Das ist das Start-up hinter dem digitalen Impfausweis

Die Kölner Firma Ubirch baut mit am digitalen Impfnachweis. Doch die Technik kann noch viel mehr.

Erst wollte ganz Deutschland die Nadel in den Arm bekommen, jetzt warten sie alle auf den digitalen Impfausweis. Reisebeschränkungen innerhalb der Europäischen Union sollen für Geimpfte, Genese oder Getestete wegfallen. Deswegen sollte der digitale Impfausweis pünktlich vor den Sommerferien fertig werden, Anweisung aus dem Gesundheitsministerium. Und tatsächlich: Seit Donnerstag ist der langersehnte Ausweis im Einsatz. 

Für die beauftragten Firmen bedeutete das viel Druck, nun auch Ruhm und Ehre, immerhin könnte er das Leben von Millionen Menschen verbessern. Hinter dem Projekt stehen deshalb große Namen: IBM, Bechtle, govdigital. Aber auch Ubirch, ein kleines, unbekanntes Start-up aus dem Kölner Mediapark, das einen Großteil der Software zum Impfpass programmiert, werkelt seit Wochen unermüdlich. Für Ubirch ist die Ausschreibung ein Prestigeprojekt, von einem „spektakulären Auftrag“ spricht Gründer und CEO Stephan Noller. Mehr als 50 Personen arbeiten an dem digitalen Impfpass, etwa die Hälfte kommt aus dem Team von Ubirch. Allzu viel darf das Start-up zu dem Projekt gar nicht sagen. Die Kommunikation des Projekts, das sich verspätet und viel Kritik einstecken musste, hat das Gesundheitsministerium übernommen. 

Das Start-up hinter dem Impfausweis ist allerdings nicht nur wegen des Prestigeprojekts auf Erfolgskurs. 40 Mitarbeitende beschäftigt es aktuell im Kölner Techquartier, fährt eigenen Angaben zufolge einen siebenstelligen Umsatz ein. Nur, was macht die Firma denn eigentlich neben dem digitalen Impfausweis? 

Gegründet hat das Start-up 2016 der 51-jährige Stephan Noller. Bereits zuvor hatte er mit Nugg.ag eine Firma gegründet, die Online-Werbung auf Online-Nutzer zugeschnitten hat. 2010 ging sie an die Post, später an Zalando. Er selbst widmete sich einem anderen Großprojekt. Denn mit Ubrich will er das schaffen, wonach die Wirtschaft schon lange lechzt: die Vermessung der Welt dank Vernetzung von Geräten. Und das möglichst sicher, abgesichert über die Blockchain.

„Die Idee ist es, alten Dingen durch die Verbindung mit dem Internet neues Leben einzuhauchen“, erklärt Noller. Er spricht vom sogenannten Internet-of-Things, der Idee also, viele Geräte so miteinander zu vernetzen, dass sie untereinander kommunizieren können, ähnlich wie Menschen im Internet. Daher auch der Name: Internet-of-Things. Das Potenzial sieht Noller beispielsweise in der Energieerzeug, deren Verbrauchsmessungen und Sensoren präzise und verlässlich Daten liefern müssen. „Die Daten aus der Photovoltaikanlage auf dem Dach eines Einfamilienhauses müssen stimmen und zum Energieunternehmen kommen, beispielsweise für die Abrechnung.” 

Ubirch programmiert die Software, die das möglich machen soll. Bereits zwei Jahre vor der Gründung schrieb Noller am Programmcode und entwickelte die Idee. Auf die Blockchain setzt Noller zur Absicherung. Die Idee hinter der Technologie ist eine dezentrale Datenbank zu haben, bei der an vielen Orten die gleichen Informationen gespeichert sind, abgeglichen werden und damit fälschungssicher sind.  Kritiker wenden zwar ein, dass der Einsatz der Blockchain oft aufwendig und je nach Anwendungsfall zu umständlich sei, doch Noller ist von der sicheren Verschlüsselung überzeugt. 

Ubirch bietet seine Produkte meist auf Software-Ebene an, lediglich bei einem Projekt setzt auch auf Sim-Karten als Hardware. „Blockchain on a Sim“ heißt das Produkt. Damit sollen Mobiltelefone selbst zu Messstationen werden können. Das Verfahren versiegelt die Daten  direkt an ihrer Quelle – dem SIM-Chip, und damit bevor sie in einer Blockchain in der Cloud gespeichert wurden, was laut Noller zusätzliche Sicherheit bringen soll. Mit dem Verein Sozialhelden arbeitet Ubirch an einem größeren Projekt, das auf die Technik setzt. Der Verein bietet eine „Wheelmap“ an, nach eigener Aussage die größte freie Onlinekarte für rollstuhlgerechte Orte weltweit. Für Rollstuhlfahrerinnnen- und Fahrer nämlich sei es wichtig, ob ein Fahrstuhl, der auf der Karte eingezeichnet ist, auch funktioniert. „Mit Sozialhelden arbeiten wir an einer Lösung, um Aufzüge mit einer Sensorik auszustatten, die misst, ob der Fahrstuhl überhaupt fährt“, sagt Noller. Fahrstühle werden also mit einer Sim-Karte „gehackt“, weil sich die Betreiber oft weigern, Live-Daten ihrer Aufzüge zur Verfügung zu stellen. 

Seit der Gründung 2016 hat seine Idee von der vernetzten Blockchain-Welt offenbar verfangen. Die Mitarbeiterzahl ist auf 40 angestiegen und auch Investoren geben dem Kölner Unternehmen Geld. Im vergangenen Jahr konnte Ubirch seine dritte Finanzierungsrunde in Millionenhöhe abschließen. Zu den Investoren gehören die NRW.Bank, Hubraum, der Tech-Inkubator der Deutschen Telekom und der Londoner VC Breed Reply. „Das Internet der Dinge ist ein Megatrend mit unendlich vielen Möglichkeiten für jede Branche“, sagte Michael Stölting, Mitglied des Vorstands der NRW.BANK, bei der Verkündung. „Daher brauchen wir Unternehmen aus Nordrhein-Westfalen, die Lösungsansätze entwickeln und etwa im Bereich der digitalen Sicherheitstechnologie auch international Maßstäbe setzen.“ 

Mittlerweile hat Ubirch Büros in Köln, Berlin, München, Tel Aviv und Dubai. Für die weitere Internationalisierung holte sich Noller im November 2020 Karim H. Attia als Co-CEO an die Seite. Attia und Noller haben bereits bei Nugg.ad als gleichrangige Chefs zusammengearbeitet. 1999 gründete Attia Xenion, eine der ersten und später marktführenden Online-Marketing-Agenturen Deutschlands.

Noller spricht von einer nahezu unendlichen Bandbreite an Nutzungsmöglichkeiten seiner Ubirch-Technik: eben überall dort, wo Daten aus der realen Welt digital abgesichert werden müssen, komme die Blockchain zum Einsatz. Auch hinter dem Impfzertifikat, das über die Corona Warn App oder die neue App CovPass erstellt wird, steht die neue Technologie, auf die Ubrich so stark setzt. Wenn der digitale Impfnachweis nun startet, dürften Millionen von Bürgerinnen und Bürgern ein bisschen Technik von Ubirch auf ihren Smartphones herumtragen .


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