Logistik

Depotcharge erhält 2,7 Millionen Euro und baut mit dem BGL ein E-Lkw-Ladenetz auf

Das Münchner Startup Depotcharge hat eine Pre-Seed-Finanzierung über 2,7 Millionen Euro abgeschlossen. Lead-Investor ist der High-Tech Gründerfonds (HTGF), beteiligt sind außerdem xdeck Ventures, Kopa Ventures, Prequel Ventures sowie mehrere Business Angels aus Logistik, Elektromobilität und Energiewirtschaft. Parallel gewinnt das Unternehmen mit dem Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) einen wichtigen Branchenpartner: Gemeinsam starten sie mit […]
News von Marc Nemitz Marc Nemitz · Bonn, 15. September 2026

Das Münchner Startup Depotcharge hat eine Pre-Seed-Finanzierung über 2,7 Millionen Euro abgeschlossen. Lead-Investor ist der High-Tech Gründerfonds (HTGF), beteiligt sind außerdem xdeck Ventures, Kopa Ventures, Prequel Ventures sowie mehrere Business Angels aus Logistik, Elektromobilität und Energiewirtschaft. Parallel gewinnt das Unternehmen mit dem Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) einen wichtigen Branchenpartner: Gemeinsam starten sie mit BGL Charge ein bundesweites Depot-Ladenetz für elektrische Lkw.

Unterstützt wird die Initiative von der E.L.V.I.S. AG, die mehr als 250 Partnerunternehmen an über 350 Standorten in die Branchenlösung einbindet. Das Prinzip: Speditionen stellen bislang ungenutzte Ladepunkte auf ihren Betriebshöfen anderen Transportunternehmen zur Verfügung.

BGL macht Depotcharge zur Branchenlösung

Mit dem BGL erhält Depotcharge Zugang zu einem großen Teil der deutschen Transportwirtschaft. Rund 7.000 Unternehmen sind nach Angaben des Verbandes über dessen Landesverbände organisiert. Depotcharge wird zum Ladenetz für die BGL-Mitglieder. Unter der Marke BGL Charge sollen die vorhandenen Ladepunkte von Speditionen zu einem gemeinsamen Netzwerk verbunden werden.

Unsere Mitglieder brauchen eine Ladeinfrastruktur, die planbar, verfügbar und wirtschaftlich ist.

BGL-Vorstandssprecher Prof. Dr. Dirk Engelhardt

Mehr als 200 Unternehmen mit rund 600 E-Lkw sind laut Depotcharge bereits auf der Plattform registriert. Je mehr Unternehmen ihre vorhandenen Kapazitäten teilen, desto größer werde der Nutzen des Netzwerks.

Ungenutzte Ladepunkte werden für andere Speditionen geöffnet

Das Geschäftsmodell basiert auf einer einfachen Beobachtung: Mit der Elektrifizierung ihrer Flotten installieren immer mehr Logistikunternehmen eigene Ladeinfrastruktur auf ihren Betriebshöfen. Diese wird jedoch nicht permanent benötigt. Depotcharge zufolge bleiben mehr als 60 Prozent der Depot-Ladekapazitäten ungenutzt. Gleichzeitig müssen Fahrer unterwegs teilweise auf vergleichsweise teure öffentliche Lademöglichkeiten zurückgreifen.

Über Depotcharge können Betreiber ihre freien Ladezeiten anderen Flotten anbieten. Dabei bestimmen sie selbst über Preise, Verfügbarkeit und Zugangsbedingungen. Depotcharge übernimmt im Hintergrund die Vermarktung, Zugangssteuerung, Abrechnung und Zahlungsabwicklung. Die Plattform soll unabhängig von verwendeter Ladehardware, Backend-System und Fahrzeughersteller funktionieren.

Aus vielen einzelnen Betriebshöfen soll so schrittweise ein dezentrales Ladenetz für den Straßengüterverkehr entstehen.

E.L.V.I.S. bringt mehr als 250 Partnerunternehmen ein

Zusätzliche Reichweite erhält das Netzwerk durch die Zusammenarbeit mit der E.L.V.I.S. AG. Die Einkaufsgemeinschaft verfügt über mehr als 250 Partnerunternehmen an über 350 Standorten. E.L.V.I.S. bindet seine Gemeinschaft als eigene Community in BGL Charge ein. Die Partnerunternehmen sollen dadurch sowohl Zugang zu einem größeren Ladenetz erhalten als auch zusätzliche Nachfrage für die eigene Ladeinfrastruktur generieren können.

Vorbild ist ein Modell aus der Schweiz

Ganz neu ist der Ansatz für Depotcharge nicht. Seit Mai 2026 arbeitet das Unternehmen in der Schweiz mit dem Transportverband ASTAG zusammen. Unter dem Namen ASTAG Charge powered by Depotcharge wird dort ein vergleichbares nationales Depot-Ladenetz aufgebaut. Das Schweizer Modell soll nun gemeinsam mit BGL und E.L.V.I.S. auf Deutschland übertragen werden.

Die Idee von Depotcharge ist einfach: Speditionen teilen ihre Ladeinfrastruktur miteinander und heben damit gesamtwirtschaftliche Potenziale.

Mitgründer und CEO Joscha Specks

In den kommenden zwei Jahren will Depotcharge gemeinsam mit seinen Verbandspartnern nach eigenen Angaben das führende Ladenetzwerk für elektrischen Güterverkehr in DACH und Benelux aufbauen. Perspektivisch sollen auch Industrie- und Handelsunternehmen eingebunden werden.

HTGF führt 2,7 Millionen Euro Pre-Seed-Runde an

Parallel zum Aufbau von BGL Charge sichert sich Depotcharge neues Kapital. Die 2,7 Millionen Euro schwere Pre-Seed-Runde wird vom HTGF angeführt. Neben dem Frühphaseninvestor beteiligen sich xdeck Ventures, Kopa Ventures und Prequel Ventures sowie Business Angels mit Erfahrung aus Logistik, E-Mobilität und Energiewirtschaft.

Das Geld soll vor allem in den weiteren Ausbau der Plattform und die internationale Expansion fließen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Integration des Ladens in die operative Disposition von Logistikunternehmen. Dazu plant Depotcharge unter anderem Reservierungsfunktionen, offene Schnittstellen und Anbindungen an bestehende Transportmanagementsysteme.

Laden soll Teil der Disposition werden

Damit geht der Anspruch über eine reine Vermittlungsplattform für freie Ladesäulen hinaus. Depotcharge will das Laden stärker in die täglichen Abläufe von Speditionen integrieren. Für einen elektrischen Lkw reicht es schließlich nicht, grundsätzlich einen verfügbaren Ladepunkt zu kennen. Ladezeiten müssen mit Fahrtrouten, Ruhezeiten, Lieferterminen und der weiteren Fahrzeugdisposition abgestimmt werden.

Laden muss so selbstverständlich in den Transportalltag passen wie Tanken heute.

Mitgründer und CPTO Julius Wilhelm

Die Herstellerunabhängigkeit soll dabei eine wichtige Rolle spielen. Neue Depots sollen sich möglichst ohne umfangreiche technische Integrationsprojekte anschließen lassen.

Expansion in die Benelux-Länder gestartet

Auch geografisch baut Depotcharge seine Aktivitäten aus. Neben Deutschland, Österreich und der Schweiz ist das Unternehmen seit September 2026 mit einem eigenen Vertriebspartner in den Benelux-Ländern aktiv.

Gleichzeitig verstärkt sich das Startup personell. Marc Clausing übernimmt als Chief Commercial Officer den Vertrieb und bringt nach Unternehmensangaben 21 Jahre Branchenerfahrung mit. Gegründet wurde Depotcharge von Joscha Specks und Julius Wilhelm. Beide verfügen zusammen über mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Elektromobilität und waren zuvor am Aufbau von Digital Charging Solutions beteiligt, einem Joint Venture von BMW, Mercedes-Benz und BP Europa. Betreibergesellschaft hinter Depotcharge ist die Evolve Energy GmbH.

Die eigentliche Infrastruktur ist bereits vorhanden

Das Interessante am Ansatz von Depotcharge ist, dass das Startup für den Aufbau seines Netzes zunächst keine flächendeckende eigene Ladeinfrastruktur errichten muss. Stattdessen versucht das Unternehmen, bereits vorhandene, aber zeitweise ungenutzte Infrastruktur miteinander zu vernetzen.

Damit könnte sich ein Teil des klassischen Henne-Ei-Problems der E-Lkw-Mobilität entschärfen: Speditionen zögern bei der Elektrifizierung ihrer Flotten, solange zuverlässige Lademöglichkeiten fehlen. Gleichzeitig lohnt sich der Aufbau öffentlicher Lkw-Ladeinfrastruktur nur, wenn genügend elektrische Fahrzeuge unterwegs sind.

BGL und E.L.V.I.S. könnten deshalb für Depotcharge wichtiger sein als die Finanzierungsrunde selbst. Mit ihnen erhält das Startup Zugang zu einem großen Netzwerk potenzieller Anbieter und Nutzer und damit zu jener kritischen Masse, die ein Plattformmodell benötigt. Der entscheidende Test beginnt nun in der Praxis. Aus registrierten Unternehmen und vorhandenen Ladepunkten muss ein Netz entstehen, auf das sich Spediteure im täglichen Betrieb tatsächlich verlassen können.


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