Gravis Robotics sammelt 200 Millionen US Dollar ein und will Baumaschinen autonom machen
Das aus der ETH Zürich hervorgegangene DeepTech Startup Gravis Robotics hat eine außergewöhnlich große Series A abgeschlossen. SoftBank investiert 200 Millionen US Dollar in das 2022 gegründete Unternehmen. Nach Angaben von Gravis handelt es sich um die bislang größte Series A im Bereich Construction Robotics.
Das Kapital soll vor allem in die internationale Skalierung der Technologie fließen. Gravis entwickelt KI Systeme, mit denen bestehende schwere Baumaschinen automatisiert beziehungsweise vollständig autonom betrieben werden können.
Physical AI erreicht die Baustelle
Während sich ein großer Teil des aktuellen KI Booms auf Software, Sprachmodelle und digitale Agenten konzentriert, adressiert Gravis die physische Welt.
Das Unternehmen will klassische Baumaschinen durch Software und zusätzliche Hardware in intelligente und zunehmend autonome Maschinen verwandeln. Dafür hat Gravis mit dem Gravis Rack ein Steuerungssystem entwickelt, das sich in Maschinen unterschiedlicher Hersteller integrieren lässt.
Die Technologie wurde nach Unternehmensangaben bereits auf Maschinen von Caterpillar, Case, Develon, John Deere, JCB, Hitachi, Sumitomo, Yanmar und Volvo eingesetzt. Genau diese Herstellerunabhängigkeit könnte für den Markt entscheidend sein. Bauunternehmen verfügen häufig über über Jahre gewachsene Flotten verschiedener Marken. Statt komplett neue Maschinen kaufen zu müssen, verfolgt Gravis deshalb einen Retrofit Ansatz.
Ein Betriebssystem für schwere Baumaschinen
Technologisch ist die Aufgabe deutlich komplexer als klassische Automatisierung in kontrollierten Umgebungen.
Ein autonomes Fahrzeug versucht Hindernissen auszuweichen. Ein Bagger dagegen muss seine Umgebung gezielt verändern. Bodenbeschaffenheit, Steine, hydraulischer Widerstand und die Eigenschaften der jeweiligen Maschine verändern sich während der Arbeit permanent.
Gravis trainiert seine Modelle deshalb unter anderem mithilfe umfangreicher Simulationen. Die KI soll lernen, unterschiedliche Bodenverhältnisse und Maschinencharakteristika zu berücksichtigen und dieses Wissen anschließend auf reale Baustellen zu übertragen. Nach Angaben des Unternehmens kann die Technologie dadurch Produktivitätssteigerungen von bis zu 30 Prozent gegenüber manueller Bedienung erreichen.
Vom Copiloten bis zum autonomen Bagger
Dabei setzt Gravis nicht ausschließlich auf vollständige Autonomie. Mit Gravis Copilot erhalten Maschinenführer beispielsweise 3D Unterstützung und Hinweise auf potenzielle Gefahren, während sie die Maschine weiterhin selbst bedienen.
Bei vollständig autonomen Anwendungen können Beschäftigte dagegen aus sicherer Entfernung mehrere Maschinen überwachen. Gleichzeitig werden die ausgestatteten Fahrzeuge zu mobilen Sensorplattformen, die während ihrer Arbeit Daten über Baustelle, Gelände und mögliche Gefahren erfassen. Damit entwickelt sich die Baumaschine perspektivisch von einem rein mechanischen Arbeitsgerät zu einem softwaregesteuerten Bestandteil einer digitalisierten Baustelle.
Fachkräftemangel trifft Infrastrukturboom
Der Zeitpunkt könnte für Gravis kaum interessanter sein. Weltweit steigt der Bedarf an neuer Infrastruktur. Stromnetze müssen ausgebaut, Rechenzentren für den KI Boom errichtet, Wohnungen gebaut und bestehende Verkehrswege modernisiert werden.
Gleichzeitig leidet die Baubranche vielerorts unter einem erheblichen Fachkräftemangel. Genau diese Kombination macht Construction Robotics zunehmend zu einem attraktiven Markt für Investoren: Wenn zusätzliche Arbeitskräfte nicht ausreichend verfügbar sind, muss die Produktivität der vorhandenen Beschäftigten und Maschinen steigen.
Gravis positioniert autonome Baumaschinen deshalb nicht primär als Ersatz für Menschen, sondern als Möglichkeit, vorhandene Fachkräfte durch Automatisierung produktiver einzusetzen.
200 Millionen Dollar für die internationale Skalierung
Die Technologie wird nach Angaben von Gravis bereits gemeinsam mit großen Infrastrukturunternehmen auf vier Kontinenten eingesetzt.
Mit den 200 Millionen US Dollar von SoftBank soll daraus nun ein global skalierbares Geschäft entstehen. Das Unternehmen will weitere Ingenieure und Entwickler einstellen und seine Systeme auf deutlich mehr Baustellen bringen.
Zusätzlichen Rückenwind erhält Gravis in Großbritannien. Das Unternehmen wurde dort für ein mit acht Millionen US Dollar unterstütztes CAM Pathfinder Projekt ausgewählt. Gemeinsam mit Flannery Plant Hire sollen Baggerflotten mit dem Gravis Rack nachgerüstet werden. Damit könnten Bauunternehmen autonome Maschinen künftig nutzen, ohne dafür vollständig neue Flotten anschaffen zu müssen.
Wenn KI nicht mehr nur Texte schreibt, sondern Erde bewegt
Die Finanzierung zeigt zugleich, wohin sich der aktuelle KI Investitionszyklus entwickeln könnte. Nach generativer KI und KI Agenten rückt Physical AI zunehmend in den Mittelpunkt. Dabei geht es darum, künstliche Intelligenz aus der digitalen Umgebung herauszubringen und Maschinen in der realen Welt autonom handeln zu lassen. Industrie, Logistik, Landwirtschaft und Bauwirtschaft bieten dafür enorme Märkte.
Die Baubranche erscheint da interessant: Sie ist kapitalintensiv, leidet unter Fachkräftemangel und arbeitet trotz großer Maschinenparks in vielen Bereichen noch erstaunlich manuell. Sollte es Gravis tatsächlich gelingen, bestehende Maschinen verschiedener Hersteller mit einer gemeinsamen autonomen Plattform auszustatten, könnte daraus weit mehr entstehen als ein weiterer Hersteller von Baustellenrobotern.
Gravis will letztlich das Betriebssystem für autonome schwere Baumaschinen bauen. Mit 200 Millionen US Dollar Kapital bekommt das Unternehmen nun die finanziellen Möglichkeiten, genau diesen Anspruch international zu testen.

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