Die Trinkflaschen von Air up im Test

Mit natürlichen Duft-Aromen will das Start-up Air up Leitungswasser geschmacklich aufwerten. 40 Millionen Euro sammelte es dafür kürzlich bei Investoren wie Pepsi ein. Startbase hat das Probierpaket von Air up getestet.

Menschen sind bekannt dafür, sich gerne selbst zu betrügen. Sie lassen fleischfreie Produkte weiterhin wie Bockwürstchen aussehen, essen Joghurt, der nur durch zugesetzte Farbstoffe und Aromen der Sorte Himbeere zuzuordnen ist und halten sich nun auch Duftpolster, die nach Limette riechen unter die Nase, um Wasser danach schmecken zu lassen.

Air up macht sich genau das zunutze. Auf das Mundstück einer gewölbten Plastikflasche können sich Kunden ein Duftpolster ihrer Wahl stecken, damit das Wasser in der Flasche selbst nicht ganz so langweilig schmeckt. Mit dieser einfachen Formel ist das Start-up in kurzer Zeit zu einem der erfolgreichsten in Deutschland geworden.

Erst 2018 haben Fabian Schlang, Tim Jäger, Lena Jüngst, Simon Nüesch und Jannis Koppitz ihr Start-up gegründet. Seit 2019 sind die Aroma-Flaschen sowohl online als auch im Einzelhandel wie etwa bei Aldi, Müller oder Rossmann erhältlich. Mittlerweile hat das Unternehmen mehr als 170 Mitarbeitende.

Die Idee, Wasser allein durch Duftstoffe zu aromatisieren, scheint vielen Investoren zu gefallen. Nach einer Finanzierungsrunde im Januar mit einem Volumen von 18 Millionen Euro haben große Investoren wie Pepsi und Oyster Bay dem Münchner Unternehmen im September weitere 40 Millionen Euro versprochen. Auch Kundinnen und Kunden freuen sich offenbar, über eine neue Möglichkeit, sich selbst zu betrügen. Nach eigenen Angaben beliefert das Start-up bereits eine Million Menschen in Europa und erwartet für die nächsten zwölf Monate einen Umsatz von 100 Millionen Euro.

Warum funktioniert die Idee gerade hierzulande so gut?

Deutsche lieben Leitungswasser. Das zeigt eine Studie der Techniker Krankenkasse aus dem Jahr 2019. Nach Kaffee und Mineralwasser ist es das beliebteste Getränk im Land. Fast 63 Prozent der Deutschen trinken es laut der Studie täglich. Jüngere Menschen sogar noch häufiger.

Aber: Menschen greifen im Lebensmittelregal auch immer öfter nach zuckerhaltigen Getränken oder süßen Limonaden. Die Folge: Diabetes und Fettleibigkeit. Und hier sieht Air up eine Marktlücke. „Gesunde Flüssigkeitszufuhr als leckeres Geschmackserlebnis“, wirbt das Unternehmen. Doch wie gut funktioniert die Idee im Alltag?

Die Trinkflasche von Air up im Test

Verpackung: Die Lieferung steht unproblematisch nach wenigen Tagen in einem Pappkarton vor der Haustür. Der Karton hat ein schickes, schlichtes Design mit knalligen Orange- und Lilatönen. Anders als bei Amazon-Paketen scheint es auf den ersten Blick vergleichsweise wenig Müll zu enthalten.

Das Kernprodukt ist eine Wasserflasche, die in Papier eingewickelt ist. Auf deren Mundstück wird ein mit Riecharomen gefüllter Aufsatz gesteckt. Im Probierset gibt es jeweils einmal die Sorte Limette und Orange-Maracuja. Hier könnte an der Müllproduktion aber noch gearbeitet werden. Sie sind jeweils in einem Plastikbeutel verschweißt und noch einmal in einem Plastiktöpfchen verpackt.

Zusammenbauen: Die Flasche ist leichter zusammenzubauen als ein IKEA Regal. Auf einem Blatt Papier ist in einfacher Zeichensprache aufgemalt, wie die Flasche funktioniert, ein kleines Heft gibt Hinweise zu den Produkten und zur Reinigung in mehreren Sprachen. Trinkhalm und Mundstück sind trennbar, aber bereits zusammengesteckt – also nur noch das Silikon des Mundstücks in die Öffnung drücken, Deckel drauf, fertig.

Reinigung: Ein bisschen muffig riecht die in China produzierte Flasche, als sie im Paket ankommt. In den Geschirrspüler sollte sie allerdings nicht: Das Unternehmen warnt im Beipackheft die Produktlebenszeit dadurch zu verkürzen. Also lieber einige Minuten mit heißem Wasser und etwas mildem Spülmittel säubern, dann mit kaltem Wasser klar ausspülen und mit frischem Leitungswasser befüllen. Das geht relativ einfach. Ohne das aufgesetzte Mundstück hat die 650-ml Flasche eine große Öffnung und passt dadurch und die Wölbung unter dem Hals optimal unter jeden Wasserhahn.

Der Strohhalm ist jedoch nicht so leicht zu reinigen. Nach einigen Tagen reicht das Ausspülen mit heißem Wasser nicht mehr aus. Mit der Hand oder dem Schwamm ist der Plastikschlauch nicht leicht zu reinigen. Das weiß auch Air up: Drei Tagen nach Ankunft der Bestellung kommt eine Werbemail - für rund sechs Euro gibt es ein Reinigungsbürste im Onlineshop zu erwerben. Ein teures Extra.

Preis: Allgemein mag das das Probierpaket inklusive Flasche und zwei Duftpods nicht für jeden erschwinglich sein. Online kostet es rund 35 Euro.

Ein Pod soll dabei für fünf Liter Wasser ausreichen. Also 1,5 bis 2,5 Tage, wenn ein Mensch durchschnittlich zwei bis drei Liter am Tag trinkt. Wer Pods nachbestellt, zahlt pro Dreierpack zwischen fünf und neun Euro. Dafür könnte man sich durchschnittlich sechs Ein-Liter Flaschen Cola kaufen. Oder 16 Limetten, die man sich einfach selbst ins Wasser spritzen könnte – und was vermutlich nicht einmal länger dauern würde, als den Pod auf die Flasche zu stecken.

Geschmack: Wer nicht glaubt über die Nase schmecken zu können, erinnert sich vielleicht an einen Tag im Café. Wer neben einem Raucher sitzt, genießt seinen Kaffee mit leicht rauchiger Note. Oder auch wer mit verrotzter Nase am Abendbrottisch sitzt, findet kaum Gefallen am Essen.

Das verleitete Air up zu seiner Idee. Der Duft auf dem aufgesteckten Polster suggeriert dem Gehirn, dass man Wasser mit Limettengeschmack trinkt, obwohl es eigentlich nur Leitungswasser ist. Schließlich sind Riechen und Schmecken im Gehirn eng miteinander verbunden: 80 Prozent des Geschmacks, den wir empfinden, entsteht durch Gerüche. Retronasales Riechen nennt sich das. Die beiden Gründer Lena Jüngst und Tim Jäger schrieben vor einigen Jahren ihre Bachelorarbeit über das Thema an der Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd. Mit ihren drei Freunden erschufen sie auf ihrer Forschung aufbauend das Unternehmen Air up. 

Was dem Produkt von Air up im Vergleich zum Leitungswasser mit echter Limette oder Orange fehlt, ist der Frischegeschmack. Reißt man die Plastiktütchen auf, in denen die Duftpods verpackt sind, schlägt schon der extrem künstliche Geruch entgegen. Und so künstlich schmeckt auch das Wasser. Und dabei hilft auch nicht die innovative On-Off Funktion, die das Unternehmen anbietet. Damit soll der Nutzer durch abwechselndes Herunterdrücken und Hochziehen des Pods eigentlich selbst entscheiden können, wann er die Geschmacksfunktion nutzen will und wann nicht.

Doch selbst wenn der Pod heruntergedrückt und deaktiviert ist, schmeckt das Wasser noch nach künstlicher Limette – und auch alles andere, was man unmittelbar danach zu sich nimmt. Die Aromen liegen noch länger wie ein Flaum auf der Zunge, den man nicht abwaschen kann.

Inhaltsstoffe: Zu den Inhaltsstoffen macht das Unternehmen auf der Verpackung wenig Angaben. In dem Duftring sollen natürliche Aromen versteckt sein. Auf Nachfrage sind damit flüssige natürliche Aromen gemeint, die im Pod durch einen Träger, ähnlich wie ein Schwamm, aufgenommen werden. Diese natürlichen Aromen sollen aus echten Früchten, Pflanzen und Gewürzen gewonnen werden. „Unsere Aromen sind speziell auf unsere Bedürfnisse abgestimmt, könnten aber genauso gut auch andere Getränke oder Tees aromatisieren. Nur eben nicht so effektiv und gesund wie bei uns“, heißt es selbstbewusst.

Ungesund soll das nicht sein. Man könne es sich so vorstellen wie an einer Bäckerei vorbeizugehen und dort den Geruch einzuatmen, heißt es vom Start-up. Nebenwirkungen könne das keine haben. Das Angebot sei rein duftbasiert, dadurch sei es unbedenklich.

Lebensdauer: Nach etwa fünf Litern nehme die Aroma-Intensität in dem Schwamm ab. Air up empfiehlt daher nach rund fünf Litern den Pod zu wechseln, um ein bestmögliches Geschmackserlebnis zu gewährleisten. Es sei jedoch nicht gefährlich, den Duftring über die fünf Liter hinaus weiterzuverwenden. Teilweise würden Kunden und Kundinnen den Pod auch länger verwenden, damit es zu keiner Verschwendung komme. Doch auch bei ihnen ist irgendwann Schluss. „Da unsere Aromen aus Früchten, Pflanzen und Gewürzen stammen, liegt es in der Natur der Sache, dass die Aromen leider nicht unendlich lange Duft hergeben“, heißt es von dem Unternehmen.

Alle Pods sind daher auch mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum versehen. Der in Plastik verpackte Pod soll in etwa zehn Monate haltbar sein.

Recycling: Alle im Pod verwendeten Materialien sollen recycelbar sein. Das Ganze befinde sich aber noch in der Prüfphase. „Anscheinend gibt es viele verschiedene Systeme und wir wollen natürlich versuchen, alle zu verstehen, damit wir das bestmögliche Produkt nicht nur für unsere Kunden, sondern auch für unseren Planeten herstellen können“, heißt es von Air up.

Die Flasche an sich ist aus Tritan hergestellt, einem robusten und langlebigen Material. „Wir haben uns für dieses hochwertige, BPA-freies Material entschieden, da dieser Kunststoff wiederverwendbar ist und somit zu weit weniger Plastikmüll führt“, heißt es gegenüber Startbase. Darüber hinaus könnte aufgrund des geringeren Transportgewichts und -volumens im Vergleich zu Glas eine kohlenstoffeffizientere Logistik genutzt werden, was zu deutlich geringeren CO2-Emissionen führt als bei herkömmlichen Erfrischungsgetränken. „Dies ist der Hauptgrund, warum wir Tritan für unsere wiederbefüllbaren Air up Trinkflasche gewählt haben“, so das Startup.

Verschluss und Alltagstauglichkeit: Der Verschluss hält bombenfest, selbst wenn der Busfahrer mal wieder eine Vollbremsung macht oder die Flasche beim Fahrradfahren im Rucksack hin und her wippt; besser als manch ein Thermobecher oder Flaschenschraubverschluss, der schon einigen Laptops das Leben gekostet hat.

Doch trotz des guten Geschmacks fühlt es sich unangenehm an, neben den Kollegen die Flasche auszupacken und genüsslich an dem Trinkhalm zu saugen. Grundschulfeeling kommt auf, wenn man noch nicht so gut mit Schraubverschlüssen umgehen konnte und die Hälfte daneben lief. Im Arbeitsalltag hat eine normale Trinkflasche dann schon etwas mehr Ästhetik.

Das ist das Startbase-Fazit zu den Trinkflaschen mit Geschmack von Air up

Die Flasche hat ein schönes Design. Besonders gut ist der Verschluss, er hält bombenfest. Für den stolzen Preis von 35 Euro ist das Produkt allerdings überteuert. Die Duftpods überzeugen nicht - sie riechen unnatürlich. Limette weniger als Organe-Maracuja – das mag wortwörtlich Geschmackssache sein. An Leitungswasser mit geschnittenem Obst versetzt kommt das Unternehmen damit aber trotzdem nicht heran. Und wer fünf Tage davon trinkt, kann es auch nicht mehr sehen.

Und so landet die Flasche nach dem Test direkt im Schrank neben einer mit Blumen verzierten Flasche der Marke Waterdrop. Das österreichische Start-up bietet Drops an, die sich im Wasser auflösen und damit dem Wasser echten Geschmack verleihen. Dabei sollen bestimmte Vitamine und Nährstoffe versetzt werden. Ein weiterer Player, der Kunden Leitungswasser geschmackvoller machen möchte. Aber muss das wirklich sein?


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