Fehler machen gehört dazu. Darübersprechen offenbar nicht.
Scheitern gehört zum Gründen dazu. Wer ein neues Geschäftsmodell entwickelt, einen unbekannten Markt erschließt oder eine innovative Technologie auf den Weg bringt, bewegt sich zwangsläufig auf unsicherem Terrain. Nicht jede Idee funktioniert, nicht jede Entscheidung ist richtig und manchmal geht auch ein ganzes Unternehmen gegen die Wand.
In der Startup-Welt ist das eigentlich nichts Neues. Trotzdem fällt es vielen schwer, offen über Fehler zu sprechen. Besonders dann, wenn es um das eigene Unternehmen, die berufliche Existenz oder persönliche Verantwortung geht.
Genau hier setzen die Fuckup Nights an. Seit 2014 organisiert Prof. Ralf Kemmer gemeinsam mit seinem Team in Berlin Veranstaltungen, bei denen Unternehmerinnen und Unternehmer über ihre größten geschäftlichen Fehler sprechen. Nicht, um das Scheitern zu feiern, sondern um daraus zu lernen.
Im Gespräch mit Rafael Kugel, Geschäftsführer des Startup-Accelerators Reaktor Wildau, erklärt Kemmer, warum eine gute Fehlerkultur weit mehr ist als die Bereitschaft, Fehler zuzugeben – und weshalb selbst Startups ihre Offenheit häufig schneller verlieren, als ihnen bewusst ist.
„Fehlerkultur haben alle. Die Frage ist, welche.“
Rafael Kugel: Ralf, du beschäftigst dich seit vielen Jahren mit Fehlerkultur und organisierst die Fuckup Nights. Wie bist du eigentlich zu diesem Thema gekommen?
Ralf Kemmer: Ich komme ursprünglich aus der Werbung und Kommunikation, habe viel in Strategie und Konzeption gearbeitet und war den größten Teil meines Berufslebens selbstständig oder unternehmerisch tätig. Ich war unter anderem Gesellschafter und Geschäftsführer einer eigenen Werbeagentur.
Da erlebt man natürlich jede Menge Fehler. Ich habe selbst Situationen durchgemacht, in denen es unternehmerisch richtig eng wurde. Bis hin zu dem Moment, in dem ein Steuerberater einem erklärt, dass man eigentlich schon vor Monaten hätte Insolvenz anmelden müssen.
Fehler und Scheitern sind für mich deshalb keine abstrakten Themen. Ich kenne sie aus eigener Erfahrung. Heute beschäftigen wir uns mit unserer Gesellschaft für Fehlerkultur sowohl in der Beratung von Unternehmen als auch mit den Fuckup Nights genau damit.
Rafael Kugel: Deutschland gilt nicht unbedingt als besonders fehlertolerant. Haben wir hierzulande überhaupt eine Fehlerkultur?
Ralf Kemmer: Fehlerkultur haben alle. Die Frage ist nur, ob sie positiv und konstruktiv ist.
Wir sind in Deutschland sehr gut darin, Prozesse zu entwickeln, mit denen Fehler vermieden werden sollen. Das ist beispielsweise in der Produktion auch absolut sinnvoll. Am Ende soll ein Produkt schließlich möglichst fehlerfrei sein.
Was uns deutlich schwerer fällt, ist der offene Umgang mit Fehlern. Also darüber zu sprechen, warum etwas nicht funktioniert hat, was wir daraus lernen und wie wir es beim nächsten Mal besser machen können.
Interessanterweise gehen wir dabei häufig sehr tief in die Analyse. Wir wollen die Ursachen verstehen, hinterfragen Entscheidungen und suchen nach Zusammenhängen. Das kann eine Stärke sein. Gleichzeitig ist die Hemmschwelle, überhaupt über Fehler zu sprechen, bei uns oft ziemlich hoch.
Scheitern ist kein Selbstzweck
Rafael Kugel: Gerade bei Startups ist das Scheitern ja eigentlich Teil des Geschäftsmodells. Wenn ich etwas wirklich Neues entwickle, kann ich vorher gar nicht wissen, ob es funktioniert. Ohne Fehler und gescheiterte Versuche wird es kaum Innovation geben.
Ralf Kemmer: Genau. In der Startup-Welt ist dieses Verständnis viel stärker verankert. Gründer wissen, dass ihre Ideen scheitern können. Investoren und Business Angels wissen das ebenfalls.
Aber Fehlerkultur ist nicht nur ein Thema für Startups. Sie ist eine wichtige Voraussetzung für Innovation insgesamt.
Wer etwas Neues entwickeln will, muss experimentieren. Und wer experimentiert, muss akzeptieren, dass nicht jeder Versuch erfolgreich sein wird.
Das Problem ist, dass wir häufig nur über das Scheitern selbst sprechen. Dabei geht es eigentlich um viel mehr: um das Ausprobieren, das Hinterfragen bestehender Lösungen und darum, Neues überhaupt zuzulassen.
Rafael Kugel: Trotzdem macht es einen Unterschied, ob ich als Gründer mit meinem eigenen Unternehmen scheitere oder als Angestellter in einem etablierten Unternehmen einen Fehler mache.
Ralf Kemmer: Natürlich. Gründer entscheiden sich bewusst für ein unternehmerisches Risiko. Sie wissen, worauf sie sich einlassen.
In Unternehmen ist die Situation anders. Mitarbeiter tragen Verantwortung für ihren Bereich, haben aber häufig nicht dieselben Freiheiten. Sie wollen ihren Job gut machen, ihre Ziele erreichen und verständlicherweise keine negativen Konsequenzen riskieren.
Das führt dazu, dass Fehler nicht unbedingt offen angesprochen werden. Projekte werden weitergeführt, obwohl sie eigentlich nicht funktionieren. Probleme werden nicht ausreichend kommuniziert.
Und genau dadurch gehen wertvolle Erkenntnisse verloren.
Warum Startups ihre Fehlerkultur schon mit dem ersten Mitarbeiter verlieren können
Rafael Kugel: Was bedeutet das für Startups, die gerade wachsen und ihre ersten Mitarbeiter einstellen?
Ralf Kemmer: Das ist ein besonders spannender Punkt. Wir haben uns im Rahmen einer Untersuchung mit Studierenden damit beschäftigt, wie sich die Fehlerkultur in Startups verändert.
Dabei zeigte sich, dass die offene Fehlerkultur der Gründer bereits mit den ersten Angestellten unter Druck geraten kann.
Die Gründer sind es gewohnt, Dinge auszuprobieren, Risiken einzugehen und Entscheidungen immer wieder zu hinterfragen. Das gehört zu ihrem Selbstverständnis.
Die ersten Mitarbeiter kommen aber mit einer anderen Erwartung ins Unternehmen. Nehmen wir jemanden im Vertrieb oder in der Technik. Diese Menschen werden eingestellt, um bestimmte Aufgaben zuverlässig zu erfüllen. Sie wollen gute Ergebnisse liefern und ihre Verantwortung wahrnehmen.
Da entsteht schnell ein Spannungsfeld zwischen dem experimentellen Denken der Gründer und dem Bedürfnis der Mitarbeiter nach Sicherheit und klaren Erwartungen.
Rafael Kugel: Das erleben wir bei Startups tatsächlich immer wieder. Gründer denken oft sehr frei, manchmal auch ziemlich verrückt. Mitarbeiter brauchen dagegen Orientierung und müssen das Tagesgeschäft am Laufen halten. Wie bekommt man diese unterschiedlichen Perspektiven zusammen?
Ralf Kemmer: Eine konstruktive Fehlerkultur muss von der Führung vorgelebt werden.
Als Founder oder CEO muss ich zeigen, dass auch ich Fehler mache. Dass ich Entscheidungen treffe, die sich später als falsch herausstellen. Und dass ich bereit bin, darüber zu sprechen.
Dadurch entsteht ein Raum, in dem auch Mitarbeiter offen mit Fehlern umgehen können, ohne sofort negative Konsequenzen befürchten zu müssen.
Das lässt sich zusätzlich strukturell unterstützen, beispielsweise durch Freiräume für eigene Ideen und Experimente.
Aber entscheidend ist, dass die Führung selbst glaubwürdig damit umgeht. Es reicht nicht, Fehlerkultur irgendwo in die Unternehmenswerte zu schreiben.
Wenn Gründer ihre eigenen Fehler erzählen
Rafael Kugel: Gibt es ein Beispiel, bei dem du erlebt hast, dass dieses Vorleben tatsächlich etwas verändert?
Ralf Kemmer: Wir hatten einmal die beiden Zalando-Gründer bei einer Fuckup Night. Sie haben dort über ein gescheitertes Unternehmen gesprochen, das sie vor Zalando gegründet hatten.
Im Publikum saß damals ungefähr die Hälfte der Zalando-Belegschaft.
Für viele Mitarbeiter war das ein völlig neuer Blick auf ihre Gründer. Sie kannten sie als erfolgreiche Unternehmer. Plötzlich hörten sie, welche Fehler diese selbst gemacht hatten und welche schwierigen Situationen sie erlebt hatten.
Das hat die Wahrnehmung verändert. Die Gründer wurden nahbarer und die Mitarbeiter konnten erkennen, dass Fehler auch Teil einer erfolgreichen unternehmerischen Entwicklung sein können.
Genau darum geht es: Führungskräfte müssen ihre Erfahrungen teilen, Offenheit ermöglichen und Freiräume schaffen. Erst dann wird Fehlerkultur im Alltag tatsächlich erlebbar.
Warum die Fuckup Nights keine Vorlesung über Fehler sind
Rafael Kugel: Ihr beschäftigt euch mit dem Thema sehr intensiv, auch wissenschaftlich. Die Fuckup Nights selbst sind aber eher unterhaltsame Veranstaltungen. Wie passt das zusammen?
Ralf Kemmer: Das ist genau unser Ansatz. Wir wollen mit einem unterhaltsamen Format etwas vermitteln, ohne daraus eine klassische Lehrveranstaltung zu machen.
Bei uns stehen Menschen auf der Bühne, die ihre eigenen Geschichten erzählen. Es geht um geschäftliche Fehlentscheidungen, gescheiterte Projekte, finanzielle Probleme und manchmal auch um existenzielle Krisen.
Das sind sehr persönliche Geschichten. Und gerade deshalb erreichen sie die Menschen.
Wir geben den Vortragenden normalerweise auch nicht vor, am Ende drei oder fünf konkrete Learnings zu präsentieren. Denn jeder im Publikum nimmt etwas anderes aus einer Geschichte mit.
Manchmal sind es ganz einfache Erkenntnisse: Briefe vom Finanzamt sollte man öffnen. Probleme sollte man frühzeitig ansprechen. Man sollte sich Hilfe holen, bevor es zu spät ist.
Andere nehmen etwas über Führung, Kommunikation, Teamarbeit oder Entscheidungsprozesse mit.
Entscheidend ist, dass die Menschen selbst ihre Schlüsse ziehen.
Rafael Kugel: Man lernt also, ohne das Gefühl zu haben, gerade in einer Weiterbildung zu sitzen.
Ralf Kemmer: Genau. Es ist ein spannender Abend mit echten Geschichten. Man hört zu, erkennt vielleicht eigene Situationen wieder und nimmt neue Gedanken mit.
Wir haben solche Formate auch mit großen Unternehmen umgesetzt. Dabei konnten Menschen aus ganz unterschiedlichen Branchen ihre Erfahrungen teilen. Und selbst wenn die Geschichten auf den ersten Blick wenig mit dem eigenen Arbeitsalltag zu tun hatten, haben die Teilnehmer sehr konkrete Erkenntnisse daraus gewonnen.
Eine persönliche Geschichte kann manchmal mehr bewirken als zehn Präsentationsfolien.
Fehlerkultur verändert sich nicht über Nacht
Rafael Kugel: Ihr veranstaltet die Fuckup Nights in Berlin seit 2014. Hat sich die Fehlerkultur in dieser Zeit spürbar verändert?
Ralf Kemmer: Wenn wir ehrlich sind, lässt sich eine grundlegende Veränderung bisher kaum feststellen.
Wir haben selbst Untersuchungen und Befragungen durchgeführt. Natürlich gibt es Unternehmen, die sich intensiv mit dem Thema beschäftigen. Und es gab immer wieder Phasen, in denen Fehlerkultur besonders viel Aufmerksamkeit bekommen hat.
Das war beispielsweise im Zusammenhang mit New Work oder später mit Methoden wie Design Thinking der Fall.
Aber Kultur verändert sich nicht dadurch, dass ein Thema gerade populär ist.
Das ist ein langfristiger Prozess. Es braucht Führungskräfte, die Offenheit vorleben, und Strukturen, die einen konstruktiven Umgang mit Fehlern ermöglichen.
Wenn wir mit unseren Veranstaltungen Menschen dazu bringen, über ihre eigenen Erfahrungen nachzudenken und Fehler anders zu betrachten, ist das bereits ein wichtiger Schritt.
Fuckup Night goes Wildau: Aus Fehlern lernen, gemeinsam weiterdenken
Am 11. November 2026 kommt das Format erstmals in dieser gemeinsamen Konstellation nach Wildau. Die IHK Cottbus, die Fuckup Nights Berlin und der Startup-Accelerator Reaktor Wildau bringen die Veranstaltung ins Audimax der Technischen Hochschule Wildau.
Drei Unternehmerinnen und Unternehmer werden an diesem Abend ihre persönlichen Geschichten erzählen. Im Mittelpunkt stehen geschäftliche Fehlentscheidungen, unerwartete Wendungen und die Frage, was sich daraus lernen lässt.
Anders als bei einer klassischen Konferenz ist das Publikum ausdrücklich eingeladen, Fragen zu stellen und mitzudiskutieren.
Und es gibt noch eine Besonderheit: einen vierten, offenen Platz auf der Bühne. Wer selbst eine Geschichte über einen unternehmerischen Fuckup erzählen möchte, kann sich spontan im Rahmen des Open Mic melden.
Rafael Kugel: Uns geht es darum, diese Offenheit auch stärker in die Startup- und Unternehmenslandschaft Brandenburgs zu tragen. Wir haben viele innovative Teams, die neue Wege gehen. Da gehören Fehler zwangsläufig dazu. Entscheidend ist, wie wir damit umgehen.
Ralf Kemmer: Und genau dafür ist so ein Abend ideal. Wir schaffen einen geschützten Rahmen, in dem Menschen offen erzählen und das Publikum nachfragen kann.
Es geht nicht darum, jemanden vorzuführen. Es geht darum, Geschichten zu verstehen, Erfahrungen auszutauschen und miteinander ins Gespräch zu kommen.
Und natürlich soll der Abend auch Spaß machen. Mit guten Gesprächen, Networking, Essen und Getränken.
Rafael Kugel: Dann freuen wir uns auf einen Abend mit spannenden Geschichten, ehrlichen Einblicken und hoffentlich vielen neuen Erkenntnissen. Und vielleicht traut sich ja auch jemand aus unserem Netzwerk auf die Bühne.
Die Fuckup Night in Wildau auf einen Blick
- Termin: Mittwoch, 11. November 2026
- Ort: Audimax der Technischen Hochschule Wildau
- Einlass: ab 17:00 Uhr
- Beginn: 18:00 Uhr
- Anmeldung: https://www.eventbrite.de/e/fuckup-night-berlin-goes-wildau-tickets-2003292144732
- Programm: Drei persönliche Business-Fuckup-Stories, Publikumsfragen und ein offener vierter Speaker-Slot
- Veranstaltungspartner: IHK Cottbus, Fuckup Nights Berlin und Reaktor Wildau
- Eintritt: kostenfrei
- Außerdem: Networking, Snacks und Getränke
Fazit: Eine gute Fehlerkultur bedeutet nicht, Fehler schönzureden oder Verantwortung zu vermeiden. Sie bedeutet, Probleme offen anzusprechen, aus Erfahrungen zu lernen und Menschen den Mut zu geben, Neues auszuprobieren. Gerade für wachsende Startups kann das zu einer entscheidenden Führungsaufgabe werden.
Das Gespräch führte Rafael Kugel, Gründer und Geschäftsführer des Startup-Accelerators Reaktor Wildau, mit Prof. Ralf Kemmer, Professor an der SRH Hochschule Berlin, Unternehmer und Mitorganisator der Fuckup Nights Berlin. Das Interview wurde für die Veröffentlichung redaktionell gekürzt und sprachlich bearbeitet.
Das Interview auf Youtube:

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