„So wie die Modeindustrie gerade funktioniert, darf sie nicht bleiben“

Das Start-up Retraced aus Düsseldorf hilft Modeunternehmen, ihre Lieferketten bis ins Detail zu erfassen und offen zu legen. Zunehmend interessieren sich auch konventionelle Marken für Transparenz, erklären die beiden Gründer im Interview.

In Berlin sind aktuell wieder die Laufstege aufgebaut: Fashion Week! Das Thema Nachhaltigkeit hat auch dort längst Einzug gehalten, doch wie ehrlich ist die Modeindustrie mit ihren Versprechen überhaupt? Die Gründer von Retraced, Philipp Mayer und Lukas Pünder, wollen Transparenz in eine Branche bringen, die sich in vielen Teilen nur sehr langsam wandelt. Doch der Druck auf Modemarken durch neue Regulierungen spielt den beiden in die Karten. 

Sie wollen für Unternehmen transparent machen, welche Schritte ein Kleidungsstück bei seiner Produktion durchläuft. Wie nachhaltig ist die Modebranche bereits aufgestellt?

Lukas Pünder: Es wirkt immer so, vor allem in unserer Blase, dass der nachhaltige Modemarkt schon extrem groß ist. Zahlen zeigen, dass der aber gerade einmal bei einem bis drei Prozent liegt. Das heißt: Wir sind noch ganz am Anfang. 

Sehen Sie denn einen Trend zu mehr Nachhaltigkeit?

Pünder: Der größten Druck, den wir gerade im Markt feststellen, kommt durch Regularien von politischer Seite wie etwa durch das deutsche Lieferkettengesetz. Was Unternehmen in dem Zusammenhang machen: Sie geben den Druck durch das Gesetz ungefiltert in ihre Lieferkette weiter. Das heißt, hier in Deutschland und auch in Europa und Asien, gibt es sehr viele Lieferanten, die das Gesetz nicht direkt betrifft, die aber die Auflagen erfüllen müssen, weil sie mit den großen Unternehmen zusammenarbeiten. Dieser Druck führt dazu, dass das Thema Nachhaltigkeit ernster genommen wird. 

Davon müssten Sie mit Ihrem Start-up Retraced profitieren. 

Philipp Mayer: Ja, anfangs haben wir uns noch ausschließlich auf nachhaltige Unternehmen fokussiert, die bereits sehr viel über ihre Lieferkette wussten und die von uns gebotene Transparenz vor allem für ihr Marketing genutzt haben. So haben Kundinnen und Kunden auf der Produktseite gesehen, wo, wie und von wem das Kleidungsstück produziert wurde. Um das umzusetzen, war es wichtig, eine Plattform anzubieten, auf der alle Informationen aus der Lieferkette eingesammelt und organisiert werden können.

Erklären Sie bitte einmal, wie genau Sie mit Retraced Unternehmen helfen wollen.

Pünder: Als erstes digitalisieren wir alle Informationen, die wir über die Produktion bekommen. Die Unternehmen kennen meist zumindest ihre direkten Lieferanten. Der nächste Schritt ist, herauszufinden, wer eigentlich die Lieferanten der Lieferanten sind. Wir holen Schritt für Schritt alle auf unsere Plattform, sodass Kommunikation und Datenaustausch direkt über Retraced stattfinden und damit deutlich standardisierter sind. Jedes Unternehmen hat ein Profil bei uns, auf dem alle Informationen gesammelt werden. Wir unterstützen Firmen also beim Kennenlernen ihrer Lieferkette, managen die Informationen und werten sie aus, sodass sie anschließend mit allen relevanten Stakeholdern, wie uns Verbrauchern, geteilt werden können.

Sie schaffen also ausschließlich Transparenz. 

Pünder: Ja, zumindest noch. Bisher zeigen wir, wie gut die Standards der Unternehmen sind. Wenn sich Unternehmen mit wenig zufrieden geben, dann können wir genau das kommunizieren. Das ändert sich aber gerade: Wir geben immer mehr Hilfestellungen. Wir sind dabei, eine Risikoanalyse zu bauen: Das heißt, wir machen an spezifischen Informationen fest, was für Risiken es beim Thema Nachhaltigkeit für welche Branche oder Region gibt. Das könnte zum Beispiel bedeuten, dass wir für China festhalten, dass dort eine erhöhte Gefahr besteht, dass Menschenrechtsverletzungen stattfinden. Gleichzeitig sammeln wir immer mehr Daten, um Unternehmen zu sagen, wie sie im Vergleich abschneiden und ihnen zu zeigen, wo sie Hebel haben, um Einfluss auf ihre Nachhaltigkeit zu nehmen.

Sie haben sich dabei bisher auf den nachhaltigen Markt konzentriert, warum?

Mayer: Weil es einfacher war, diese Marken zu überzeugen. Aber mit unserer Nachhaltigkeitsmanagement-Lösung wollen wir nun vermehrt in den konventionellen Modemarkt gehen, auch weil da das Volumen liegt. Aktuell sind wir im Austausch mit einigen der großen Unternehmen, die aufgrund des Lieferkettengesetzes und einer klaren Bewegung im Endkundenbereich gemerkt haben, dass sie sich mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigen müssen. Auch, um relevant zu bleiben.

Noch ist nachhaltige Mode sehr teuer. Lassen sich Nachhaltigkeit und ein  erschwinglicher Preis miteinander vereinbaren?

Dabei muss man sich die Frage stellen: Was bedeutet nachhaltige Mode? So lange sie nicht zirkulär, sondern linear ist, ist sie nicht nachhaltig, egal aus welchem Material. Abgesehen davon ist die nachhaltigere Produktion an sich aber gar nicht viel teurer. Bio-Baumwolle kostet beispielsweise nur rund 20 Prozent mehr als konventionelle Baumwolle und faire Löhne, die in vielen Ländern dieser Welt immer noch ziemlich niedrig sind, machen das Produkt in der Produktion nur um wenige Euros teurer. 

Pünder: Allerdings entstehen die Mehrkosten für Nachhaltigkeit nicht nur in der Produktion. Nachhaltige Labels investieren einfach viel mehr Zeit in die Zusammenarbeit mit ihren Lieferanten. Vom Produkt und den Kosten abgesehen, finden sie zum Beispiel heraus, wo produziert wird, wer ihre Lieferanten sind, sorgen für das Einhalten und Überprüfen der Standards. Auch das kostet Geld und spiegelt sich im Preis wieder. 

Was halten Sie denn vom Lieferkettengesetz?

Plünder: Wirtschaftlich kommt es uns sehr zugute (lacht). Grundsätzlich halten wir es für sehr sinnvoll, Regulationen in den Markt zu bringen. Denn so wie die Modeindustrie gerade funktioniert, darf sie nicht bleiben. Sie muss mehr Druck spüren. Es gibt bereits Gesetzesentwürfe in 18 verschiedenen Ländern, die eine ähnliche Regelung wie Deutschland planen oder bereits haben. Auch die EU arbeitet an Standards, die das Lieferkettengesetz in Deutschland vermutlich ablösen werden und dann deutlich strenger ausfallen.

Ihr Start-up hat Anfang des Jahres eine Finanzierungsrunde abgeschlossen und wächst. Was ist der nächste Schritt für Retraced?

Pünder: In den nächsten Monaten steht eine spannende Phase für uns an. Gerade entwickeln wir die Plattform so weiter, dass wir für den konventionellen Modemarkt spannend sind. Ob wir damit Erfolg haben, wird sich zeigen. Unsere nächste Finanzierungsrunde streben wir für Mitte kommenden Jahres an. Aufgrund der aktuellen Entwicklungen im Markt kommen wir sehr gut voran und kämpfen eher mit den internen Gründungsproblemen eines schnellen Wachstums. Seit Anfang des Jahres verdoppeln wir uns im Quartal. Das führt dazu, dass wir im Team größer werden und darauf achten müssen, neue Strukturen zu schaffen, die Kunden glücklich zu machen, gleichzeitig aber auch Richtung Profitabilität hin zu arbeiten.

Vielen Dank für das Gespräch.

zu den Personen: Philipp Mayer und Lukas Pünder kennen sich schon seit der Schulzeit in Düsseldorf. 2016 gründeten sie die Schuhmarke Cano und erkannten, dass Transparenz in der Lieferkette eine Lücke im Markt ist. 2019 riefen sie daher Retraced ins Leben, gemeinsam mit ihrem Schulfreund Peter Merkert. Im Februar 2021 schloss Retraced seine erste Finanzierungsrunde über eine Million Euro ab. Der spanische Investor Samaipata hält damit 16 Prozent an dem Start-up. Die Führungsetage besteht aus allen drei Schulfreunden: Pünder ist Geschäftsführer, Mayer CPO und Merkert CTO.


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