Finches erhält 2 Millionen Euro für KI-Frühwarnsystem im Agrareinkauf

HTGF und Vanagon Ventures führen die Pre-Seed-Runde des AgTechs an. Auch Bayern Kapital steigt neu ein.
News von Marc Nemitz Marc Nemitz · Stuttgart, 08. Oktober 2026

Das bayerische AgTech Finches hat eine Pre-Seed-Finanzierungsrunde über 2 Millionen Euro abgeschlossen. Angeführt wird die Runde vom High-Tech Gründerfonds (HTGF), Vanagon Ventures beteiligt sich als Co-Lead. Neu hinzu kommt Bayern Kapital. Der bestehende Investor UnternehmerTUM Funding for Innovators sowie mehrere Business Angels aus Industrie und Technologie investieren erneut. Mit dem Kapital will Finches seine Plattform für die Früherkennung von Risiken bei landwirtschaftlichen Rohstoffen weiterentwickeln und den Vertrieb ausbauen.

Das Startup setzt dabei bereits auf der Anbaufläche an. Statt drohende Lieferengpässe erst zu erkennen, wenn Rohstoffe fehlen oder Preise steigen, soll die Software mögliche Probleme bereits Wochen im Voraus identifizieren.

Risiken erkennen, bevor Rohstoffe fehlen

Lebensmittelhersteller und andere Unternehmen, die landwirtschaftliche Rohstoffe einkaufen, müssen mit einer Vielzahl möglicher Störungen umgehen. Extremwetter, Schädlingsbefall oder geopolitische Ereignisse können Erntemengen, Qualität und Verfügbarkeit beeinflussen. Das Problem ist, dass klassische Lieferketten-Systeme erfassen solche Veränderungen häufig erst relativ spät.

Der Dürresommer 2026 hat gezeigt, dass sich Europas Lebensmittelhersteller nicht mehr darauf verlassen können, ihre Rohstoffe jedes Jahr in der Menge und Qualität zu bekommen, die sie brauchen.

Catharina van Delden, CEO & Mitgründerin Finches

Finches will deshalb Informationen direkt aus den Anbauregionen in die Risikoanalyse einbeziehen. Die Plattform kombiniert dafür unternehmensinterne Informationen zu Lieferanten, Anbauflächen und Verträgen mit unterschiedlichen externen Datenquellen.

Dazu gehören Wetter- und Satellitendaten, Informationen über Schädlinge und Märkte, wissenschaftliche Erkenntnisse, lokale Nachrichten sowie Berichte von Agronomen vor Ort.

KI soll aus Daten konkrete Warnungen ableiten

Aus diesen Informationen erstellt Finches eine gemeinsame Datenbasis über Anbauregionen und Lieferantennetzwerke hinweg.

Die Software soll daraus erkennen, welche Regionen, Rohstoffe oder Lieferketten von einer Entwicklung betroffen sein könnten. Einkaufsteams erhalten anschließend Frühwarnungen und konkrete Handlungsoptionen.

Damit soll beispielsweise früher entschieden werden können, ob zusätzliche Mengen gesichert, alternative Lieferanten gesucht oder Einkaufsentscheidungen angepasst werden müssen.

Finches verspricht seinen Kunden dadurch zusätzliche Vorlaufzeit, bevor sich Probleme auf die tatsächliche Verfügbarkeit von Rohstoffen und damit möglicherweise auf die Produktion auswirken.

Wie präzise die Vorhersagen im laufenden Einsatz sind und wie viel zusätzliche Vorlaufzeit Unternehmen im Durchschnitt erhalten, geht aus der Mitteilung noch nicht hervor.

Erste Kunden aus der Lebensmittelindustrie

Das Produkt Finches Intelligence ist seit September 2026 verfügbar.

Zu den ersten Kunden und Partnern gehören nach Unternehmensangaben ein führender Hersteller von Bio-Babynahrung sowie ein nordamerikanischer Fortune-500-Lebensmittelkonzern. Namen nennt Finches nicht.

Damit setzt das Startup zunächst in einer Branche an, in der Verfügbarkeit und Qualität landwirtschaftlicher Rohstoffe unmittelbar die Produktionsplanung beeinflussen können.

Der potenzielle Anwendungsbereich geht allerdings darüber hinaus. Grundsätzlich richtet sich die Plattform an Unternehmen, deren Lieferketten von landwirtschaftlichen Erzeugnissen und deren regionaler Verfügbarkeit abhängig sind.

Erfahrenes Gründerinnenteam

Hinter Finches stehen Catharina van Delden, Dr. Stefanie Glenn und Alexandra Vázquez Bea.

CEO van Delden bringt bereits Erfahrung als Softwaregründerin mit. Sie baute innosabi zu einem Anbieter für Innovationsmanagement-Software auf und verkaufte das Unternehmen 2021 an Questel.

CTO Glenn promovierte in Cambridge im Bereich Genetik und war anschließend unter anderem bei Google und BMW in Engineering- und Führungspositionen rund um Enterprise-KI tätig.

CFO und COO Vázquez Bea bringt wiederum Erfahrung aus der Lebensmittelindustrie und dem Kapitalmarkt mit. Sie war zuvor CFO und COO bei Oetker Digital und verantwortete nach Angaben von Finches den Börsengang der Veganz Group.

Zwei Millionen Euro für Produkt und Vertrieb

Mit HTGF, Vanagon Ventures und Bayern Kapital gewinnt Finches nun institutionelle Investoren für die nächste Entwicklungsphase. UnternehmerTUM Funding for Innovators und bestehende Business Angels beteiligen sich erneut.

Finches adressiert eine zentrale Herausforderung unserer Zeit: resiliente globale Agrarlieferketten in einem Umfeld, das von Klimawandel und geopolitischen Veränderungen geprägt ist.

Anna Stetter, Investment Managerin HTGF

Die 2 Millionen Euro sollen insbesondere in die Produktentwicklung und den Vertrieb fließen.

Für Finches wird nun entscheidend sein, wie zuverlässig sich aus der Vielzahl unterschiedlicher Daten tatsächlich frühzeitig relevante Risiken ableiten lassen. Gerade im Einkauf entsteht ein Mehrwert erst dann, wenn Warnungen nicht nur früh kommen, sondern präzise genug sind, um konkrete Entscheidungen auszulösen.

Mit ersten Kunden aus der Lebensmittelindustrie kann das Startup diesen Ansatz nun unter realen Bedingungen unter Beweis stellen. Gelingt das, könnte sich Finches als zusätzliche Daten- und Entscheidungsebene zwischen landwirtschaftlicher Produktion und industriellem Rohstoffeinkauf positionieren.


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