Deeptech

EIB stellt Reactive Technologies 19 Millionen Euro für Stromnetz-Technologie bereit

Die Europäische Investitionsbank finanziert das DeepTech-Unternehmen per Venture Debt. Das Kapital fließt in Forschung und den europäischen Rollout.
News von Marc Nemitz Marc Nemitz · London, 28. September 2026

Das britisch-finnische DeepTech-Unternehmen Reactive Technologies erhält 19 Millionen Euro Venture Debt von der Europäischen Investitionsbank (EIB). Mit der Finanzierung will das Unternehmen seine Technologie zur Echtzeitüberwachung von Stromnetzen weiterentwickeln und stärker in der Europäischen Union ausrollen. Bis zu sieben Millionen Euro fließen in Forschung und Entwicklung am finnischen Standort Oulu, weitere zwölf Millionen Euro sind für den Einsatz der Technologie in der EU vorgesehen. Die Finanzierung wird durch das InvestEU-Programm unterstützt und ist Teil der TechEU-Initiative der EIB-Gruppe.

Stromnetze werden komplexer

Reactive Technologies adressiert mit seiner Technologie eine zunehmende Herausforderung der Energiewende. Stromnetze müssen nicht nur wachsende Mengen aus Wind- und Solaranlagen aufnehmen, sondern gleichzeitig neue große Verbraucher wie Rechenzentren versorgen.

Anders als konventionelle Kraftwerke bringen viele erneuerbare Erzeugungsanlagen jedoch nicht in gleichem Maße rotierende Masse und damit Trägheit in das Stromnetz ein. Diese sogenannte Inertia kann dazu beitragen, kurzfristige Schwankungen und Störungen im Netz abzufangen.

Je stärker sich der Strommix verändert, desto wichtiger wird es für Netzbetreiber, den tatsächlichen Zustand ihrer Netze möglichst genau und in Echtzeit zu erfassen.

GridVerix misst Netzstabilität in Echtzeit

Reactive Technologies hat dafür seine Plattform GridVerix entwickelt. Sie misst zentrale Parameter der Netzstabilität in Echtzeit. Dazu gehören neben der Trägheit des Stromnetzes auch Netzstärke und Spannungsstabilität in unterschiedlichen Bereichen des Systems. Netzbetreiber sollen dadurch Schwachstellen früher erkennen und ihre Infrastruktur effizienter steuern können. Das soll unter anderem ermöglichen, zusätzliche Wind- und Solarleistung sowie große Stromverbraucher anzuschließen, ohne die Stabilität des Netzes unnötig zu gefährden.

Reactive Technologies sieht zudem Potenzial, sogenanntes Curtailment zu reduzieren. Dabei wird die Stromproduktion erneuerbarer Anlagen gezielt gedrosselt, wenn das Netz die erzeugte Energie zeitweise nicht sicher aufnehmen kann. Eine bessere Kenntnis des tatsächlichen Netzzustands könnte Netzbetreibern ermöglichen, vorhandene Kapazitäten effizienter auszunutzen.

Sieben Millionen Euro für Forschung in Finnland

Von der EIB-Finanzierung sind bis zu sieben Millionen Euro für Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten im finnischen Oulu vorgesehen. Dort betreibt Reactive Technologies sein R&D-Zentrum. Weitere zwölf Millionen Euro sollen die Einführung von GridVerix innerhalb der Europäischen Union unterstützen.

Bei den 19 Millionen Euro handelt es sich nicht um eine Eigenkapitalrunde, sondern um Venture Debt. Diese Finanzierungsform richtet sich insbesondere an innovative Wachstumsunternehmen und ermöglicht zusätzliches Kapital, ohne unmittelbar neue Unternehmensanteile ausgeben zu müssen. Unterstützt wird die Transaktion durch InvestEU. Zudem zahlt die Finanzierung auf TechEU ein, mit der die EIB-Gruppe Investitionen in strategisch relevante europäische Technologien beschleunigen will.

Technologie aus Europa soll breiter ausgerollt werden

Reactive Technologies wurde in Großbritannien und Finnland mitgegründet und hat seinen Hauptsitz heute in London. Neben dem Entwicklungszentrum in Finnland verfügt das Unternehmen über kommerzielle Standorte in den USA, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Australien. Das Geschäftsmodell basiert auf einem Data-as-a-Service-Ansatz. Netzbetreiber, Energieversorger und Anlagenbetreiber erhalten über GridVerix Messdaten und Analysen zur Stabilität ihrer Stromnetze.

Für CEO Marc Borrett kommt die Finanzierung zu einem Zeitpunkt, an dem sowohl die Einspeisung erneuerbarer Energien als auch der Strombedarf großer Verbraucher schnell wachsen. Beides erhöhe die Komplexität für Netzbetreiber.

Energiewende braucht mehr als neue Erzeugung

Die Finanzierung von Reactive Technologies zeigt damit auch, dass die Energiewende zunehmend zu einer Infrastruktur- und Softwareaufgabe wird. Neue Wind- und Solaranlagen allein reichen nicht aus, wenn Stromnetze die zusätzliche und schwankende Erzeugung nicht sicher integrieren können.

Für Reactive Technologies liegt die Chance darin, bestehende Netzinfrastruktur durch bessere Echtzeitdaten effizienter nutzbar zu machen. Ob GridVerix dadurch tatsächlich in größerem Umfang Netzausbau vermeiden, Curtailment reduzieren oder zusätzliche Verbraucher schneller integrieren kann, wird sich allerdings erst beim breiteren Einsatz zeigen.


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