LegalTech

EnforceShield erhält 1,7 Millionen Euro für autonome IP-Rechtsdurchsetzung

Vendep Capital führt die Seed-Runde von EnforceShield an. Das litauische Startup will die Durchsetzung von IP-Rechten mit KI-Agenten automatisieren.
News von Marc Nemitz Marc Nemitz · Vilnius, 15. September 2026

Das litauische LegalTech-Startup EnforceShield hat eine Seed-Finanzierungsrunde über 1,7 Millionen Euro abgeschlossen. Angeführt wird die Runde von Vendep Capital, beteiligt ist zudem FIRSTPICK VC. Das 2024 gegründete Unternehmen entwickelt eine KI-Plattform, die Verstöße gegen geistige Eigentumsrechte nicht nur erkennen, sondern den anschließenden Durchsetzungsprozess weitgehend autonom übernehmen soll. Nach Unternehmensangaben nutzen bereits mehr als 20 Unternehmenskunden die Software, die monatlich mehr als 33.500 IP-Verstöße im E-Commerce entfernen soll.

KI soll nicht nur Verstöße finden

Gefälschte Produkte, nicht autorisierte Händler, kopierte Produktangebote, nachgebaute Online-Shops, Fake-Anzeigen und Phishing-Seiten stellen Markeninhaber vor ein zunehmendes Problem. Generative KI verschärft aus Sicht von EnforceShield das Ungleichgewicht: Während sich gefälschte Inhalte und Angebote zunehmend automatisiert und zu geringen Grenzkosten erstellen lassen, basiert ihre rechtliche Verfolgung häufig weiterhin auf manueller Arbeit.

Statt lediglich potenzielle Verstöße zu identifizieren und anschließend an Juristen oder Brand-Protection-Teams weiterzureichen, soll EnforceShield auch die operative Durchsetzung übernehmen. Die Software deckt nach Angaben des Unternehmens den Prozess von der plattformübergreifenden Erkennung über rechtliche Analyse und Validierung bis zur Einreichung von Takedowns, Überwachung und Eskalation ab.

"Human at the end" statt KI-Copilot

EnforceShield bezeichnet seinen Ansatz als "Human at the end". Damit grenzt sich das Unternehmen bewusst von klassischen KI-Assistenten für Juristen ab. Die KI-Agenten sollen Standardfälle möglichst selbstständig bearbeiten und auf Basis hinterlegter rechtlicher sowie plattformspezifischer Regeln Entscheidungen treffen. Menschen werden erst am Ende des Prozesses für Freigaben oder bei komplexeren Ausnahmefällen eingebunden.

Dabei berücksichtigt das System laut EnforceShield unter anderem vorhandene Beweise, das IP-Portfolio einer Marke, geltendes Recht, mögliche Verwechslungsgefahren, unberechtigte Nutzung sowie die jeweiligen Regeln und Erfolgskriterien der Plattformen. Das Ziel ist, das Volumen der bearbeiteten Fälle vom Personalbedarf zu entkoppeln. Unternehmen sollen deutlich mehr Verstöße verfolgen können, ohne ihre Rechts- und Markenschutzteams im gleichen Verhältnis vergrößern zu müssen.

Über 33.500 Verstöße pro Monat

Das Geschäftsmodell hat EnforceShield bereits bei ersten größeren Kunden im Einsatz. Mehr als 20 Unternehmenskunden nutzen die Plattform nach Angaben des Startups. Im E-Commerce entfernt die Technologie durchschnittlich mehr als 33.500 Verstöße gegen geistige Eigentumsrechte pro Monat.

Zu den Kunden gehören Consumer- und Direct-to-Consumer-Marken sowie Unternehmen mit größeren Markenportfolios. Das Startup verspricht zudem ein vergleichsweise schnelles Onboarding. Die Plattform benötige nur wenige Ausgangsdaten und könne anschließend selbstständig nach relevanten Verstößen suchen. Dabei würden teilweise auch Fälle entdeckt, die den jeweiligen Unternehmen zuvor nicht bekannt gewesen seien.

Gründer kommt selbst aus der IP-Durchsetzung

Gegründet wurde EnforceShield 2024 von Rytis Rudzinskas. Die Idee entstand unmittelbar aus seiner Arbeit als Anwalt. Rudzinskas hatte zuvor über mehrere Jahre digitale IP-Durchsetzungsverfahren für Mandanten betreut. Dabei kam er nach eigenen Angaben zu dem Schluss, dass sich das steigende Fallvolumen nicht dauerhaft durch zusätzliche Anwälte und Analysten bewältigen lässt.

Die frühe Entwicklung der Plattform finanzierte er gemeinsam mit Partnern der Kanzlei CEE Attorneys zunächst selbst. Im Frühjahr 2025 übernahmen der Softwareentwickler Aidis Stukas und sein Team die technische Weiterentwicklung. Rund ein Jahr später wechselte Stukas vollständig zu EnforceShield, wurde CTO und beteiligte sich am Unternehmen. Auch sein Entwicklerteam wechselte zum Startup.

Zum Zeitpunkt der Seed-Runde war das Produkt damit bereits am Markt.

Vendep Capital führt Seed-Runde an

Die Finanzierung über 1,7 Millionen Euro wird von Vendep Capital angeführt. FIRSTPICK VC beteiligt sich ebenfalls an der Runde. Vendep-Investment-Manager Artis Bisers sieht insbesondere in der Automatisierung bislang dienstleistungsintensiver Prozesse eine Chance für KI-Unternehmen. Bei der Bekämpfung von Marken- und Produktpiraterie sei die reine Erkennung häufig nicht der schwierigste Teil. Entscheidend sei vielmehr, was anschließend mit einem identifizierten Verstoß passiere.

Komplexere Rechtsdurchsetzung als nächster Schritt

Das neue Kapital soll vor allem in die technische und produktseitige Weiterentwicklung fließen.

Bislang konzentriert sich EnforceShield stark auf standardisierbare Takedown-Prozesse. Künftig sollen die KI-Agenten auch komplexere Eskalationen, Wiederholungstäter und weiterführende Durchsetzungsverfahren bearbeiten können.

Damit würde die Plattform schrittweise einen größeren Teil des Lebenszyklus der IP-Rechtsdurchsetzung abdecken.

Langfristig will EnforceShield nicht nur Marken im E-Commerce bedienen. Als weitere Zielgruppen nennt das Unternehmen unter anderem Technologieunternehmen sowie Unternehmen aus Sport, Medien und Verlagswesen.

LegalTech geht vom Assistenten zum Agenten

EnforceShield steht damit exemplarisch für eine Verschiebung, die derzeit in vielen KI-Anwendungen zu beobachten ist. Die erste Generation generativer KI-Produkte unterstützte Fachkräfte vor allem bei einzelnen Aufgaben. Agentische Systeme sollen dagegen zunehmend vollständige Arbeitsabläufe selbst übernehmen.

Im Rechtsbereich ist dieser Schritt besonders anspruchsvoll. Fehlentscheidungen bei der Durchsetzung von Schutzrechten können wirtschaftliche und rechtliche Folgen haben. Entsprechend entscheidend wird sein, wie zuverlässig EnforceShield unterschiedliche Rechtsordnungen, Plattformregeln und komplexere Grenzfälle abbilden kann.

Die bisherigen Zahlen zeigen zumindest, dass das Modell bereits über erste kommerzielle Traktion verfügt. Mit 1,7 Millionen Euro zusätzlichem Kapital will EnforceShield nun beweisen, dass sich aus der Automatisierung einzelner Takedowns tatsächlich eine umfassendere autonome Infrastruktur für die Durchsetzung geistiger Eigentumsrechte entwickeln lässt.


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