„Ich will Gründerinnen die Möglichkeit geben, an Kapital zu kommen“

Unternehmerin Tijen Onaran will mit einem neuen VC-Fonds speziell für Gründerinnen Geld einsammeln. Wie das bisher läuft, warum sie den Fonds für notwendig hält und was das mit ihrer eigenen Erfahrung zu tun hat, erklärt sie im Interview. 

Frau Onaran, Sie wollen einen Risikokapitalfonds speziell für Gründerinnen einrichten. Woher kommt die Idee? 

Die Idee entstand, weil ich selbst negative Erfahrungen mit Wagniskapital gemacht habe. Als ich Global Digital Women gründete habe, hatte ich Probleme an Wagniskapital zu kommen. Ich hatte weder ein großes Netzwerk noch Zugänge und musste am Ende auf Eigenkapital zurückgreifen. Dieses Problem haben viele Frauen, das haben sie mir in vielen, vielen Gesprächen widergespiegelt und ich glaube, das trägt dazu bei, dass nur 15 Prozent aller Start-ups von Frauen gegründet werden. Ich habe es mir als Ziel für 2021 gesetzt, das zu ändern. 

Der Hauptgrund dafür ist also Ihrer Meinung nach, dass Frauen die Netzwerke fehlen.

Das ist sicherlich ein Grund, ich sehe noch zwei weitere, die darauf aufbauen. Zum ersten werden Risikokapitalgeber zu 97 Prozent von Männern geführt und Männer fördern Männer und Männer geben Männern Geld. Das machen die, glaube ich, gar nicht mal mit Absicht. Sie sagen nicht: ‘Oh, wir investieren nur in Männer, weil wir das toll finden’. Aber sie sind nur von Männern umgeben, auf Veranstaltungen, in sozialen Medien, in ihren Netzwerken. Da fällt es leicht, Frauen als Gründerinnen, aber auch als Zielgruppe zu übersehen. Da steckt aber viel bisher verschenktes Potenzial. 

Wie meinen Sie das? 

Da sind wir bei dem zweiten Grund: Wenn Frauen gründen, geht es oft um vermeintlich weibliche Ideen. Man spricht dann auch von Femtech, also Produkte von Frauen für Frauen. Ein Beispiel ist ooia, ein Start-up, das damit begonnen hat, Periodenunterwäsche herzustellen. Wenn Frauen solche Ideen einem von Männern geführten Fonds vorstellen, dann verstehen die die Produkte oder Zielgruppe gar nicht oder unterschätzen sie. Neudeutsch würde man wohl sagen: Ihnen fehlt die Awareness. Bei ooia beispielsweise hat Carsten Maschmeyer den Gründerinnen gesagt, dass er damit nichts anfangen kann. 

Es ist keine Wohltätigkeit, in Frauen zu investieren. Es ist längst wichtig für Unternehmen, diverse Teams zu haben, diverse Vorstände, diverse Aufsichtsräte.

Tijen Onaran, Unternehmerin

Einige sagen, Start-ups von Gründerinnen machen, gerade weil sie eher im Konsumbereich unterwegs sind, weniger Rendite und skalieren langsamer. Andere halten das für ein Vorurteil. Könnte es nicht auch daran liegen, dass Frauen weniger Risikokapital bekommen? 

Frauen gehen ihr Start-up oft anders an, ihr Plan ist nachhaltiger. Ihr Ziel ist es meistens nicht, in ein oder zwei Jahren zu verkaufen und den großen Exit zu machen, sondern ein gesundes Unternehmen auf die Beine zu stellen und solide zu haushalten. Das kann dem Skalierungsmodell vieler Wagniskapitalfonds widersprechen. Das heißt aber nicht, dass Start-ups von Frauen langfristig weniger Rendite abwerfen. Im Gegenteil: Vor allen Dingen hinten raus machen deren Firmen mehr Profit. 

Sie hätten gerne 100 Millionen Euro, um in von Frauen gegründete Start-ups zu investieren. Wie viel haben Sie denn zusammen? 

Ich habe bereits sehr viele proaktive Anfragen bekommen, von Family Offices, von Unternehmen sowie von Privatpersonen und wir sind mit sehr vielen Menschen in Kontakt, die das Thema verstehen. Aber die „German Zurückhaltung“ gibt es eben nicht nur auf dem Papier, sondern sie wird auch gelebt.

Was ist die größte Hürde, die Sie bei den Geldgebern überwinden müssen? 

Das Thema Diversität ist bei vielen noch immer nicht im Geschäftsleben angekommen. Die sehen Diversität als etwas, was man unterstützen sollte und wozu man sich positionieren muss. Aber es ist keine Wohltätigkeit, in Frauen zu investieren. Es ist längst wichtig für Unternehmen, diverse Teams zu haben, diverse Vorstände, diverse Aufsichtsräte. Ich glaube, das haben noch immer nicht alle verstanden, auch wenn wir 2021 bereits auf einem guten Weg sind. Investorinnen und Investoren werden mehr daran gemessen werden, in was sie investiert haben - und welche gesellschaftlichen Implikationen das hat. 

Sollten Sie das Geld zusammenbekommen: Welche Kriterien müssten die Start-ups erfüllen, in die Sie mit dem Fonds investieren werden? 

Zunächst einmal müssen sie von Frauen gegründet sein. Dann wird Nachhaltigkeit sicherlich eine Rolle spielen, das liegt auf der Hand. Auf einzelne Branchen werden wir uns nicht festlegen, dafür sind die Ideen zu vielfältig. Ich kann mir allerdings auch vorstellen, Frauen gerade in den Bereichen zu unterstützen, in denen es bisher wenig Gründerinnen gibt, beispielsweise im Tech-Sektor – vielleicht sogar stärker mit Konsumfokus. Es ist ja nicht so, dass den Frauen das Knowhow fehlen würde. Es fehlt am Geld und das bringen wir mit dem Fonds mit. 

Hätten Sie als junge Gründerin schon Geld von Risikokapitalgebern bekommen, wären Sie vielleicht nie auf die Idee gekommen, diesen Fonds ins Leben zu rufen. Hätten Sie rückblickend lieber Risikokapital gehabt?

Zum damaligen Zeitpunkt war es vielleicht richtig, dass ich kein Risikokapital bekommen habe. Aber ich bin selbst in keiner Familie aufgewachsen, die mir einfach ein bisschen Spielgeld zur Verfügung gestellt hat. Alles ist hart erarbeitet und ich habe gemerkt: Es Ist viel schwieriger mit Eigenkapital zu bestehen, weil man viel länger braucht, man wächst langsamer. Ich konnte damals nicht zwischen Eigen- und Wagniskapital wählen. Ich will Gründerinnen die Möglichkeit geben, an Kapital zu kommen. Das soll dieser Fonds leisten.

Vielen Dank für das Gespräch.

zur Person: Tijen Onaran ist Unternehmerin, Investorin und Bestseller-Autorin. Sie ist Gründerin von Global Digital Women, einem international aufgestellten Beratungsunternehmen in Diversitätsfragen. Das Manager Magazin zählte sie zuletzt zu den Top 100 einflussreichsten Frauen der deutschen Wirtschaft und das Wirtschaftsmagazin Capital zu den Top 40 unter 40 Talenten der Wirtschaft.

(Foto: Startbase)

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