Grüne Innovation am Rande der Republik: Interview Martin Hahn, MdL
Im zweiten Teil unseres Deep Dives Grüne Innovation am Rande der Republik: der Bodenseekreis sprechen wir mit Martin Hahn, Mitglied des Landtags von Baden-Württemberg. Der Agraringenieur und langjährige Bio-Landwirt sitzt für Bündnis 90/Die Grünen im Landtag für den Wahlkreis 67 von Baden-Württemberg und gilt als profunder Kenner der Wechselwirkungen von Landwirtschaft, Umweltpolitik und regionaler Wirtschaftsentwicklung. Seit Jahren setzt er sich politisch mit der Frage auseinander, wie nachhaltige Produktion, technologische Erneuerung und die Lebensrealität im ländlichen Raum zusammengebracht werden können.
Mit Blick auf die besondere Lage der Region am Bodensee sprechen wir über Innovationspotenziale jenseits urbaner Zentren, über Zielkonflikte zwischen Ökologie und Ökonomie und darüber, warum gerade die vermeintliche Peripherie zum Labor für zukunftsfähige Lösungen werden kann.
Interview mit Martin Hahn, MDL BaWü
Was macht den Bodensee aus Ihrer Sicht zu einem besonderen Innovationsstandort – gerade im Vergleich zu Metropolregionen wie Stuttgart oder München?
Der Bodensee ist ein besonderer Innovationsstandort, weil hier viele Akteure sehr nah zusammenarbeiten. Internationale Unternehmen, mittelständische Betriebe, Hochschulen und Startups treffen auf kurzen Wegen aufeinander. Das macht Kooperationen oft einfacher und schneller als in großen Metropolregionen wie Stuttgart oder München.
In Friedrichshafen bündeln sich wichtige Zukunftsthemen wie Mobilität, Energie und industrieller Wandel. Unternehmen wie ZF oder Rolls-Royce Power Systems arbeiten hier eng mit dem Stadtwerk und der Zeppelin Universität zusammen. Statt großer anonymer Netzwerke gibt es häufig direkte Partnerschaften und konkrete Pilotprojekte.
Ein weiterer großer Vorteil ist die internationale Lage des Bodensees. Als Vierländerregion sind wir es gewohnt, über Grenzen hinweg zu denken und zu arbeiten. Märkte, Fachkräfte und Wertschöpfung werden hier von Anfang an grenzüberschreitend betrachtet. Mit starken Hochschulen wie der Universität St. Gallen, der Zeppelin Universität und der Universität Konstanz haben wir in unmittelbarer Nähe exzellente wissenschaftliche Partner. Das fördert Austausch, gemeinsame Projekte und internationale Perspektiven – und stärkt den Bodensee als Innovationsstandort.
Nicht zuletzt ist auch die hohe Lebensqualität ein Innovationsfaktor. Die besondere Landschaft rund um den Bodensee bietet Raum für Ausgleich und neue Perspektiven. Das zieht kreative Menschen an und unterstützt innovatives Denken.
Welche Rolle spielen mittelständische Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen für die Innovationskraft der Region Bodensee?
Mittelständische Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen sind der Motor der Innovationskraft am Bodensee. Der Mittelstand spielt dabei eine zentrale Rolle: Er macht aus guten Ideen konkrete Produkte, bringt sie in die Anwendung und sorgt dafür, dass Wertschöpfung in der Region bleibt. Viele Betriebe sind hoch spezialisiert und sehr praxisnah – genau das macht sie zu starken Umsetzern.
Die Hochschulen liefern dafür die Impulse. Sie stehen für Forschung, neue Ideen und gut ausgebildete Fachkräfte. Gleichzeitig fördern sie Gründungen und den Transfer in die Praxis. Ein gutes Beispiel ist der PioneerPort der Zeppelin Universität, der Beratung, Netzwerke und Räume für Gründerinnen und Gründer bietet.
Besonders stark wird die Region durch das Zusammenspiel dieser Akteuren. Wenn Hochschulen, Unternehmen und Kommunen zusammenarbeiten, entsteht ein fruchtbarer Boden für Innovation. Formate wie der Investor Summit Bodensee in Friedrichshafen zeigen, wie Forschung, Start-ups und Wirtschaft konkret zusammenfinden.
Wo sehen Sie aktuell die größten Potenziale für Innovation und Gründungen rund um den Bodensee?
Es gibt sicherlich viele Bereiche, in denen noch großes Potenzial steckt, aber ich denke dabei zum Beispiel an den Gesundheitsbereich. Gerade auch mit Blick auf eine älter werdende Gesellschaft gewinnt dieses Thema weiter an Bedeutung. Zwar passiert hier bereits sehr viel, gleichzeitig steckt noch enormes Innovationspotenzial in neuen Ideen und Lösungen.
Ob digitale Gesundheitsanwendungen, neue Versorgungsmodelle, Prävention oder die Verbindung von Medizin, Pflege und Technik – hier können neue Ideen entstehen, die den Menschen konkret helfen und gleichzeitig neue Gründungen ermöglichen. Gerade in einer Region mit hoher Lebensqualität, starken Einrichtungen und vielen Fachkräften ist das ein Zukunftsfeld mit großer Bedeutung.
Ein weiteres großes Potenzial liegt im Bereich Energie, insbesondere beim intelligenten Umgang mit Energie. Themen wie Energiemanagement, Speichertechnologien, die Umwandlung von Energie oder die bessere Vernetzung von Erzeugung und Verbrauch werden in den kommenden Jahren stark an Bedeutung gewinnen. Der Bodensee bietet dafür gute Voraussetzungen – durch Industrie, Mittelstand und kommunale Akteure, die bereit sind, neue Lösungen zu erproben.
Welche grünen Technologien haben sich in der Bodenseeregion bereits bewährt, und worauf können wir heute schon stolz sein?
In der Bodenseeregion haben sich bereits mehrere grüne Technologien und nachhaltige Ansätze bewährt, auf die wir heute zu Recht stolz sein können.
Ein besonders starkes Beispiel ist die Landwirtschaft. Die Bodenseeregion gilt bundesweit als Vorreiter im ökologischen Landbau – sowohl bei Sonderkulturen als auch bei der regionalen Verarbeitung. Viele Betriebe verbinden nachhaltige Bewirtschaftung mit innovativer Handwerkskunst und schaffen so hochwertige Produkte und regionale Wertschöpfung. Hinzu kommen erneuerbare Energien auf den Höfen, etwa durch Agri-Photovoltaik oder Biogas aus Reststoffen. Gerade Agri-PV zeigt, wie zukunftsfeste Landwirtschaft gelingen kann: sichere und klimaresiliente Lebensmittelproduktion, weniger Pflanzenschutzmittel und gleichzeitig nachhaltige Energiegewinnung auf derselben Fläche.
Ein Beispiel ist die Bodenseeschifffahrt: Mit dem Einsatz eines elektrisch betriebenen Schiffs machen die Bodensee-Schiffsbetriebe den ersten Schritt in Richtung CO₂-neutraler Schifffahrt auf dem Bodensee und treiben damit die Umstellung auf eine klimafreundlichere Flotte voran.
Ein weiterer Bereich ist die industrielle Transformation. Am Standort Friedrichshafen wird konkret an Lösungen für grünen Wasserstoff gearbeitet – von der Erzeugung bis zur Anwendung in Antrieben und Brennstoffzellen. Hier zeigt sich, wie industrielle Stärke und Klimaschutz erfolgreich zusammengebracht werden.
Ergänzend dazu spielt die Satelliten- und Raumfahrttechnologie eine wichtige Rolle. Sie liefert präzise Daten zur Erdbeobachtung, Wetterentwicklung und Klimaveränderung und schafft damit die Grundlage für besseren Umwelt- und Katastrophenschutz sowie für eine vorausschauende Klimaanpassung.
In welchen Bereichen – etwa erneuerbare Energien, nachhaltige Mobilität, Kreislaufwirtschaft oder Digitalisierung – sehen Sie besonders große Zukunftschancen für die Region?
Die größten Zukunftschancen für die Bodenseeregion sehe ich vor allem bei den erneuerbaren Energien, der nachhaltigen Mobilität und der Anpassung der Landwirtschaft an den Klimawandel.
Im Bereich der erneuerbaren Energien liegt ein enormes Potenzial in der Weiterentwicklung und Skalierung von Agri-Photovoltaik und solaren Freiflächen. Gerade Agri-PV über Obstkulturen – etwa über Apfelanlagen – zeigt, wie leistungsfähige Landwirtschaft und Klimaschutz zusammengehen können. Auf derselben Fläche bleiben die Erträge erhalten, während gleichzeitig Energie erzeugt wird. In der Summe hat diese Technologie das Potenzial, eine Leistung in der Größenordnung eines mittelgroßen Atomkraftwerks von rund 1,8 Gigawatt zu erreichen. Mit den politischen Leitplanken, etwa den Flächenzielen für Windkraft und Photovoltaik und dem Teilregionalplan Energie, kommen wir jetzt vom Grundsatz in die konkrete Umsetzung.
Große Chancen sehe ich auch im Bereich der nachhaltigen Mobilität und Digitalisierung. Mit Unternehmen wie ZF ist die Region ein wichtiger Entwicklungsstandort für autonomes Fahren und intelligente Verkehrssysteme. Diese Technologien können Mobilität sicherer, effizienter und klimafreundlicher machen und stärken zugleich die industrielle Basis des Bodenseeraums.
Ein drittes wichtiges Zukunftsfeld ist die Klimaanpassung in der Landwirtschaft. Trockenheitsresistente Sorten, neue Bewässerungskonzepte und der gezielte Aufbau von Humus werden entscheidend sein, um auch in Zukunft stabile Erträge zu sichern und die Landwirtschaft widerstandsfähig aufzustellen.
Wie kann die Politik gezielt dazu beitragen, dass grüne Innovationen aus der Bodenseeregion schneller vom Reißbrett in den Markt kommen?
Politik kann gezielt dazu beitragen, indem sie die richtigen Rahmenbedingungen für Innovation schafft. Entscheidend ist, dass Förderprogramme einfacher, schneller und besser auf die Bedürfnisse von Gründerinnen, Gründern und innovativen Unternehmen zugeschnitten sind.
Eine zentrale Aufgabe ist es, innovative Ideen mit risikobereitem Kapital zusammenzubringen. Viele grüne Innovationen scheitern nicht am Konzept, sondern an der Finanzierung in der frühen Phase. Wenn Politik hier Brücken baut – durch Förderprogramme, Netzwerke und passende Finanzierungsinstrumente – entstehen die Bedingungen, die Unternehmen brauchen, um ihre Ideen vom Reißbrett in den Markt zu bringen.
Welchen Einfluss hat die geografische Entfernung zur Landeshauptstadt Stuttgart und zur Bundespolitik in Berlin auf das Gründungs- und Innovationsgeschehen am Bodensee?
Natürlich gibt es eine gewisse räumliche Entfernung zu Stuttgart und Berlin. Gleichzeitig kann man aber auch sagen: Der Bodensee liegt mitten in Europa, gewissermaßen zwischen Berlin und Rom. Die internationalen Bedingungen sind hier keineswegs schlecht – im Gegenteil, viele Unternehmen und Fachkräfte denken und arbeiten ohnehin grenzüberschreitend.
In einer digitalen Arbeitswelt spielen Entfernungen in Kilometern aus meiner Sicht eine immer geringere Rolle. Ich erlebe das nicht mehr als zentralen Faktor. Viel wichtiger ist das Umfeld, also die Frage, ob Menschen hier gerne leben, arbeiten und ihre Ideen umsetzen wollen. Genau darin liegt eine große Stärke der Bodenseeregion – und das wirkt sich positiv auf Gründungen und Innovation aus.
Sehen Sie darin eher einen Standortnachteil – etwa durch geringere Sichtbarkeit und kürzere Wege zu Entscheidern – oder auch Chancen, weil man freier und unabhängiger agieren kann?
Ich würde ganz klar die Chancen in den Vordergrund stellen. Der Bodensee ist kein klassischer Metropolenstandort, und genau das eröffnet Freiräume. Hier kann man unabhängiger denken und arbeiten.
Viele Innovationen entstehen hier sehr praxisnah – aus konkreten Herausforderungen in Unternehmen, in der Landwirtschaft oder in den Kommunen. Die Wege zwischen den Akteuren sind kurz, man kennt sich, spricht miteinander und kommt schneller in die Umsetzung. Das ermöglicht eigene Profile und Lösungen, die nicht von außen vorgegeben sind. Gerade diese Mischung aus Eigenständigkeit, guter Vernetzung und hoher Lebensqualität macht den Standort attraktiv für Menschen, die etwas aufbauen wollen.
Vielen Dank Herr Hahn für das Interview
Wir danken Martin Hahn herzlich für das offene Gespräch und die Einblicke in politische Praxis und regionale Entwicklungsperspektiven. Seine Einschätzungen zeigen, wie viel Gestaltungskraft in Regionen wie dem Bodenseekreis steckt, wenn Innovation, Nachhaltigkeit und lokale Verantwortung zusammengedacht werden. Im nächsten Teil unserer Serie Grüne Innovation am Rande der Republik widmen wir uns einem weiteren Akteuer aus dem Bodenseekreis, der auf grünen Fortschritt im Bauhandwerk setzt und die Region mit neuen Ideen und unternehmerischem Mut prägt: Grüne Innovation am Rande der Republik mit Wörner Bau.
Die einzelnen Teile der Serie:
Teil 1: Grüne Innovation am Rande der Republik, aber mitten in Europa: Der Bodenseekreis
Teil 2: Grüne Innovation am Rande der Republik: Interview Martin Hahn, MdL
Teil 3: Grüne Innovation am Rande der Republik mit Wörner Bau
Teil 4: Innovation am Rande der Republik: Learnings Bodenseekreis
Transparenzhinweis:
Martin Hahn stellt sich am 8. März 2026 erneut zur Landtagswahl Baden-Württemberg. Die Startbase wahrt ausdrücklich politische Neutralität, gibt keine Wahlempfehlungen ab und macht sich in keiner Form politisch abhängig.

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