EnergyTech

retoflow holt sich Millioneninvestment

Die Fraunhofer-Ausgründung retoflow erhält ein siebenstelliges Investment von der BM H. Mit digitalen Zwillingen will das Kasseler DeepTech Stadtwerken helfen, ihre Energienetze vorausschauender auszubauen.
News von Marc Nemitz Marc Nemitz · Kassel, 16. September 2026

Die Kasseler Fraunhofer-Ausgründung retoflow erhält frisches Kapital für den weiteren Ausbau ihrer Softwareplattform zur Netzplanung. Die BM H Beteiligungs-Managementgesellschaft Hessen investiert über die HessenFonds Beteiligungen GmbH einen siebenstelligen Betrag in das DeepTech-Unternehmen. retoflow entwickelt digitale Zwillinge von Energieinfrastrukturen, mit denen Stadtwerke und Netzbetreiber unterschiedliche Zukunftsszenarien simulieren und den Ausbau ihrer Netze planen können.

Die genaue Höhe der Beteiligung wurde nicht genannt. Das Kapital soll sowohl in die technologische Weiterentwicklung als auch in die vertriebliche Skalierung fließen. Dabei kann retoflow bereits auf ein etabliertes Softwaregeschäft zurückgreifen: Das Unternehmen arbeitet nach eigenen Angaben profitabel, erzielt steigende wiederkehrende Umsätze und gewinnt inzwischen erste internationale Kunden.

Digitale Zwillinge für Strom-, Gas- und Wärmenetze

Das Problem, das retoflow adressiert, wächst mit dem Umbau des Energiesystems. Stromnetze müssen durch Elektrifizierung, erneuerbare Energien und neue Verbraucher ausgebaut werden. Gleichzeitig entstehen neue Wärmenetze, während Teile der bestehenden Gasinfrastruktur perspektivisch zurückgebaut oder stillgelegt werden könnten. Diese Entwicklungen können jedoch nicht unabhängig voneinander geplant werden. Veränderungen in einem Bereich können Auswirkungen auf andere Teile der Energieinfrastruktur haben.

Eine wesentliche Hürde sind dabei die vorhandenen Daten. Informationen über Netze liegen bei Versorgern häufig in unterschiedlichen Systemen und Formaten. retoflow führt diese Daten in einer gemeinsamen Umgebung zusammen und erstellt daraus einen rechenfähigen digitalen Zwilling der bestehenden Infrastruktur.

Engpässe erkennen, bevor sie entstehen

Auf dieser Grundlage können Netzbetreiber unterschiedliche Szenarien simulieren. Die Software soll beispielsweise zeigen, an welchen Stellen eines Netzes künftig Engpässe entstehen könnten und welche Verstärkungs- oder Ausbaumaßnahmen erforderlich wären. Aus einer bislang häufig statischen Netzplanung soll damit ein kontinuierlicherer Prozess werden, der unterschiedliche Annahmen berücksichtigen kann.

Netzplanung darf angesichts der Geschwindigkeit der Energiewende kein statischer Prozess mehr sein.

Dr. Leon Thurner, Geschäftsführer & Co-Founder retoflow

Netzbetreiber benötigten eine belastbare Datengrundlage, um unterschiedliche Szenarien schnell bewerten zu können. Gerade für kleinere und mittelgroße Stadtwerke ist das interessant. Viele von ihnen betreiben gleichzeitig mehrere Infrastrukturen, verfügen aber nicht über die Ressourcen großer Energiekonzerne. Softwaregestützte Modellierung kann ihnen dabei helfen, Investitionsentscheidungen schneller vorzubereiten und Veränderungen frühzeitig in ihre Planung einzubeziehen.

Aus Fraunhofer-Forschung wird Softwaregeschäft

Die technologischen Grundlagen von retoflow entstanden am Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik IEE und an der Universität Kassel. Die Gründer Dr. Leon Thurner, Jannis Kupka und Simon Drauz-Mauel beschäftigten sich dort über mehrere Jahre mit der Modellierung von Versorgungsnetzen. Sie waren zudem maßgeblich an der Entwicklung der Open-Source-Projekte pandapower und pandapipes beteiligt, die für die Modellierung und Analyse von Energieinfrastrukturen eingesetzt werden.

Mit retoflow überführten die Gründer diese wissenschaftlichen Grundlagen schließlich in eine kommerzielle Softwareplattform für Energieversorger. Damit ist das Unternehmen zugleich ein Beispiel für einen Technologietransfer, bei dem nicht nur einzelne Forschungsergebnisse kommerzialisiert werden, sondern aus einer über Jahre aufgebauten wissenschaftlichen Infrastruktur ein eigenständiges Softwaregeschäft entsteht.

retoflow arbeitet bereits profitabel

Das Investment der BM H trifft dabei nicht auf ein Unternehmen, das sein Geschäftsmodell erst noch im Markt beweisen muss. Aus ersten Pilotprojekten sind laut retoflow inzwischen langfristige Kundenbeziehungen und steigende wiederkehrende Umsätze entstanden. Das Unternehmen gibt zudem an, bereits über mehrere Geschäftsjahre profitabel gearbeitet zu haben. Gleichzeitig kommen erste internationale Kunden hinzu.

Das unterscheidet die Finanzierung von vielen klassischen Venture-Capital-Runden im DeepTech-Umfeld. Das frische Kapital soll weniger die technologische Grundlagenentwicklung finanzieren, sondern ein bereits funktionierendes Geschäftsmodell weiter skalieren.

BM H setzt auf Infrastruktur der Energiewende

Für die BMH steht dabei die wachsende Bedeutung der Verteilnetze im Mittelpunkt. "Die Verteilnetze sind das operative Rückgrat der Energiewende", sagt Investment Manager Christoph Wolf. Mit dem Umbau der Energieversorgung steige entsprechend der Bedarf an Werkzeugen, mit denen Netzbetreiber komplexe Ausbauentscheidungen schneller und fundierter treffen können. retoflow habe dafür eine Technologie entwickelt, die sich bereits im Markt etabliert habe.

Die Beteiligung erfolgt über die HessenFonds Beteiligungen GmbH. Die genaue Höhe des Investments bleibt offen; kommuniziert wird lediglich ein siebenstelliger Betrag.

Vom Stromnetz zur gesamten Versorgungsinfrastruktur

Zusätzliches Wachstumspotenzial sieht retoflow in der Übertragung seiner Technologie auf weitere Infrastrukturen. Bislang bilden Stromnetze den Schwerpunkt. Die zugrunde liegende Modellierungs- und Simulationslogik kommt nach Unternehmensangaben aber zunehmend auch bei Gas-, Wasser- und Wärmenetzen zum Einsatz.

Die Verbindung dieser Bereiche könnte langfristig zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal werden. Denn mit zunehmender Sektorenkopplung reicht es immer weniger aus, Strom, Wärme und Gas getrennt zu betrachten. Für retoflow eröffnet sich damit ein Markt, der weit über die Digitalisierung einzelner Netzpläne hinausgeht. Die Plattform könnte zu einem Werkzeug werden, mit dem Versorger unterschiedliche Infrastrukturen gemeinsam modellieren und Investitionen über mehrere Jahrzehnte vorbereiten.


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