Bodenseekreis

Grüne Innovation am Rande der Republik, aber mitten in Europa: Der Bodenseekreis

Zwischen Hochtechnologie, Energiewende und Vierländerregion. Der Bodenseekreis verbindet industrielle Stärke mit nachhaltigen Ideen. Ein Blick auf eine Region, die zeigt, wie grüne Innovation abseits der Metropolen entsteht.
Portrait von Marc Nemitz Marc Nemitz · Überlingen, 01. März 2026

Neben unserer Analyse hatten wir die Möglichkeit zum Gespräch mit Vertretern aus Politik & Wirtschaft. Darunter Martin Hahn, MdL BaWü und Ingo Wörner, Geschäftsführer Wörner Bau.

Der Bodenseekreis zählt zu den dynamischsten Wirtschaftsregionen im Südwesten Deutschlands. Seine Innovationskraft speist sich aus einer außergewöhnlich starken industriellen Basis, geprägt von international erfolgreichen Technologieunternehmen. Vor allem im Automobilzuliefer- und Maschinenbau sowie in der Luft- und Raumfahrt haben sich rund um Friedrichshafen leistungsfähige Cluster entwickelt, die weit über die Region hinaus wirken. Unternehmen wie ZF Friedrichshafen oder Rolls-Royce Power Systems stehen stellvertretend für einen Standort, an dem technologische Exzellenz seit Jahrzehnten fest verankert ist.

In Zeiten geopolitischer Spannungen erfahren vor allem Firmen aus dem Defense-Bereich verstärkte öffentliche Aufmerksamkeit. Doch während sicherheitsrelevante Technologien die Schlagzeilen dominieren, wächst im Schatten dieser Industrie ein weiterer Zukunftssektor heran: Greentech.

Greentech: Leise, aber wirkungsvoll

Grüne Innovationen stehen im Bodenseekreis zwar nicht immer im Rampenlicht, setzen sich jedoch zunehmend erfolgreich durch. Unternehmen wie puren, bekannt für seine nachhaltigen Hochleistungsdämmstoffe, zeigen, dass ökologische Lösungen auch industriell skalierbar sind.

Auch die kommunale Ebene spielt eine entscheidende Rolle. Das Stadtwerk am See treibt mit zahlreichen Projekten die Energiewende voran – etwa mit einem Heizkraftwerk, das vollständig mit regionalen Holzhackschnitzeln betrieben wird oder einem Ökostromtarif bestehend aus 100% Wasserkraft. Solche Projekte verbinden Klimaschutz, regionale Wertschöpfung und Versorgungssicherheit auf überzeugende Weise.

Dass diese Mischung aus industrieller Stärke und Innovationskraft Früchte trägt, belegt auch der Prognos Zukunftsatlas 2025: Der Bodenseekreis erreicht Platz 20 von 400 Kreisen und kreisfreien Städten in Deutschland, in der Kategorie Wettbewerb & Innovation sogar Rang 11.

Förderung mit Haltung

Grüne Innovation entsteht hier nicht zufällig. Der Bodenseekreis fördert nachhaltige Entwicklungen gezielt durch politischen Dialog, etwa beim Zukunftsforum Bodensee, und durch finanzielle Unterstützung für zukunftsweisende Projekte. Entscheidender noch ist jedoch die grundsätzliche Haltung, denn Innovation wird nicht als Selbstzweck verstanden, sondern als Voraussetzung, um wirtschaftlich und gesellschaftlich zukunftsfähig zu bleiben.

Doch warum kommen ausgerechnet aus dieser geografisch randständigen Region immer wieder Ideen, die den Sprung in den breiten Markt schaffen?

1. Die Vierländerregion Bodensee: Wettbewerb als Normalzustand

Die Lage ist mehr als nur Kulisse. In der Vierländerregion Bodensee (Deutschland, Österreich, Schweiz und Liechtenstein) herrscht seit jeher ein direkter, internationaler Wettbewerb. Unternehmen messen sich nicht nur mit dem Nachbarkreis, sondern mit anderen Ländern, Regulierungen und Innovationskulturen. Frankreich befindet sich ebenfalls in Schlagweite und nur ein paar Autostunden entfernt lockt "la dolce Vita" in Italien.

Dieser Markt ist hart, aber ehrlich. Wer hier bestehen will, muss liefern. Gleichzeitig eröffnen sich Chancen: kurze Wege über Grenzen hinweg, internationale Netzwerke und ein natürlicher Vergleichsmaßstab, der Innovation fast schon erzwingt.

2. Stuttgart ist weit – Berlin noch weiter

Politisch fühlt sich der Bodensee oft weit entfernt an. Stuttgart liegt geografisch und mental ein gutes Stück weg, die Bundeshauptstadt Berlin scheint mit der Lebensrealität am See häufig nur wenig zu tun zu haben.

Das hat zwei Effekte: Einerseits entsteht das Gefühl, auf sich selbst gestellt zu sein. Andererseits schaut vielleicht auch niemand ganz so genau hin. Diese Mischung aus Eigenverantwortung und Freiraum fördert unternehmerisches Denken. Probleme werden pragmatisch gelöst, Entscheidungen vor Ort getroffen. Nicht selten schneller und mutiger als anderswo.

3. Frische Ideen treffen auf eine stabile Basis

Die Region blickt auf eine jahrtausendealte Kultur- und Wirtschaftsgeschichte zurück. Eine Lehre daraus: Stillstand war noch nie eine Option. Wohlstand wurde hart erarbeitet, Anpassungsfähigkeit war stets überlebenswichtig.

Gleichzeitig zieht der Bodensee seit jeher „frisches Blut“ an – Fachkräfte, Gründer und Heimkehrer mit neuen Erfahrungen und Eindrücken. Diese neuen Ideen treffen auf einen fruchtbaren Boden: ein starkes Unterstützungsnetzwerk aus Wirtschaftsförderung, Finanzierungsangeboten und nicht zuletzt alteingesessenen Unternehmerfamilien, die ihr Wissen, ihre Kontakte und ihr Kapital einsetzen.

Teils aus Tradition, teils aus klarem wirtschaftlichem Kalkül, denn Innovation lohnt sich hier schon immer.

Der Bodenseekreis ist kein klassisches Startup-Epizentrum, kein lauter Hotspot mit Großstadtflair. Aber gerade seine Randlage, seine internationale Verflechtung und sein gewachsener Unternehmergeist machen ihn zu einem bemerkenswerten Ort für grüne Innovation.

Vielleicht entsteht Zukunft ja genau dort besonders nachhaltig, wo man gelernt hat, Verantwortung selbst zu übernehmenm '
- am Rand der Republik, aber mitten Europa und mitten im Wettbewerb.

In zweiten Teil unserer Miniserie haben wir mit Martin Hahn, MdL BaWü über seine Heimat und grüne Innovation zwischen Tradition und Moderne am See gesprochen.

Die einzelnen Teile der Serie:

Teil 1: Grüne Innovation am Rande der Republik, aber mitten in Europa: Der Bodenseekreis
Teil 2: Grüne Innovation am Rande der Republik: Interview Martin Hahn, MdL
Teil 3: Grüne Innovation am Rande der Republik mit Wörner Bau
Teil 4: Innovation am Rande der Republik: Learnings Bodenseekreis


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