Warum Rebuy-Chef Philipp Gattner auf ein neues Gesetz drängt

Als Anbieter von wieder aufgewerteten Produkten hat es Rebuy eigentlich ziemlich gut. Doch nun hat die EU ein Gesetz verschoben, auf welches das Start-up lange gehofft hat.

Lange Zeit sah es so aus, als könnten sie bei Rebuy im November einmal ordentlich die Sektkorken knallen lassen. Doch dann kündigte die EU-Kommission an, ihren Gesetzesvorschlag für ein sogenanntes „Recht auf Reparatur“ doch erst im kommenden Jahr vorzulegen – wann genau, ist unklar. 

Dabei wäre ein europaweites Gesetz so wichtig, sagt Rebuy-Chef Philipp Gattner. Denn das Regelwerk würde den Markt für Zweitprodukte wohl massiv stärken. Und genau dort ist Gattners Firma unterwegs. 

Rebuy kauft unter anderem Elektronikgeräte oder Medien von Privatleuten auf, wertet diese Geräte auf – und verkauft sie anschließend zu einem höheren Preis weiter. „Grading“, nennen sie den Prozess, bei dem sie bei einem Smartphone zum Beispiel den gebrochenen Display ersetzen. Und genau bei diesem Grading gibt es ein Problem: Weil einige Hersteller entweder keine Ersatzteile vorhalten – oder nicht mit Rebuy zusammenarbeiten wollen – müssen sie in den Reparaturzentren eigene Ersatzteile basteln. Das funktioniere zwar oft sehr gut, sagt Gattner, sei aber aufwändig. „Viele Smartphones sind zum Beispiel so verklebt, dass sie sich nur ganz schwer reparieren lassen“, erklärt der CEO.

Hersteller sollen Ersatzteile vorrätig halten

Das nun verschobene EU-Gesetz soll die große Wende bringen. Denn mit ihm will die EU unter anderem festlegen, dass sich Produkte einfacher reparieren lassen können. Was genau drin stehen wird, ist noch unklar, aber zumindest die Wunschliste des EU-Parlaments dazu ist bereits lang. Verbraucherinnen und Verbraucher sollen schon beim Kauf über die Kosten von Ersatzteilen aufgeklärt werden und Infos erhalten, ob sich beispielsweise das neue Smartphone überhaupt reparieren lässt. Auch sollen unabhängige Werkstätten Zugriff auf Produkt- und Reparaturinfos der Hersteller erhalten können. Zudem müssten diese genormte Ersatzteile für einen angemessenen Zeitraum zur Verfügung stellen, das wünschen sich die EU-Parlamentarier. 

Es ist ein Gesetzesvorhaben, das weg von der Wegwerfgesellschaft führen soll. Die Zeichen in Europa stehen auf Kreislaufwirtschaft, längst nicht mehr nur bei Plastikflaschen, Dosen und bei Baustoffen, sondern gerade auch bei Konsum- und Elektronikgütern. Denn das Abfallaufkommen steigt weltweit Jahr für Jahr. Das europäische Gesetz wäre wie gemacht für Start-ups wie Rebuy. 

An dem Unternehmen selbst wird deutlich, dass das Thema Nachhaltigkeit zumindest bei Verbrauchern schon stärker in den Fokus rückt. „Selbst als ich 2015 zu Rebuy kam, war Kreislaufwirtschaft für viele noch ein Fremdwort“, erinnert sich Gattner. „Damals wurden wir noch als Online-Trödler bezeichnet – heute gelten wir als Pionier der Circular Economy. Dabei machen wir im Wesentlichen immer noch das Gleiche – einfach alles zwei Level professioneller.“ Über viele Jahre sei beispielsweise Second Hand als etwas leicht schmutziges angesehen worden, nun werde es ein Trendthema. Beim Kauf eines Autos ist es längst normal, einen Gebrauchtwagen zu kaufen, Second-Hand-Mode wird immer beliebter und teurer, genutzte Bücher gibt es in großen Städten häufig bereits in Bücherschränken – warum sollte es also nicht auch mit vielen anderen Waren funktionieren? „Wir profitieren sehr davon, dass das alles immer mehr zum Trendthema wird“, sagt Gattner. 

Rebuy hat ambitionierte Ziele

Inzwischen hat Rebuy 550 Mitarbeiter auf fünf Standorte in Europa verteilt. Erstmals schwarze Zahlen schrieb Rebuy nach eigenen Angaben 2017. Der Umsatz soll heute bei mehr als 180 Millionen Euro liegen. Der Recommerce-Markt, wie das Geschäft mit zweitverwerteten Gegenständen ganz neudeutsch genannt wird, wächst immer weiter. 

Die Pläne von Rebuy sind ambitioniert. „Wir streben ein jährliches zweistelliges Wachstum bei steigender Profitabilität an“, sagt Gattner. Die letzten Jahre habe das schon geklappt. Nun hofft das Start-up auf Rückenwind aus der Politik, um den nächsten Schritt machen zu können. Nur ist da jetzt erstmal Geduld angesagt. 

„Ich kann vor dem makroökonomischen Hintergrund, also der Energiekrise, den angespannten Lieferketten und Russlands Krieg in der Ukraine durchaus verstehen, dass die EU-Kommission Unternehmen da noch etwas schonen möchte“, sagt Gattner. Ein wenig enttäuscht wirkt er trotzdem. Denn zu viel Zeit sollte die EU den Firmen nicht einräumen, merkt er an. „Wir sollten nicht nur auf die kurzfristigen Auswirkungen einer solchen Regulierung schauen, schon mittelfristig wird ein solches Gesetz uns allen helfen.“ Denn die Zeit im Kampf gegen den Klimawandel dränge. Und sowohl weniger weggeworfene als auch ständig neu produzierte Elektronikgeräte könnten da durchaus helfen.

Immerhin: Selbst wenn es in der EU mit einem Recht auf Reparatur noch etwas dauern sollte, kann Gattner noch auf die Bundesregierung hoffen. Im Koalitionsvertrag der Ampel heißt es: „Die Lebensdauer und die Reparierbarkeit eines Produktes machen wir zum erkennbaren Merkmal der Produkteigenschaft (Recht auf Reparatur)“. Seitdem ist es allerdings auch in Berlin recht ruhig geworden bei dem Thema. 


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