Was Venture Capital letzte Nacht in den USA gemacht hat

120 Millionen Dollar für Healthcare, 80 Millionen für Biotech und zweimal 15 Millionen für KI-Startups: Während Europa schlief, wurde in den USA wieder investiert. Dazu kommt ein neuer sechs Milliarden Dollar schwerer Energiefonds. Unser morgendlicher Blick über den Atlantik zeigt, wohin das Kapital fließt.
News von Marc Nemitz Marc Nemitz · Stuttgart, 07. Oktober 2026

Während in Deutschland der Arbeitstag endet, beginnt an der US-Westküste gerade erst der Nachmittag. Für die Startup- und Venture-Capital-Welt bedeutet das: Am nächsten Morgen liegen regelmäßig neue Finanzierungsrunden, Fonds und Deals auf dem Tisch.

Was hat Venture Capital also letzte Nacht in den USA gemacht? Die kurze Antwort: Es hat auf Gesundheit, Biotechnologie und künstliche Intelligenz gesetzt. Und dabei erneut Summen bewegt, die aus deutscher Perspektive durchaus bemerkenswert sind.

General Medicine bekommt 120 Millionen Dollar

Die größte klassische Startup-Finanzierung der Nacht kommt aus San Francisco. General Medicine hat eine Series B über 120 Millionen Dollar abgeschlossen. Angeführt wird die Runde von Andreessen Horowitz (a16z). Matrix, VXI Capital, Eli Lilly, Mercy Health über Granger Management und BoxGroup beteiligen sich ebenfalls.

Damit steigt die Gesamtfinanzierung des erst 2023 gegründeten Unternehmens auf 152 Millionen Dollar.

General Medicine baut eine Art digitalen Healthcare Store für den US-Markt. Patienten sollen Gesundheitsleistungen ähnlich transparent suchen, vergleichen und beziehen können wie Produkte in einem Onlineshop. Das Angebot umfasst mittlerweile mehr als 2.900 Produkte und Leistungen – von Medikamenten und Laboruntersuchungen über Telemedizin bis zu Facharztkonsultationen und ausgewählten Behandlungen.

Besonders interessant ist das Tempo: Landesweit gestartet ist General Medicine erst im Mai 2025. Mittlerweile sollen sich bereits Hunderttausende Kunden registriert haben.

Die neuen 120 Millionen Dollar sollen nun dabei helfen, weitere Bereiche des Gesundheitsmarktes in die Plattform zu integrieren.

KymaThera sammelt 80 Millionen Dollar für Krebsmedikament ein

Auch im Biotech-Sektor fließt erhebliches Kapital. Das in San Diego ansässige KymaThera hat eine Series B über 80 Millionen Dollar abgeschlossen. Alta Partners führt die Runde an, beteiligt sind außerdem Venrock, Foresite Capital, J. Wood Capital und weitere Investoren.

Das Geld fließt vor allem in die Entwicklung des Wirkstoffkandidaten K-1728. Das Medikament soll bestimmte PI3Kα-Mutationen adressieren und unter anderem gegen HR+/HER2-negativen Brustkrebs sowie bestimmte vaskuläre Fehlbildungen entwickelt werden.

Die Dimension der Runde ist auch deshalb interessant, weil die klinische Entwicklung noch am Anfang steht. Die ersten Patienten sollen im vierten Quartal 2026 im Rahmen einer Phase-1-Studie behandelt werden. Die Finanzierung soll nach Angaben des Unternehmens bis zu ersten klinischen Proof-of-Concept-Daten reichen.

Seit der Series A im Jahr 2024 hat KymaThera damit bereits mehr als 100 Millionen Dollar eingesammelt.

Ampersand bekommt 15 Millionen Dollar für die Infrastruktur hinter KI-Agenten

Mit Ampersand landet auch eines der derzeit wohl klassischsten Silicon-Valley-Themen auf dem Finanzierungstisch: die Infrastruktur hinter KI-Agenten.

Bessemer Venture Partners führt eine Series A über 15 Millionen Dollar an. Die bisherigen Investoren Matrix und Flex Capital ziehen mit. Neu dabei sind unter anderem Yelp, Tenacity Capital, CTO Fund und Mana Ventures.

Ampersand will ein Problem lösen, das mit dem Einsatz von KI in Unternehmen immer sichtbarer wird. Moderne KI-Agenten treffen dort auf jahrzehntealte und stark individualisierte CRM- und ERP-Systeme.

Genau zwischen diese beiden Welten setzt sich Ampersand.

Die Technologie soll es KI-Anwendungen ermöglichen, auf bestehende Systeme zuzugreifen, Daten zu lesen und auch Änderungen vorzunehmen. Für Anbieter von KI-Software könnte damit ein erheblicher Teil der aufwendigen Integrationsarbeit entfallen.

Die Finanzierungsrunde zeigt damit auch, wie sich das Investmentinteresse rund um künstliche Intelligenz weiterentwickelt: Kapital fließt längst nicht mehr ausschließlich in Modelle oder spektakuläre Endkundenanwendungen, sondern zunehmend in die Infrastruktur, die für den produktiven Einsatz von KI notwendig ist.

15 Millionen Dollar für KI im Weinladen

Dass KI-Investments inzwischen bis tief in einzelne Branchen hineinreichen, zeigt Santé.

Das New Yorker Unternehmen erhält ebenfalls 15 Millionen Dollar in einer Series A. FINTOP führt die Finanzierung an, Bonfire Ventures, Operator Collective, Y Combinator und Veridical Ventures beteiligen sich erneut.

Santé entwickelt Software speziell für Wein- und Spirituosenhändler. Fast 1.000 Händler sollen die Plattform bereits einsetzen und darüber zusammen rund zwei Milliarden Dollar jährliches Handelsvolumen abwickeln.

Nun soll aus der Branchenlösung zunehmend ein KI-gestütztes Betriebssystem werden.

KI-Agenten sollen beispielsweise Warenbestände analysieren, Preise und Rabattaktionen vorschlagen, Rechnungen automatisch verarbeiten, Marketingkampagnen erstellen und sogar bei der Personalplanung helfen.

Bemerkenswert ist erneut das Tempo der Kapitalaufnahme. Erst sechs Monate zuvor hatte Santé eine Seed-Runde über 7,6 Millionen Dollar bekannt gegeben. Seitdem soll das Geschäft nach Unternehmensangaben um 500 Prozent gewachsen sein.

Für Investoren scheint das Argument überzeugend: Statt einen weiteren allgemeinen KI-Assistenten zu finanzieren, wird KI tief in die Abläufe einer sehr konkreten Branche eingebaut.

Und dann wären da noch sechs Milliarden Dollar

Eine ganz andere Größenordnung bringt LS Power in die nächtliche Kapitalschau.

Der US-Energieinvestor hat seinen sechsten Fonds mit Kapitalzusagen von rund sechs Milliarden Dollar geschlossen. Das ursprüngliche Ziel lag bei vier Milliarden Dollar. Der Fonds war nach Angaben von LS Power überzeichnet und erreichte schließlich sein Hard Cap. Das ist kein klassischer Venture-Capital-Fonds und sollte entsprechend nicht mit den Startup-Runden gleichgesetzt werden. Für den Blick auf die amerikanischen privaten Kapitalmärkte ist die Nachricht trotzdem relevant.

Das Geld soll in Energieinfrastruktur, erneuerbare Energien, konventionelle Stromerzeugung, Speicher und dezentrale Energieressourcen fließen. Und ein erheblicher Teil ist bereits verplant: Rund 1,7 Milliarden Dollar sollen im Zusammenhang mit geplanten Übernahmen investiert werden, aus denen eine Plattform mit etwa fünf Gigawatt Gaskraftwerkskapazität entstehen soll.

Zum Vergleich: Der Vorgängerfonds von LS Power sammelte 2024 noch 2,7 Milliarden Dollar ein. Insgesamt hat das Unternehmen über seine Fonds und Investmentpartnerschaften inzwischen rund 19,8 Milliarden Dollar an Eigenkapitalzusagen eingesammelt.

Nicht jede wichtige Startup-Meldung ist eine Finanzierungsrunde

Human Friendly Robotics liefert währenddessen eine Erinnerung daran, dass Startups irgendwann nicht mehr nur Kapital einsammeln, sondern vor allem Kunden gewinnen müssen.

Das Robotikunternehmen hat einen Dreijahresvertrag mit Flooring Concepts of NJ im Volumen von bis zu vier Millionen Dollar abgeschlossen. Der autonome Roboter „Tyler“ übernimmt repetitive Arbeiten bei der Bodenverlegung. Dadurch sollen bestehende Teams deutlich größere Flächen bearbeiten können, während gleichzeitig die körperliche Belastung der Mitarbeiter sinkt.

Für die weitere Entwicklung eines jungen Unternehmens kann ein solcher Vertrag mindestens ebenso interessant sein wie die nächste Finanzierungsrunde: Er zeigt, dass für eine neue Technologie tatsächlich Zahlungsbereitschaft im Markt vorhanden ist.

Was von dieser Nacht hängen bleibt

Addiert man allein die vier klassischen Finanzierungsrunden von General Medicine, KymaThera, Ampersand und Santé, wurden 230 Millionen Dollar frisches Kapital angekündigt. Dahinter stehen vier sehr unterschiedliche Wetten.

General Medicine soll den Zugang zum amerikanischen Gesundheitsmarkt neu organisieren. KymaThera erhält Kapital für eine klinisch noch junge Biotech-Entwicklung. Ampersand baut Infrastruktur für eine neue Generation von KI-Agenten. Santé versucht, künstliche Intelligenz tief in die Prozesse einer einzelnen Handelsbranche einzubauen. Und parallel dazu stehen sechs Milliarden Dollar neues Kapital für Energieinfrastruktur bereit.

Natürlich ist eine einzelne Nacht keine Statistik über den gesamten amerikanischen Venture-Capital-Markt. Sie ist eine Momentaufnahme. Aber eine ziemlich interessante. Denn sie zeigt, wo Investoren derzeit große Chancen sehen: Healthcare, Biotech, KI-Infrastruktur, Vertical AI und Energie. Vor allem zeigt sie aber, mit welcher Geschwindigkeit Kapital in den USA bereitgestellt werden kann, wenn Investoren einen großen Markt und die Möglichkeit schneller Skalierung erkennen.

Während Deutschland also langsam in den neuen Arbeitstag startet, haben Investoren auf der anderen Seite des Atlantiks bereits die nächsten Wetten abgeschlossen. 230 Millionen Dollar für vier Startups, sechs Milliarden Dollar für einen neuen Energiefonds und ein Millionenauftrag für Robotik auf der Baustelle. Das hat Venture Capital letzte Nacht in den USA gemacht.


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