Flugtaxi

Vertical Aerospace sichert sich rund 100 Millionen US-Dollar für Zertifizierung und Markteinführung von Valo

Nach erfolgreichen öffentlichen Testflügen sammelt Vertical Aerospace weiteres Kapital ein. Rund 100 Millionen US-Dollar sollen den britischen eVTOL-Entwickler näher an Zertifizierung und Serienproduktion bringen.
News von Marc Nemitz Marc Nemitz · London, 11. August 2026

Der britische Flugtaxi-Entwickler Vertical Aerospace hat Finanzierungszusagen über insgesamt rund 100 Millionen US-Dollar bekannt gegeben. Das zusätzliche Kapital soll vor allem die weitere Zertifizierung und Kommerzialisierung der eVTOL-Plattform Valo vorantreiben. Die Finanzierung folgt auf mehrere technische Meilensteine und öffentliche Testflüge des Unternehmens.

Die Finanzierung setzt sich aus drei Bausteinen zusammen. Rund 40 Millionen US-Dollar sollen von Mudrick Capital kommen, dem größten Anteilseigner von Vertical Aerospace. Davon wurden fünf Millionen US-Dollar bereits abgerufen, weitere 35 Millionen US-Dollar sollen im Rahmen einer bestehenden Wandelanleihefazilität folgen. Dieser Teil steht allerdings noch unter dem Vorbehalt endgültiger Vereinbarungen.

Weitere 35 Millionen US-Dollar kommen über eine Kapitalerhöhung mit bestehenden und neuen Investoren. Hinzu kommen 25 Millionen US-Dollar aus einer Preferred-Equity-Fazilität mit Yorkville Advisors Global.

Frisches Kapital für den Weg zur Zertifizierung

Mit dem neuen Kapital will Vertical Aerospace seine finanzielle Position stärken und mehrere zentrale Entwicklungsschritte finanzieren. Dazu gehört insbesondere der sogenannte Critical Design Review. Mit diesem soll die zertifizierbare Designbasis für Valo festgelegt werden, auf deren Grundlage anschließend zulassungskonforme Flugzeuge gebaut und getestet werden können.

Darüber hinaus plant das Unternehmen die Eröffnung eines erweiterten Energy Centre. Dadurch soll sich die Produktionskapazität für Batterien verdreifachen. Parallel bereitet Vertical den Aufbau künftiger Produktionskapazitäten vor, darunter geplante Fertigungsstätten in Großbritannien.

Die Unterstützung, die sich in diesen Finanzierungen durch neue Investoren sowie weitere Zusagen bestehender Investoren widerspiegelt, zeigt großes Vertrauen in Verticals Marktposition und Fortschritte.

Stuart Simpson, CEO

Auch die Hybridstrategie des Unternehmens soll von der Finanzierung profitieren. Der dritte Prototyp soll entsprechend umgerüstet werden und in der ersten Jahreshälfte 2027 für Tests mit einem hybridelektrischen Antrieb zum Einsatz kommen.

Erinnert sich noch jemand an Lilium und Volocopter?

Dass eine weitere Finanzierungsrunde für einen eVTOL-Hersteller keineswegs nur eine Randnotiz ist, zeigt ein Blick nach Deutschland. Mit Lilium und Volocopter gehörten zwei deutsche Unternehmen zeitweise zu den international bekanntesten Hoffnungsträgern der Branche. Beide scheiterten jedoch letztlich an der enormen Kapitalintensität auf dem Weg zur kommerziellen Nutzung.

Lilium musste 2024 erstmals Insolvenz anmelden. Nachdem eine Rettung zunächst möglich erschien, scheiterte die weitere Finanzierung und Anfang 2025 folgte erneut die Insolvenz. Im weiteren Verlauf ging es schließlich um die Verwertung der Vermögenswerte und des umfangreichen Patentportfolios.

Auch Volocopter beantragte Ende 2024 Insolvenz, nachdem es trotz intensiver Bemühungen nicht gelungen war, eine ausreichende Finanzierung für die letzten Schritte bis zum Markteintritt zu sichern.

Die beiden deutschen Beispiele zeigen damit auch, worum es bei den rund 100 Millionen US-Dollar für Vertical tatsächlich geht: In der eVTOL-Branche reicht es nicht, ein technisch überzeugendes Fluggerät zu entwickeln. Zertifizierung, Erprobung, Produktionsaufbau und Markteinführung verschlingen enorme Summen, lange bevor nennenswerte Umsätze mit dem eigentlichen Produkt entstehen.

Testflüge sollen technischen Fortschritt demonstrieren

Vertical Aerospace kann dabei auf mehrere wichtige Meilensteine verweisen. Das Unternehmen wurde nach eigenen Angaben zum weltweit zweiten Anbieter, der mit einem bemannten Full-Scale-Tiltrotor-eVTOL einen vollständigen Transition Flight absolvieren konnte.

Beim Farnborough International Airshow folgten fünf Demonstrationsflüge innerhalb von fünf Tagen. Dabei zeigte das Unternehmen erstmals öffentlich bemannte eVTOL-Transitionsflüge auf der Messe.

Parallel baut Vertical seine Aktivitäten außerhalb des klassischen zivilen Flugtaximarktes aus. Dazu gehört eine Partnerschaft mit Near Earth Autonomy für autonome Flugsysteme. Das britische Verteidigungsministerium hat zudem Interesse an den hybridelektrischen und autonomen Technologien des Unternehmens signalisiert.

Rund 1.500 Vorbestellungen für Valo

Valo ist als pilotiertes eVTOL für vier Passagiere konzipiert und soll im elektrischen Betrieb ohne direkte Emissionen fliegen. Ergänzend entwickelt Vertical eine Hybridversion mit größerer Reichweite und zusätzlichen Einsatzmöglichkeiten.

Nach Unternehmensangaben liegen derzeit rund 1.500 Vorbestellungen vor. Zu den genannten Kunden gehören American Airlines, Avolon, Bristow, GOL und Japan Airlines.

Vertical arbeitet bei der Entwicklung mit Luftfahrtunternehmen wie Honeywell, Syensqo und Sonaca zusammen und entwickelt gleichzeitig eigene Batterie- und Propellertechnologien.

100 Millionen Dollar sind viel Geld, aber in dieser Branche aber schnell verbraucht

Die neuen rund 100 Millionen US-Dollar verschaffen Vertical zusätzliche Mittel für den kapitalintensiven Weg zwischen Flugerprobung, Zertifizierung und Serienproduktion. Die Erfahrungen von Lilium und Volocopter zeigen allerdings, wie schnell selbst Finanzierungen in dreistelliger Millionenhöhe in der Luftfahrtentwicklung aufgebraucht werden können.

Entscheidend wird deshalb weniger sein, ob Vertical weitere spektakuläre Testflüge absolviert, sondern ob das Unternehmen seine technischen Fortschritte in eine Zertifizierung, eine belastbare Produktion und schließlich einen kommerziellen Betrieb übersetzen kann. Wie lange die neuen Mittel dafür reichen, dürfte sich konkreter mit den Halbjahreszahlen zeigen. Vertical Aerospace will am 13. August eine aktualisierte Prognose zu Liquidität und Finanzierungssituation vorlegen.


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