Fermentation, Automatisierung und Digitalisierung zu einer integrierten Produktionsplattform verbunden werden. Ziel ist es, alternative Fette und Öle künftig schneller, skalierbarer und vor allem kostengünstiger industriell herstellen zu können.

2,53 Millionen Euro für DigiFoundry 2.0

Das Gesamtbudget des Projekts liegt bei rund 2,53 Millionen Euro. Davon werden maximal 1,94 Millionen Euro über das Applied Research Programme der Estonian Business and Innovation Agency bereitgestellt, das vom estnischen Wirtschaftsministerium finanziert wird.

Das Projekt von ÄIO belegte nach Unternehmensangaben den ersten Platz unter den bewilligten Anträgen der zehnten Förderrunde. DigiFoundry 2.0 läuft vom 1. Juli 2026 bis zum 30. Juni 2029 und baut auf einer ersten gemeinsamen Forschungsphase von ÄIO und TFTAK auf.

Aus Reststoffen sollen hochwertige Öle entstehen

ÄIO wurde 2022 als Spin-off der Tallinn University of Technology gegründet und entwickelt Fermentationstechnologien, mit denen organische Nebenströme aus der Lebensmittel-, Agrar- und Holzindustrie in hochwertige Fette und Öle umgewandelt werden können. Statt Ölpflanzen anzubauen oder tierische Fette zu verwenden, übernehmen Mikroorganismen die Produktion. Die daraus entstehenden Inhaltsstoffe sollen unter anderem in Lebensmitteln, Kosmetik und weiteren Konsumgütern eingesetzt werden können.

Nach Angaben des Unternehmens kann das Verfahren gegenüber konventionellen Produktionsmethoden den Flächenbedarf um bis zu 97 Prozent und den Wasserverbrauch um bis zu 90 Prozent reduzieren. Ein weiterer Vorteil liegt in den Rohstoffen. Lokal anfallende Nebenprodukte der Industrie könnten als Ausgangsmaterial für die Fermentation dienen. Damit ließen sich nicht nur Abfallströme verwerten, sondern perspektivisch auch Abhängigkeiten von globalen Lieferketten und klassischen Agrarrohstoffen reduzieren.

Vom Mikroorganismus zur digitalen Fabrik

Das Vorgängerprojekt DigiFoundry lief von 2023 bis 2026 und konzentrierte sich insbesondere auf die Entwicklung geeigneter Mikroorganismen. Dafür entstand ein automatisierter Design-Build-Test-Learn-Prozess, mit dem mikrobielle Stämme für die Produktion spezialisierter Fette entwickelt und optimiert werden können.

Mit DigiFoundry haben wir das Fundament geschaffen. Mit DF2.0 verbinden wir Biologie, Fermentation und Digitalisierung zu einem integrierten Produktionssystem.

Petri-Jaan Lahtvee, COO & Co-Founder ÄIO

DigiFoundry 2.0 erweitert diesen Ansatz nun auf den gesamten Herstellungsprozess. Biologische Entwicklung, Fermentation, Prozessdaten und Automatisierung sollen miteinander verbunden werden. Die Idee dahinter: Je mehr Daten während der Fermentation gesammelt und ausgewertet werden, desto schneller lassen sich Produktionsbedingungen optimieren und neue Inhaltsstoffe entwickeln.

Kosten werden zur entscheidenden Frage

Für ÄIO geht es dabei längst nicht mehr ausschließlich darum, zu zeigen, dass mikrobielle Öle technisch hergestellt werden können. Die entscheidende Herausforderung liegt in der wirtschaftlichen Skalierung.

Precision Fermentation konkurriert schließlich mit etablierten Rohstoffen, die bereits in riesigen Mengen und über jahrzehntelang optimierte Lieferketten produziert werden. Damit alternative Fette tatsächlich den Weg in den Massenmarkt finden, müssen Produktionskosten sinken und Prozesse reproduzierbar im industriellen Maßstab funktionieren.

Automatisierung und datenbasierte Prozesssteuerung sollen Entwicklungszyklen verkürzen, Ressourcen effizienter einsetzen und die Übertragung vom Labor in größere Produktionsanlagen vereinfachen.

ÄIO arbeitet bereits im Tonnenmaßstab

Das Unternehmen befindet sich inzwischen auf dem Weg von der Technologieentwicklung hin zur kommerziellen Produktion. Seit seiner Gründung hat ÄIO seine Fermentation nach eigenen Angaben vom Labor- bis in den Tonnenmaßstab gebracht und arbeitet an Partnerschaften für größere Produktionskapazitäten.

Langfristig könnte daraus mehr als ein reines Ingredient-Geschäft entstehen. Die entwickelten Mikroorganismen und Produktionsverfahren könnten neben der eigenen Herstellung perspektivisch auch über Lizenzmodelle vermarktet werden. TFTAK bringt in das gemeinsame Projekt insbesondere seine Expertise in synthetischer Biologie, Precision Fermentation und Bioprozessentwicklung ein.

Kann Biotech klassische Öle wirtschaftlich ersetzen?

Wie kommt man von einer technologisch funktionierenden Alternative zu einem Produkt, das auch preislich im industriellen Wettbewerb bestehen kann? ÄIO setzt dabei auf eine Kombination aus lokalen Reststoffen, speziell entwickelten Mikroorganismen, automatisierter Fermentation und datengetriebener Optimierung.

Gelingt es, diese Faktoren in einer skalierbaren Plattform zusammenzuführen, könnten mikrobielle Fette nicht nur eine nachhaltigere Alternative zu tierischen Fetten und tropischen Pflanzenölen darstellen. Sie könnten zugleich ein Beispiel dafür werden, wie aus industriellen Nebenströmen vor Ort neue hochwertige Rohstoffe entstehen.


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