Industrie mit Rekord-Auftragsbestand, doch Autoexporte und steigende Kosten zeigen die Schwachstellen
Die deutsche Industrie sendet zum Spätsommer 2026 widersprüchliche Signale. Während der Auftragsbestand im Verarbeitenden Gewerbe im Juli auf ein neues Allzeithoch steigt, gehen die deutschen Pkw-Exporte zurück. Gleichzeitig ziehen die Erzeugerpreise wieder deutlich an. Besonders Energie, Metalle und Transportleistungen verteuern sich. Die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen damit eine Wirtschaft, die über erhebliche Auftragspolster verfügt, deren Unternehmen aber zugleich mit steigenden Kosten und Veränderungen im internationalen Wettbewerb konfrontiert sind.
Auf den ersten Blick fällt die Industriebilanz positiv aus: Der reale Auftragsbestand im Verarbeitenden Gewerbe erhöhte sich im Juli gegenüber dem Vormonat saison- und kalenderbereinigt um 1,5 Prozent. Gegenüber Juli 2025 beträgt das Plus sogar 10,9 Prozent. Doch hinter dem Rekordwert steckt eine starke Konzentration auf einzelne Branchen.
Auftragsbestand erreicht neues Allzeithoch
Der Auftragsbestand des Verarbeitenden Gewerbes erreichte im Juli erneut den höchsten Stand der bisherigen Statistik. Besonders bemerkenswert ist die Reichweite. Würden keine neuen Bestellungen mehr eingehen und die Unternehmen ihre Umsätze konstant halten, wären die vorhandenen Aufträge rechnerisch für 9,0 Monate ausreichend.
Damit wurde erstmals seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 2015 die Marke von neun Monaten erreicht. Im Juni hatte die Reichweite noch bei 8,9 Monaten gelegen.
Bei Investitionsgüterherstellern sind die Auftragsbücher sogar für 12,6 Monate gefüllt. Bei Vorleistungsgütern beträgt die Reichweite 4,6 Monate, bei Konsumgütern 4,3 Monate.
Auch die Herkunft der Bestellungen zeigt zunächst eine breite Verbesserung. Die offenen Aufträge aus Deutschland stiegen gegenüber Juni um 3,0 Prozent, die aus dem Ausland um 0,6 Prozent.
Flugzeuge, Schiffe, Züge und Militärfahrzeuge treiben den Rekord
Der Rekordwert sollte allerdings nicht mit einem flächendeckenden Boom der deutschen Industrie verwechselt werden.
Entscheidend für die Entwicklung ist der sogenannte Sonstige Fahrzeugbau. Dazu gehören unter anderem Flugzeuge, Schiffe, Züge und Militärfahrzeuge. Hier erhöhte sich der Auftragsbestand allein gegenüber Juni um weitere 3,9 Prozent.
In diesen Branchen treffen zuletzt hohe Auftragseingänge auf vergleichsweise lange Produktionszeiten. Bestellungen bleiben entsprechend lange in den Auftragsbüchern und erhöhen den statistischen Bestand. Ohne den Sonstigen Fahrzeugbau würde der industrielle Auftragsbestand laut Destatis deutlich unter seinem bisherigen Höchststand liegen.
Der Maschinenbau lieferte mit einem Plus von 0,8 Prozent ebenfalls einen positiven Beitrag. Anders sieht es dagegen in einer der wichtigsten deutschen Industriebranchen aus: In der Automobilindustrie sank der Auftragsbestand um 1,7 Prozent.
Gerade dieser Unterschied macht die aktuelle Lage bemerkenswert. Während einige langfristig orientierte Investitionsgüterbranchen enorme Auftragspolster aufgebaut haben, zeigt sich die Autoindustrie deutlich schwächer.
Deutsche Pkw-Exporte sinken um vier Prozent
Diese Entwicklung spiegelt sich auch im Außenhandel mit Fahrzeugen wider. Von Januar bis Juli 2026 exportierte Deutschland rund 2,0 Millionen neue Pkw im Wert von 73,5 Milliarden Euro. Gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum sank die Zahl der ausgeführten Fahrzeuge um 4,0 Prozent.
Noch stärker fiel der Rückgang beim Wert aus, die Pkw-Exporte verloren hier sogar ganze 8,9 Prozent.
Die wichtigsten Absatzmärkte waren Großbritannien mit rund 258.000 Fahrzeugen, die USA mit 245.000 und Italien mit 147.000 Fahrzeugen. Zusammen nahmen die drei Länder knapp ein Drittel der deutschen Neuwagenexporte ab. Auch die Elektroautos konnten sich dem Rückgang nicht entziehen. Rund 560.000 reine Elektroautos wurden in den ersten sieben Monaten exportiert, 2,9 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Ihr Anteil an allen exportierten Neuwagen lag bei 28,1 Prozent.
Bei Hybridfahrzeugen sank der Export um 8,2 Prozent auf 380.000 Fahrzeuge. Verbrenner bleiben mit rund einer Million Fahrzeugen und einem Anteil von 52,7 Prozent die größte Gruppe, verzeichneten allerdings ebenfalls einen Rückgang von 2,9 Prozent.
Besonders deutlicher Einbruch bei E-Auto-Exporten in die USA
Auffällig entwickelt sich das Geschäft mit den Vereinigten Staaten. Insgesamt wurden 245.000 neue Pkw im Wert von 9,6 Milliarden Euro in die USA geliefert. Mengenmäßig entspricht das einem Rückgang von 2,6 Prozent. Der Exportwert sank dagegen um 17,1 Prozent.
Noch größer sind die Unterschiede zwischen den Antriebsarten. Während die Ausfuhren von Verbrennern in die USA um 31,7 Prozent zunahmen, brachen die Exporte von Hybridfahrzeugen um 50,3 Prozent ein. Bei reinen Elektroautos betrug das Minus 56,1 Prozent. Lediglich rund 25.000 deutsche Elektroautos gingen zwischen Januar und Juli in die Vereinigten Staaten.
Damit bestanden mehr als 80 Prozent der deutschen Pkw-Exporte in die USA aus Verbrennern.
China wird Deutschlands größter Pkw-Lieferant
Während Deutschland weniger Fahrzeuge exportiert, nimmt die Zahl importierter Neuwagen deutlich zu.
Rund 1,3 Millionen neue Pkw im Wert von 34,9 Milliarden Euro wurden zwischen Januar und Juli nach Deutschland eingeführt. Das waren mengenmäßig 16,0 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Besonders dynamisch entwickeln sich Elektroautos. Die Importe reiner E-Fahrzeuge stiegen um 66,3 Prozent auf 309.000 Fahrzeuge. Bei Hybridfahrzeugen betrug das Plus 36,0 Prozent auf 403.000 Fahrzeuge.
Die größte Veränderung zeigt sich bei den Herkunftsländern: China ist erstmals das wichtigste Lieferland für neue Pkw!
Rund 175.000 Neuwagen beziehungsweise 13,8 Prozent aller Importe kamen aus China. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht das einem Anstieg von 120,9 Prozent. Ein Jahr zuvor hatte China noch auf Rang vier gelegen. Dahinter folgen Tschechien mit 173.000 und Spanien mit 157.000 Fahrzeugen.
Die Zahlen zeigen damit eine Verschiebung im deutschen Automarkt. Während die Exporte deutscher Hersteller zurückgehen, steigen die Importe – und insbesondere chinesische Fahrzeuge gewinnen deutlich an Bedeutung.
Erzeugerpreise steigen um 4,6 Prozent

Gleichzeitig nimmt der Kostendruck für Unternehmen wieder zu.
Die Erzeugerpreise gewerblicher Produkte lagen im August 4,6 Prozent über dem Vorjahresniveau. Gegenüber Juli stiegen sie um 1,1 Prozent.
Haupttreiber waren die Energiepreise mit einem Plus von 8,3 Prozent gegenüber August 2025. Ohne Energie betrug die Jahresteuerung bei den Erzeugerpreisen 3,1 Prozent.
Besonders stark verteuerten sich Mineralölerzeugnisse. Destatis führt dies auf die Kriegshandlungen im Iran und Nahen Osten zurück. Gegenüber August 2025 lagen deren Preise um 40,5 Prozent höher. Leichtes Heizöl verteuerte sich um 65,3 Prozent, Kraftstoffe um 37,7 Prozent.
Auch Erdgas in der Verteilung war 7,5 Prozent teurer, Strom kostete 1,7 Prozent mehr.
Metalle und chemische Grundstoffe werden deutlich teurer
Der Kostendruck beschränkt sich nicht auf Energie. Vorleistungsgüter verteuerten sich gegenüber dem Vorjahr insgesamt um 6,1 Prozent.
Metalle kosteten 14,8 Prozent mehr. Besonders kräftig stiegen die Preise für Edelmetalle sowie Kupfer und entsprechende Halbzeuge mit jeweils 34,6 Prozent.
Chemische Grundstoffe verteuerten sich um 11,2 Prozent, Holz sowie Holz- und Korkwaren um 7,1 Prozent.
Damit steigen ausgerechnet bei zahlreichen Materialien die Preise, die für industrielle Produktion und Investitionen relevant sind.
Bei Investitionsgütern fiel die Entwicklung moderater aus. Sie verteuerten sich um 2,4 Prozent. Maschinen sowie Kraftwagen und Kraftwagenteile kosteten jeweils 2,0 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.
Eine gegenläufige Entwicklung gab es bei Verbrauchsgütern, deren Erzeugerpreise um 2,0 Prozent sanken. Nahrungsmittel waren auf Erzeugerebene insgesamt 4,3 Prozent günstiger.
Transport und Logistik geraten ebenfalls unter Kostendruck
Auch bei Dienstleistungen machen sich steigende Kosten bemerkbar. Die Erzeugerpreise für Dienstleistungen lagen im zweiten Quartal 2026 3,7 Prozent über dem Vorjahresquartal und 1,6 Prozent über dem ersten Quartal.
Der stärkste Anstieg entfiel auf Verkehr und Lagerei mit 6,2 Prozent.
Besonders drastisch entwickelten sich die Preise in der See- und Küstenschifffahrt. Die Güterbeförderung auf See verteuerte sich gegenüber dem Vorjahresquartal um 20,7 Prozent und gegenüber dem ersten Quartal sogar um 23,4 Prozent.
Destatis nennt die durch den Iran-Krieg und die Blockade der Straße von Hormus gestiegenen Treibstoffkosten sowie zusätzliche Zuschläge der Reedereien als Ursachen. Speditionsleistungen verteuerten sich um 6,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr, der Straßengüterverkehr um 5,8 Prozent. Damit trifft der Energiepreisanstieg Unternehmen gleich an mehreren Stellen: unmittelbar über eigene Energie- und Kraftstoffkosten sowie mittelbar über teurere Transport- und Logistikleistungen.
Auch Unternehmensdienstleistungen werden teurer

Abseits von Energie und Logistik steigen die Preise ebenfalls, wenn auch moderater.
Im Bereich Information und Kommunikation betrug das Plus 1,5 Prozent. Software und Softwarelizenzen verteuerten sich um 1,1 Prozent, Datenverarbeitung und Hosting um 1,4 Prozent.
Im Grundstücks- und Wohnungswesen erhöhten sich die Preise um 2,5 Prozent. Die Vermittlung und Verwaltung von Immobilien verteuerte sich sogar um 5,4 Prozent. Bei freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen betrug das Plus 2,8 Prozent. Besonders deutlich stiegen die Preise für Rechnungswesen mit 6,0 Prozent und Rechtsberatung mit 4,1 Prozent.
Unternehmen sehen sich damit nicht nur bei Rohstoffen und Energie, sondern auch bei verschiedenen extern eingekauften Dienstleistungen höheren Preisen gegenüber.
Volle Auftragsbücher sind noch kein neuer Industrieboom
Zusammengenommen ergeben die aktuellen Destatis-Daten ein deutlich differenzierteres Bild, als das neue Allzeithoch beim Auftragsbestand zunächst vermuten lässt.
Auf der einen Seite stehen Rekord-Auftragsbücher und eine historische Reichweite von neun Monaten. Auf der anderen Seite konzentriert sich ein wesentlicher Teil dieser Stärke auf den Sonstigen Fahrzeugbau. Gleichzeitig sinkt der Auftragsbestand der Autoindustrie, die Pkw-Exporte gehen zurück und die Erzeugerpreise steigen.
Aufmerksam sollte die Entwicklung im Automobilsektor machen. Dass China innerhalb eines Jahres von Platz vier zum wichtigsten Lieferland für importierte Neuwagen aufsteigt und die Einfuhren von dort um mehr als 120 Prozent wachsen, während die deutschen Pkw-Exporte sinken, verdeutlicht die zunehmende Veränderung der internationalen Wettbewerbsverhältnisse.
Hinzu kommt neuer Kostendruck durch Energie, Rohstoffe und Logistik. Für die kommenden Monate dürfte deshalb weniger die Rekordhöhe des gesamten Auftragsbestands entscheidend sein als die Frage, wie breit die industrielle Nachfrage tatsächlich getragen wird und ob Unternehmen ihre hohen Auftragsbestände trotz steigender Kosten in Produktion, Umsatz und Wertschöpfung übersetzen können.

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