„Wir sind die Spinne im Netz“

Alexander Piutti hat mit seinem Start-up SPRK bis Ende April 31 Tonnen an Lebensmitteln und weiteren Gütern an das am ausbleibenden Tourismus leidende Mallorca geschickt. Im Interview erzählt er wie sein Start-up funktioniert. 

Es gibt viele Wege, um die Verschwendung von Lebensmitteln in Deutschland zu verringern. Das Berliner Start-up SPRK setzt dazu ganz vorne in der Lieferkette an und identifiziert durch eine Künstliche Intelligenz überschüssige Lebensmittel, holt sie ab und findet Abnehmer wie NGOs oder verkauft sie an Kantinen. Seriengründer Alexander Piutti kämpft mit seinem Start-up SPRK gegen die Verschwendung von Lebensmitteln. Aktuell macht das Start-up Schlagzeilen mit seinen Spenden für die Insel Mallorca. 

Herr Piutti, es gibt einige Menschen, die zuletzt auf Mallorca Urlaub gemacht haben, gleichzeitig ist die Insel von der Pandemie hart getroffen. Die Armut etwa ist auf ein Rekordhoch gestiegen. Mit Ihrem Start-up SPRK haben Sie sich entschlossen Lebensmittel zu schicken und mit der Initiative Hope Mallorca zusammenzuarbeiten. Wie kam es dazu?

Mitte Februar hat sich Sebastian Konrad, ein enger Freund von mir, bei uns gemeldet. Sebastian hat uns mit dem gemeinnützigen Verein Hope Mallorca von Heimke Mansfeld verknüpft, da er unsere Arbeit in Deutschland kannte. Er schilderte mir, dass durch das Ausbleiben des Tourismus immer mehr Menschen in eine prekäre Lage gerieten. Kurzerhand haben wir eine Kooperation mit Hilfe von Sebastian auf die Beine gestellt. Mitte April haben wir dann die ersten elf Tonnen Lebensmittel sowie Drogerie- und Reinigungsmittel durch eine bestehende Lkw-Logistikverbindung über den Landweg auf die Insel geschickt. Ende April 2021 wurden durch SPRK weitere 20 Tonnen Kartoffeln aus NRW nach Mallorca vermittelt. Weitere Lieferungen sind in Planung. Dabei müssen wir immer gemeinsam mit den Abnehmer:innen überlegen, was die Menschen vor Ort überhaupt brauchen.

Für SPRK ist das Identifizieren von überschüssigen Lebensmitteln und die Umverteilung nicht nur eine gute Tat, sondern auch Geschäftsmodell. Wie genau funktioniert das?

Es gibt verschiedene Stufen der Lebensmittellieferkette vom Feld über die Produktion und den Großhandel bis in den Supermarkt. Und in jeder Stufe gibt es typischerweise einen Überhang, der Engpässe ausgleichen soll oder verhindert, dass nicht ausreichend Ware verfügbar ist. Dieser Überschuss ist in der Regel bestens genießbar und nicht schlecht. Ihm fehlen nur entsprechende Abnehmer:innen. Von den jährlich zwölf Millionen Tonnen Überschuss in Deutschland entstehen ca. 60 Prozent bereits in der Lieferkette, vieles davon schon ganz am Anfang. An diesen Knotenpunkten setzen wir an. Wir arbeiten mit Produzent:innen und Händler:innen zusammen, identifizieren den konkreten Überschuss an Lebensmitteln und verteilen um oder führen die Lebensmittel einer systematischen Verarbeitung zu. Das machen wir zunehmend mit Hilfe unserer Technologie, die unter anderem. an bestehende Softwaresysteme der Lieferkettenteilnehmer andockt und langfristig Muster identifizieren soll, um eine systematische Überproduktion zu verhindern.

Wohin gehen die Lebensmittel dann?

Der Überschuss geht dann beispielsweise an NGOs wie die Arche Kinderstiftung in Berlin oder Hope Mallorca. Aber wir verkaufen die Lebensmittel auch an Krankenhäuser, Kantinen oder Industrie-Caterer, welche zum Teil bereits Missionspartner von SPRK sind. Die nehmen im Zweifel unsere Ware als erstes, weil sie es auch wichtig finden, nachhaltig zu sein und die SPRK-Mission unterstützen wollen. Diese Partner:innen zu gewinnen, war unsere Arbeit in den vergangenen beiden Jahren. Es ist ja so: Es spricht keiner gerne darüber, dass man vergangene Woche zum Beispiel 1,7 Tonnen Lebensmittel wegwerfen musste. Es hilft dann nicht, an dieser Stelle dogmatisch zu sein. Wir müssen in der Lage sein, Partnerschaften oder Vertrauen zu diesen Produzenten aufzubauen. Zusammen fahren wir die Lebensmittelverschwendung im Resultat deutlich runter.

Als Unternehmen muss SPRK rentabel sein. Wie finanzieren Sie sich?

Wir haben bisher 16 private Investor:innen, die hinter unserer Idee stehen und das Vorhaben gerne unterstützen. Wir sind aber auch aktuell in Gesprächen für eine neue Finanzierungsrunde mit Family Offices, relevanten Unternehmen und auch einzelnen Wagniskapitalgeber:innen. Eine frühe Skalierung geht eben nicht ohne externe Finanzierung. Aber schon jetzt produzieren wir aus Überschüssen eigene Produkte und verkaufen diese an unsere Partner:innen, was eine externe Anschubfinanzierung voraussetzt. Aktuell sprechen wir mit Investor:innen zu unserer Series-A-Finanzierung. Langfristig ist als Geschäftsmodell angedacht, dass die Lieferpartner als Plattformnutzer eine Gebühr zahlen, was sich für sie im Vergleich zu den hohen Entsorgungskosten in jedem Fall rentiert.  Es muss allerdings nicht jede unserer Tätigkeiten rentabel sein, da wir als Impact Venture bewusst ein Mischmodell nutzen. Wir wollen zukünftig auch Spenden an SPRK ermöglichen. Damit etwa die Zusammenarbeit mit Initiativen und Stiftungen funktionieren kann, werden wir zeitnah auch eine eigene SPRK Stiftung ins Leben rufen. Dann können andere Stifter zum Beispiel einen 5- oder 6-stelligen Betrag stiften, und uns bitten, entsprechend Lebensmittel an die mallorquinische Bevölkerung oder andere Bedürftige zu geben.

SPRK selbst will auch als Unternehmen besonders nachhaltig sein. Aber wenn Sie Lebensmittel ausliefern, müssen sie von A nach B transportiert werden. Wie nachhaltig ist Ihre Logistik?

Unsere Plattform arbeitet wie eine Spinne im Netz. Wir greifen auf bestehende Logistiker zu, sowohl für NGOs als auch für kommerzielle Abnehmer:innen. Wir setzen auf die bestehende Logistikmöglichkeiten und verdrahten sie neu. Hier werden zum Beispiel Leerfahrten, die im logistischen Kontext anfallen, einbezogen und so besser genutzt. Mitunter müssen wir die Logistik auch selbst organisieren, wenn es einmal schnell gehen muss – vor allem in Berlin, unserem Startpunkt.

Langfristig dürften Ihre Kunden genau wissen wollen, woher die einzelnen Produkte kommen. Wie transparent gestalten Sie Ihre eigene Lieferkette?

Ich persönlich glaube, dass Effizienz und Transparenz an Bedeutung zunehmen. Wir sprechen aktuell mit Agrarverbänden, um zum Beispiel Äpfel von Landwirt:innen aufzunehmen, die für den Verkauf zu klein, zu groß oder zu krumm sind und wollen daraus etwa Apfelsaft herstellen, der wiederum im Supermarkt verkauft werden kann. Dass der Kunde dann nachvollziehen kann, woher der Apfelsaft genau kommt, könnte auch mit Hilfe der Blockchain-Technologie transparent gemacht werden.

Wenn Sie oder die Produzenten immer mehr Lieferketten optimieren oder es ein Gesetz wie in anderen Ländern gibt, das diese Überschüsse verbietet – schaffen Sie damit nicht Ihren eigenen Markt wieder ab?

Von der Logik her richtig, aber in der Realität sieht es vermutlich anders aus: Unsere  Technologie lässt sich dauerhaft nutzen, indem sie im Hintergrund läuft und erfolgreich das Matchmaking zwischen Überschuss und Nachfrage übernimmt. Auch wird es immer wieder Veränderungen geben, auf die wir antworten müssen, um die Effizienz in der Lieferkette weiterhin hochzuhalten. Und darüber hinaus: Es gibt viele andere Bereiche, in denen ineffiziente Lieferketten bestehen: Kleidung, Elektronik, Möbel oder zum Beispiel Drogerieartikel. Unsere Technologie kann an die speziellen Anforderungen dieser Bereiche angepasst werden.

zur Person: Alexander Piutti ist Seriengründer, Business Angel und Innovationscoach. Er baute bereits mehrere Technologie- und Impact-Unternehmen auf. Dazu gehören Global Venture Partners, Overture, Game Genetics, Sir Plus, Rehago und zuletzt SPRK.


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