Interview

Tomorrow University: Warum eine Hochschule der Zukunft nach Wildau kommt

Eine Hochschule ohne klassische Hörsäle, ein Studium ohne Auswendiglernen und eine Ausbildung, die sich an den persönlichen Lebenszielen der Studierenden orientiert. Mit der Tomorrow University hat Christian Rebernik ein Hochschulmodell entwickelt, das traditionelle Bildungsstrukturen grundlegend hinterfragt. Jetzt baut die Hochschule in Wildau einen Entwicklungsstandort für KI-gestützte Bildungstechnologien auf.
Interview von Marc Nemitz Marc Nemitz · Wildau, 07. November 2026

Startbase begleitet das Startup-Ökosystem rund um den Reaktor Wildau – heute: Tomorrow University

In unserer exklusiven Serie auf Startbase stellen wir jeden Samstag eines der 14 Startups aus dem zweiten Batch des Reaktor Wildau vor. Wir begleiten ihre Entwicklung im Accelerator-Programm, sprechen mit den Gründerinnen und Gründern über ihre Ideen, Geschäftsmodelle und Herausforderungen und zeigen, wie aus innovativen Ansätzen erfolgreiche Unternehmen entstehen können.

Doch ein funktionierendes Startup-Ökosystem besteht aus mehr als seinen Startups. Es braucht Hochschulen, Forschung, erfahrene Unternehmer, Kapitalgeber und Menschen, die neue Wege gehen und bereit sind, Bestehendes infrage zu stellen.

Deshalb verlassen wir heute ausnahmsweise den Kreis der Batch-Startups und richten den Blick auf einen besonderen Akteur im Wildauer Innovationsökosystem: die Tomorrow University.

Die staatlich anerkannte, digital ausgerichtete Hochschule verfolgt einen ungewöhnlichen Bildungsansatz. Statt klassischer Vorlesungen und auswendig gelerntem Wissen stehen persönliche Ziele, praktische Herausforderungen und gemeinsames Lernen im Mittelpunkt. Mit ihrer Ansiedlung in Wildau bringt die Tomorrow University nicht nur neue Impulse für die Hochschulbildung in die Region, sondern entwickelt hier auch KI-gestützte Technologien, die künftig anderen Bildungseinrichtungen zugutekommen sollen.

Reaktor-Geschäftsführer Rafael Kugel hat mit Tomorrow-University-Gründer Christian Rebernik darüber gesprochen, warum ein Studienabbrecher eine eigene Hochschule gründet, wie Bildung im KI-Zeitalter funktionieren kann und welche Chancen sich aus der Zusammenarbeit mit dem Wildauer Startup-Ökosystem ergeben.

Vom Studienabbrecher zum Hochschulgründer

Christian Rebernik ist kein klassischer Hochschulgründer. Sein eigenes Wirtschaftsstudium brach er ab, weil ihn die Arbeit an seinem ersten Unternehmen stärker beschäftigte als Vorlesungen und Prüfungen. Bereits 1999 gründete er eine Internetagentur und entwickelte digitale Lösungen für große Unternehmen. Später erlebte er bei bwin das Wachstum von rund 30 auf 3.000 Beschäftigte und war als Geschäftsführer und CTO am Aufbau der Digitalbank N26 beteiligt. Auch an der Entwicklung einer digitalen Gesundheitsakte in Deutschland wirkte er mit.

Was sich durch diese Stationen zieht, ist der Versuch, etablierte Strukturen mithilfe digitaler Technologien grundlegend zu verändern. Banken, Gesundheitswesen und schließlich die Hochschulbildung – alles Bereiche, die stark reguliert sind und deren traditionelle Prozesse sich nur langsam verändern.

Der Anstoß zur Gründung der Tomorrow University kam während der Pandemie. Rebernik beobachtete eines seiner Kinder im digitalen Schulunterricht. Ein Lehrer erzählte eine Stunde lang über Berliner Geschichte, während sein Sohn zunehmend das Interesse verlor. Für Rebernik war das ein Schlüsselmoment. Die Welt hatte sich durch Digitalisierung und Internet grundlegend verändert, doch der Unterricht funktionierte noch immer weitgehend nach denselben Prinzipien wie Jahrzehnte zuvor.

Gemeinsam mit seinem Mitgründer Thomas begann er deshalb, sich intensiv mit der Frage auseinanderzusetzen, wie Menschen tatsächlich lernen und wie sich wissenschaftliche Erkenntnisse über erfolgreiches Lernen in ein zeitgemäßes Hochschulmodell übersetzen lassen.

Lernen, indem man Probleme löst

Im Zentrum des pädagogischen Konzepts stehen drei Prinzipien: anwendungsorientiertes Lernen, soziales Lernen und Individualisierung.

Das erste Prinzip wird an der Tomorrow University durch das sogenannte Challenge-Based Learning umgesetzt. Studierende bearbeiten konkrete Herausforderungen, entwickeln Lösungsansätze und wenden theoretische Inhalte unmittelbar an. Wer sich beispielsweise mit Geschäftsmodellen beschäftigt, analysiert nicht nur abstrakte Fallstudien, sondern entwickelt ein Geschäftsmodell für eine Branche oder ein Projekt, das ihn persönlich interessiert.

Die Ergebnisse dieser Projekte bilden die Grundlage der Leistungsbewertung. Entscheidend ist nicht, ob jemand Wissen in einer Prüfung reproduzieren kann, sondern ob die entsprechenden Kompetenzen tatsächlich angewendet werden können.

Dabei geht es auch um Fähigkeiten, die in einer zunehmend von künstlicher Intelligenz geprägten Arbeitswelt an Bedeutung gewinnen: Problemlösung, kritisches Denken, Kommunikation, Zusammenarbeit, Selbstführung und Anpassungsfähigkeit.

Die persönliche Mission als Ausgangspunkt

Besonders ungewöhnlich ist die konsequente Ausrichtung des Studiums an den individuellen Zielen der Studierenden. Zu Beginn steht die sogenannte Mission Identification. Die Studierenden beschäftigen sich mit der Frage, was sie in ihrem Leben erreichen wollen, welche Werte ihnen wichtig sind und welchen Beitrag sie leisten möchten.

Aus dieser persönlichen Mission werden relevante Kompetenzen abgeleitet und Lerninhalte entsprechend angepasst. Die Projekte orientieren sich, soweit möglich, an den beruflichen oder persönlichen Interessen der Studierenden.

Die Hochschule betrachtet Bildung damit nicht ausschließlich als Vorbereitung auf einen bestimmten Beruf. Vielmehr soll das Studium Menschen befähigen, ihre eigenen Ziele zu entwickeln und umzusetzen.

Das gilt auch für die Abschlussarbeiten. Statt einer rein theoretischen Arbeit können Studierende ein konkretes Innovations- oder Gründungsprojekt bearbeiten, Hypothesen entwickeln, deren Umsetzung dokumentieren und wissenschaftlich reflektieren.

Online studieren, gemeinsam lernen

Die Tomorrow University ist eine Online-First-Hochschule. Sie bietet Bachelor-, Master- und MBA-Studiengänge unter anderem in den Bereichen künstliche Intelligenz, Entrepreneurship, Nachhaltigkeit und Psychologie an. Die Studienmodelle sind insbesondere auf berufsbegleitendes Lernen ausgerichtet.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Studierende lediglich aufgezeichnete Vorlesungen anschauen. Die Hochschule setzt auf interaktive Lernformate, wöchentliche Live-Sessions und kleine Lerngruppen. Die einzelnen Kurse dauern in der Regel drei bis fünf Wochen und werden nacheinander absolviert, damit sich die Studierenden jeweils auf eine Herausforderung konzentrieren können.

Ein weiteres Element sind die sogenannten Mission Groups. In diesen Gruppen von meist etwa zehn Personen begleiten sich Studierende über längere Zeit gegenseitig, diskutieren ihre Ziele und unterstützen sich bei Schwierigkeiten.

Ergänzt wird das digitale Studium durch regelmäßige Präsenzveranstaltungen, sogenannte Emergence-Events, die in wechselnden europäischen Städten stattfinden. Dort kommen Studierende verschiedener Studiengänge zu Workshops, Diskussionen, gemeinsamen Projekten und persönlichen Begegnungen zusammen.

Die Hochschule verbindet damit die Flexibilität eines digitalen Studiums mit dem Anspruch, langfristige persönliche und berufliche Netzwerke aufzubauen.

Zum Zeitpunkt des Interviews berichtete Rebernik von mehr als 1.000 Studierenden, rund 300 Absolventinnen und Absolventen und einer Community mit etwa 90 Nationalitäten. Nach Angaben der Hochschule haben rund 17 Prozent der Alumni gegründet. Diese Zahl verdeutlicht auch die besondere Nähe des Bildungsmodells zum Unternehmertum.

Warum Wildau?

Mit der Ansiedlung in Wildau beginnt für die Tomorrow University ein weiterer Entwicklungsschritt. Während das Hochschulteam international und überwiegend dezentral arbeitet, entsteht in Wildau ein räumlicher Schwerpunkt für die Weiterentwicklung der digitalen Lerntechnologie.

Der Standort bietet dafür eine interessante Kombination: die Nähe zu Berlin und zum Flughafen BER, eine leistungsfähige wissenschaftliche Infrastruktur, technische Talente und ein wachsendes Innovationsökosystem.

In Wildau arbeitet die Tomorrow University an einem auch von der Europäischen Union geförderten Projekt, mit dem die bisher für die eigene Hochschule entwickelte Lernplattform perspektivisch auch anderen Hochschulen zugänglich gemacht werden soll.

Dabei geht es um weit mehr als eine weitere digitale Lernplattform. Ein Entwicklungsziel besteht darin, Lehrende mithilfe künstlicher Intelligenz bei der Erstellung und Begleitung praxisorientierter Lernaufgaben zu unterstützen. Ein weiteres ist die Entwicklung KI-gestützter Lernbegleiter, die Studierenden individuell zur Verfügung stehen können.

Rebernik beschreibt beispielsweise die Idee eines digitalen Zwillings eines Professors, der Studierende rund um die Uhr begleitet, ihnen aber nicht einfach fertige Antworten liefert. Stattdessen soll das System durch gezielte Fragen das eigenständige Denken und Problemlösen fördern.

Eine zentrale Herausforderung besteht darin, die Systeme fachlich zuverlässig zu gestalten, Fehler und Verzerrungen zu minimieren und die Anforderungen akkreditierter Studienprogramme einzuhalten.

Damit wird Wildau zu einem Entwicklungsstandort für Technologien, die das Potenzial haben, nicht nur die Tomorrow University, sondern auch bestehende Hochschulen zu unterstützen.

Neue Chancen für das Startup-Ökosystem

Für den Reaktor Wildau ist die Ansiedlung besonders interessant, weil sich zwischen dem Lernmodell der Tomorrow University und der praktischen Arbeit von Startups zahlreiche Anknüpfungspunkte ergeben.

Die Hochschule arbeitet bereits mit Unternehmen zusammen, die reale Problemstellungen in die Lehre einbringen. Im Interview nennt Rebernik unter anderem Herausforderungen aus der Logistik und der Transformation bestehender Geschäftsmodelle.

Ein ähnliches Modell wäre auch für Startups aus dem Reaktor Wildau denkbar. Junge Unternehmen könnten konkrete Herausforderungen formulieren, an denen Studierende im Rahmen ihrer Projekte arbeiten. Das können Fragen zur Entwicklung neuer Geschäftsmodelle, zur Erschließung zusätzlicher Märkte oder zur Umsetzung technologischer Innovationen sein.

Je nach Aufgabenstellung können solche Challenges wenige Wochen bis zu drei Monate dauern. Auch kürzere Hackathon-Formate sind möglich.

Im Gespräch diskutieren Rebernik und Reaktor-Geschäftsführer Rafael Kugel beispielsweise eine mögliche Challenge rund um das neu gegründete Brandenburg Investors Network. Dabei könnte es darum gehen, neue digitale Möglichkeiten für die Vernetzung von Startups und erfahrenen Unternehmerinnen und Unternehmern zu entwickeln.

Noch handelt es sich dabei um Ideen für eine mögliche Zusammenarbeit. Doch gerade diese Verbindung zwischen wissenschaftlicher Bildung, technologischer Entwicklung und unternehmerischer Praxis zeigt, welche Rolle die Tomorrow University künftig im Wildauer Ökosystem spielen könnte.

Ein weiterer Baustein für den Innovationsstandort Wildau

Die Tomorrow University ist kein Startup aus dem Accelerator-Programm des Reaktor Wildau. Sie ist vielmehr ein eigenständiger Akteur, der das regionale Innovationsökosystem um eine wichtige Dimension erweitert.

Mit ihrem Fokus auf Entrepreneurship, künstliche Intelligenz und anwendungsorientiertes Lernen entstehen neue Möglichkeiten, Talente, Startups, Unternehmen und Hochschulen miteinander zu verbinden.

Für Wildau ist die Ansiedlung deshalb mehr als die Entscheidung einer Hochschule für einen neuen Standort. Sie ist ein weiterer Schritt hin zu einem Innovationsökosystem, in dem Bildung, Forschung und Unternehmertum nicht nebeneinander existieren, sondern gemeinsam neue Lösungen entwickeln.

„Wir müssen Bildung völlig neu denken“ – Christian Rebernik über die Tomorrow University, KI und den Standort Wildau

Christian Rebernik hat die Dotcom-Blase erlebt, am Aufbau von N26 mitgewirkt und schließlich eine eigene Hochschule gegründet. Mit der Tomorrow University will er verändern, wie Menschen lernen und sich auf eine Welt vorbereiten, in der künstliche Intelligenz immer mehr Aufgaben übernimmt. Im Gespräch mit Rafael Kugel, Gründer und Geschäftsführer des Reaktor Wildau, geht es um Unternehmertum, neue Lernkonzepte, die Zukunft der Hochschulbildung und die Frage, warum Wildau für die Tomorrow University ein wichtiger Entwicklungsstandort wird.

Das Interview im Video

Vom Studienabbrecher zum Gründer einer Hochschule

Rafael Kugel: Christian, du bist Gründer der Tomorrow University. Aber bevor wir über die Hochschule sprechen, würde mich interessieren, wie du überhaupt dorthin gekommen bist. Du hast ja schon einiges in deinem unternehmerischen Leben gemacht.

Christian Rebernik: Ich habe tatsächlich selbst einmal angefangen zu studieren, das Studium aber abgebrochen. Eigentlich bin ich also nicht der ideale Kandidat, um eine Hochschule aufzubauen. Mein Hintergrund liegt in der Softwareentwicklung und darin, Probleme mit digitalen Mitteln zu lösen. Ich habe in den vergangenen 20 Jahren in ganz unterschiedlichen Branchen gearbeitet.

Rafael Kugel: Warum hast du dein Studium abgebrochen?

Christian Rebernik: Ich hatte Wirtschaft angefangen zu studieren und fand es damals furchtbar langweilig. Gleichzeitig hatten wir eine Internetagentur gegründet, mit der wir Shops und Onlinesoftware entwickelt haben. Irgendwann stand ich ständig vor der Entscheidung: Gehe ich zum Kundentermin oder zur Prüfung? Und meistens hat der Kundentermin gewonnen. Nach etwa eineinhalb Jahren habe ich dann entschieden, dass es so keinen Sinn mehr macht.

Rückblickend muss ich allerdings sagen, dass meine damalige Einschätzung, an der Universität nichts wirklich Brauchbares zu lernen, nicht ganz richtig war. Ich musste mir später sehr viele Dinge mühsam selbst aneignen.

Rafael Kugel: Das klingt fast nach einer klassischen Gründergeschichte. Man fängt während des Studiums an, ein Unternehmen aufzubauen, und irgendwann wird das Unternehmen wichtiger als das Studium. Wann war das?

Christian Rebernik: 1999. Wir waren damals mitten im Internetboom. Es ging zunächst richtig steil nach oben. Wir hatten große Kunden aus der Versicherungs-, Banken- und Telekommunikationsbranche und haben teilweise 80 bis 100 Stunden pro Woche gearbeitet. Dann platzte die Dotcom-Blase. Einige unserer Kunden gingen insolvent und konnten uns nicht mehr bezahlen.

Das war eine harte Erfahrung, aber auch sehr lehrreich. Vor allem habe ich damals entschieden, dass ich nicht dauerhaft Dienstleistungen verkaufen möchte. Wenn du deine Arbeitszeit verkaufst, ist dein Geschäftsmodell immer durch die Anzahl der Stunden begrenzt, die du arbeiten kannst. Ich wollte Produkte entwickeln, die sich unabhängig von meiner persönlichen Arbeitsleistung skalieren lassen.

Rafael Kugel: Genau das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse, die wir auch unseren Startups vermitteln. Solange dein Geschäftsmodell davon abhängt, dass du selbst jede Stunde arbeitest, kannst du nur begrenzt wachsen. Du musst irgendwann den Punkt erreichen, an dem das Produkt unabhängig von dir funktioniert.

Christian Rebernik: Genau. Danach habe ich mich auf Produktentwicklung konzentriert und unter anderem bei bwin erlebt, wie ein Unternehmen von rund 30 auf 3.000 Beschäftigte wächst. Das war eine unglaublich spannende Erfahrung. Du lernst, was Skalierung wirklich bedeutet, aber auch, welche Fehler man dabei machen kann.

Rafael Kugel: Ich glaube, es ist extrem wertvoll, einmal erlebt zu haben, wie sich wirklicher Markterfolg anfühlt. Viele Gründerinnen und Gründer können am Anfang überhaupt nicht einschätzen, ob ihr Produkt wirklich nachgefragt wird. Wenn du einmal erlebt hast, was passiert, wenn ein Produkt tatsächlich seinen Markt findet, hast du einen ganz anderen Maßstab.

Christian Rebernik: Absolut. Den Product-Market-Fit zu finden, ist etwas Besonderes. Du kannst eine gute Lösung für ein Problem entwickeln, aber dann musst du immer noch herausfinden, wer deine Kunden sind und wie du sie erreichst. Nicht jedes Unternehmen schafft diesen Schritt.

Ist künstliche Intelligenz die nächste Dotcom-Blase?

Rafael Kugel: Du hast die Dotcom-Blase selbst erlebt. Wenn du dir heute die Entwicklung der künstlichen Intelligenz anschaust, erkennst du da Parallelen? Sind wir wieder in einer Blase?

Christian Rebernik: Es gibt durchaus Parallelen. Das Internet war damals eine sogenannte General-Purpose-Technologie. Es hat Kommunikation, Vertrieb und Informationsbeschaffung grundlegend verändert. Plötzlich konntest du eine E-Mail praktisch kostenlos verschicken, während ein Brief vorher Geld gekostet hat.

Bei KI erleben wir heute etwas Ähnliches. Aufgaben, die früher sehr aufwendig waren, werden plötzlich um ein Vielfaches günstiger. Das hat enorme wirtschaftliche Auswirkungen.

Es gibt aber einen entscheidenden Unterschied zur damaligen Internetentwicklung: Heute sind die Menschen bereits bereit, für KI zu bezahlen. Wir sehen das bei ChatGPT, aber auch bei Unternehmen, die KI in ihren Prozessen einsetzen. Die Kunden erkennen den Wert und bezahlen dafür.

Natürlich fließen momentan gewaltige Summen in die Entwicklung neuer Modelle. Ob sich jede dieser Investitionen jemals rechnen wird, ist eine andere Frage. Aber ich glaube nicht, dass KI nur ein Hype ist. Dafür schafft sie bereits heute zu viel konkreten Nutzen.

Rafael Kugel: Ich habe außerdem den Eindruck, dass KI viel tiefer in bestehende Geschäftsmodelle eingreift als das Internet damals. Beim ersten Internetboom ging es oft darum, neue Vertriebswege aufzubauen oder Informationen online verfügbar zu machen. KI verändert dagegen die eigentlichen Prozesse.

Christian Rebernik: Das stimmt. Allerdings sehe ich einen großen Unterschied zwischen Startups und etablierten Unternehmen. Startups können ihre Geschäftsmodelle von Anfang an auf KI aufbauen. Große Unternehmen versuchen dagegen häufig, bestehende Prozesse mit KI zu verbessern.

Das ist nicht dasselbe. Wenn du eine Organisation wirklich transformieren möchtest, reicht es nicht, den Mitarbeitenden neue Tools zur Verfügung zu stellen. Du musst auch Rollen, Prozesse und die gesamte Organisation verändern. Und genau das fällt vielen Unternehmen schwer.

Wie kommt man auf die Idee, eine eigene Universität zu gründen?

Rafael Kugel: Jetzt hast du ein Studium abgebrochen, selbst Software entwickelt, das Wachstum großer Unternehmen erlebt und warst später am Aufbau von N26 beteiligt. Und dann entscheidest du dich, eine Hochschule zu gründen. Wie passiert so etwas?

Christian Rebernik: Dazwischen habe ich tatsächlich noch einiges gemacht. Bei N26 war ich Geschäftsführer und CTO und habe gelernt, wie man eine digitale Bank in einem stark regulierten Umfeld aufbaut. Später habe ich an einer digitalen Gesundheitsakte mitgearbeitet, gemeinsam mit der Allianz und zahlreichen Krankenkassen.

Dabei ging es immer darum, zwei Welten miteinander zu verbinden: die Möglichkeiten digitaler Technologien und die Anforderungen etablierter, regulierter Systeme.

Der eigentliche Anstoß für die Tomorrow University kam dann während der Pandemie. Ich habe drei Kinder, und die waren damals alle zu Hause. Einer meiner Söhne hatte gerade Geschichtsunterricht über Berlin. Eigentlich ein wahnsinnig spannendes Thema. Aber der Lehrer hat einfach eine Stunde lang erzählt, und mein Sohn konnte sich kaum wach halten.

Da dachte ich: Das kann doch nicht sein. Wir haben in den vergangenen 20 Jahren Banken und das Gesundheitswesen digitalisiert, aber unsere Schulen funktionieren im Grunde noch genauso wie zu meiner eigenen Schulzeit.

Rafael Kugel: Nur dass wir früher noch auf unbequemen Holzstühlen sitzen mussten.

Christian Rebernik: Genau. Und gleichzeitig hat sich die Welt komplett verändert. Früher musste ich in eine Bibliothek gehen, Bücher suchen und mir Wissen aneignen, das ich später auswendig abrufen konnte. Heute haben wir praktisch das gesamte Wissen auf dem Smartphone verfügbar. Und mit KI wird der Zugang noch einfacher.

Deshalb müssen wir uns fragen, welche Fähigkeiten Menschen heute eigentlich brauchen. Ist das Auswendiglernen wirklich noch das Entscheidende? Oder müssen wir ganz anders lernen?

Ich habe dann meinen Mitgründer Thomas kennengelernt, der aus dem Bildungsbereich kommt und die Herausforderungen bestehender Hochschulen von innen kannte. Gemeinsam haben wir uns intensiv mit der Lernforschung beschäftigt und überlegt, wie man daraus ein neues Hochschulmodell entwickeln kann.

Drei Prinzipien für eine neue Art des Lernens

Rafael Kugel: Was sind denn die wichtigsten Erkenntnisse aus dieser Lernforschung? Was macht ihr konkret anders?

Christian Rebernik: Für uns sind drei Dinge entscheidend. Das erste ist anwendungsorientiertes Lernen. Ich lerne nicht einfach Theorie auswendig, sondern arbeite an einer konkreten Herausforderung, einer sogenannten Challenge. Ich wende das Gelernte unmittelbar an, entwickle Lösungen und kann mein Wissen vielleicht sogar an andere weitergeben.

Bewertet wird dann nicht, ob ich etwas auswendig wiedergeben kann, sondern welche Kompetenzen ich tatsächlich erworben habe.

Rafael Kugel: Das erinnert mich an meine eigene Schulzeit. Ich war auf einer Waldorfschule, und wir hatten einmal ein Projekt mit einer englischen Partnerschule. Die wollten ein Schulgebäude bauen, und unsere Aufgabe war es, das Grundstück zu vermessen und einen Geländeplan zu erstellen.

Wir sind also mit einem Theodoliten über das Gelände gelaufen und haben plötzlich verstanden, wozu wir Sinus und Cosinus brauchen. Wir hatten ein konkretes Ziel und mussten uns das Wissen aneignen, um dieses Ziel zu erreichen.

Das ist bei mir bis heute hängen geblieben. Ganz anders als eine Formel, die man für eine Prüfung auswendig lernt und danach wieder vergisst.

Christian Rebernik: Genau das ist der Punkt. Du lernst dabei nicht nur Mathematik. Du lernst, Probleme zu lösen, mit anderen zusammenzuarbeiten, zu kommunizieren und unterschiedliche Fähigkeiten miteinander zu verbinden.

Das zweite Prinzip ist soziales Lernen. Wir Menschen sind soziale Wesen und lernen besonders gut miteinander und voneinander. Wenn ich anderen etwas erkläre, merke ich häufig selbst erst, wo ich etwas noch nicht verstanden habe.

Deshalb organisieren wir Lernen bewusst als gemeinschaftlichen Prozess.

Und das dritte Prinzip ist die Individualisierung. Menschen sind unterschiedlich. Sie haben verschiedene Interessen, Fähigkeiten und Ziele. Warum sollten alle genau dasselbe lernen und auf dieselbe Weise geprüft werden?

Wir versuchen deshalb, das Studium möglichst stark an den individuellen Zielen der Studierenden auszurichten.

„Was willst du eigentlich mit deinem Leben machen?“

Rafael Kugel: Wie funktioniert diese Individualisierung konkret?

Christian Rebernik: Das beginnt bei uns mit der sogenannten Mission Identification. Gleich zu Beginn des Studiums beschäftigen sich die Studierenden mit der Frage, was sie eigentlich erreichen wollen, welche Werte sie haben und welchen Beitrag sie leisten möchten.

Rafael Kugel: Meinst du damit, was sie während des Studiums erreichen wollen, oder tatsächlich im Leben?

Christian Rebernik: Im Leben. Das ist die entscheidende Frage. Ausgehend davon überlegen wir, welche Kompetenzen jemand benötigt, um seine Ziele zu erreichen. Daran orientieren wir dann die Lerninhalte und die Challenges.

Wenn du beispielsweise ein Geschäftsmodell entwickeln sollst und dich für die Energiewirtschaft interessierst, dann entwickelst du ein Geschäftsmodell für diesen Bereich. Andere Studierende bearbeiten dieselbe Kompetenz mit ganz anderen Themen.

Rafael Kugel: Ich finde das bemerkenswert. Ich habe selbst an einer Berliner Hochschule Entrepreneurship unterrichtet und Studierende in höheren Semestern gefragt, was sie eigentlich mit ihrem Leben machen wollen.

Für einige war das eine unglaublich schwierige Frage. Teilweise hatten sie sich noch nie ernsthaft damit beschäftigt. Und ihr stellt genau diese Frage ganz an den Anfang.

Eigentlich müsste man das schon viel früher machen, vielleicht bereits in der Schule. Denn wenn ich weiß, was ich erreichen möchte, habe ich eine ganz andere Motivation zu lernen.

Christian Rebernik: Absolut. Und natürlich kann sich diese Mission während des Studiums verändern. Das ist völlig normal. Aber es ist wichtig, überhaupt eine Richtung zu haben.

Wir bilden außerdem sogenannte Mission Groups. Das sind Gruppen von meist etwa zehn Studierenden, die sich während des gesamten Studiums begleiten. Sie tauschen sich regelmäßig über ihre Ziele, Fortschritte und Schwierigkeiten aus.

Das müssen nicht Menschen mit denselben Zielen sein. Du könntest beispielsweise daran arbeiten, ein Startup-Ökosystem aufzubauen, während ich Bildung verändern möchte. Trotzdem können wir uns gegenseitig unterstützen, Erfahrungen austauschen und uns motivieren, dranzubleiben.

Rafael Kugel: Dadurch entstehen wahrscheinlich Netzwerke mit einer ganz anderen Tiefe als an einer klassischen Hochschule. Wenn ich mich über Jahre mit Menschen darüber austausche, was ich wirklich erreichen möchte, entsteht doch eine besondere Verbindung.

Christian Rebernik: Genau. Und ich glaube, dass Hochschulen in Zukunft viel stärker Netzwerke sein müssen. Es reicht nicht, Wissen zu vermitteln und die Studierenden anschließend wieder nach Hause zu schicken.

Wir wollen, dass Menschen nach ihrem Studium nicht nur Kompetenzen erworben haben, sondern auch ein Netzwerk besitzen, das sie auf ihrem weiteren Weg unterstützt.

Wie funktioniert das Studium in der Praxis?

Rafael Kugel: Nehmen wir an, ich möchte bei euch studieren. Wie läuft das konkret ab?

Christian Rebernik: Wir bieten Bachelor-, Master- und MBA-Studiengänge an, unter anderem in den Bereichen künstliche Intelligenz, Entrepreneurship, Nachhaltigkeit und Psychologie.

Unsere Studiengänge sind grundsätzlich so gestaltet, dass man sie gut berufsbegleitend absolvieren kann. Die Studierenden nutzen unsere digitale Lernplattform und haben jede Woche eine gemeinsame Live-Session mit ihrer Kohorte.

Dazwischen können sie ihre Lernzeiten flexibel einteilen. Wir setzen dabei bewusst nicht auf stundenlange aufgezeichnete Vorlesungen, sondern auf interaktive Lernformate und konkrete Aufgaben.

Rafael Kugel: Also nicht einfach ein Video anschauen, bei dem man nach einer halben Stunde einschläft?

Christian Rebernik: Genau. Es geht darum, selbst aktiv zu werden. Unsere Kurse dauern normalerweise drei bis fünf Wochen und finden nacheinander statt. Du konzentrierst dich also auf eine Challenge, statt fünf verschiedene Kurse gleichzeitig bearbeiten zu müssen.

Dazu kommen viermal im Jahr unsere sogenannten Emergence-Events. Das sind mehrtägige Treffen in verschiedenen europäischen Städten. Dort kommen Studierende unterschiedlicher Studiengänge zusammen, arbeiten in Workshops, hören Vorträge, diskutieren und feiern natürlich auch gemeinsam.

Zusätzlich organisieren die Studierenden lokale Treffen in Städten, in denen mehrere von ihnen leben.

Rafael Kugel: Das klingt fast wie eine Mischung aus Hochschule, Festival und internationalem Netzwerk.

Christian Rebernik: Ja, und genau diese Gemeinschaft ist unglaublich wichtig. Viele Menschen denken bei einem Onlinestudium zunächst, dass sie alleine vor ihrem Computer sitzen. Wir wollen das Gegenteil erreichen.

Rafael Kugel: Und am Ende schreibe ich eine klassische Abschlussprüfung?

Christian Rebernik: Nein, nicht in dieser Form. Das Studium ist in verschiedene Entwicklungsphasen gegliedert. Am Anfang steht die persönliche Orientierung. Danach werden Kompetenzen aufgebaut und anschließend in größeren gemeinsamen Projekten angewendet.

In der letzten Phase entsteht dann die Abschlussarbeit. Das kann beispielsweise ein Gründungs- oder Innovationsprojekt sein. Die Studierenden entwickeln eine Hypothese, setzen ihr Projekt um, dokumentieren die Ergebnisse und reflektieren den Prozess wissenschaftlich.

Rafael Kugel: Die wissenschaftliche Leistung besteht also darin, dass ich mein eigenes Handeln methodisch untersuche, überprüfe und reflektiere.

Christian Rebernik: Genau. Und am Ende steht ein regulärer Bachelor-, Master- oder MBA-Abschluss.

Erfolg ist mehr als ein höheres Gehalt

Rafael Kugel: Wie viele Studierende habt ihr inzwischen, und was machen eure Absolventinnen und Absolventen anschließend?

Christian Rebernik: Wir haben inzwischen mehr als 1.000 Studierende und ungefähr 300 Absolventinnen und Absolventen. Wir haben auch eine Alumni-Befragung durchgeführt. Dabei haben wir gesehen, dass etwa 17 Prozent unserer Alumni gründen.

Viele andere entwickeln sich beruflich weiter oder übernehmen Führungspositionen.

Für uns ist aber eine andere Frage besonders wichtig: Machen unsere Absolventinnen und Absolventen tatsächlich das, was sie interessiert und was sie erreichen möchten?

Wir wollen Erfolg nicht nur daran messen, ob jemand anschließend mehr Geld verdient.

Rafael Kugel: Da sind wir bei einer fast philosophischen Frage: Was ist überhaupt ein erfolgreiches Leben?

Für den einen bedeutet Erfolg, viel Geld zu verdienen. Für jemand anderen ist es vielleicht wichtig, möglichst viel Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Wieder jemand anderes möchte die Welt kennenlernen.

Jeder hat seinen eigenen Maßstab. Deshalb finde ich es so wichtig, dass man sich zunächst selbst kennenlernt und herausfindet, was man eigentlich erreichen möchte.

Christian Rebernik: Genau. Und viele unserer Studierenden beschreiben diesen Prozess als transformativ. Es geht nicht nur darum, Wissen aufzubauen, sondern auch darum, persönlich zu wachsen, Herausforderungen zu überwinden und sich weiterzuentwickeln.

Das ist nicht immer einfach. Aber genau darin liegt für viele der eigentliche Wert des Studiums.

Warum die Tomorrow University nach Wildau kommt

Rafael Kugel: Ihr seid eine internationale, digital organisierte Hochschule. Eure Studierenden und Mitarbeitenden sitzen an ganz unterschiedlichen Orten. Jetzt habt ihr euch entschieden, auch in Wildau einen Standort aufzubauen. Warum gerade hier?

Christian Rebernik: Wildau bietet eine sehr interessante Kombination. Wir haben die Nähe zu Berlin und zum Flughafen BER, eine gute Infrastruktur, interessante Talente und ein spannendes Ökosystem.

Für uns kommt außerdem ein neuer Entwicklungsschritt hinzu. Wir haben in den vergangenen Jahren eine eigene digitale Lernplattform aufgebaut und gezeigt, dass unser Hochschulmodell funktioniert.

Jetzt wollen wir diese Technologie perspektivisch auch anderen Hochschulen zur Verfügung stellen.

Dafür haben wir ein spannendes, auch von der EU gefördertes Projekt, an dem wir hier in Wildau arbeiten. Hier haben wir unsere Softwareentwickler, die sich mit der Frage beschäftigen, wie wir unsere Technologien so weiterentwickeln können, dass auch andere Hochschulen davon profitieren.

Rafael Kugel: Das heißt, ihr entwickelt hier eine Art White-Label-Lösung für andere Hochschulen?

Christian Rebernik: Genau. Dabei beschäftigen wir uns mit zwei wesentlichen Themen. Einerseits wollen wir anderen Hochschulen ermöglichen, Challenge-Based Learning einfacher umzusetzen. Mithilfe künstlicher Intelligenz könnten Lehrende beispielsweise dabei unterstützt werden, gute, kompetenzorientierte Lernaufgaben zu entwickeln.

Das ist allerdings anspruchsvoll. Solche Systeme müssen zuverlässig sein, dürfen keine falschen Informationen liefern und müssen die Anforderungen der jeweiligen Studienprogramme erfüllen.

Das zweite Thema ist die individuelle Lernbegleitung. Stell dir vor, du bist Professor und hast 300 Studierende in einer Vorlesung. Du kannst nicht jederzeit für jeden Einzelnen da sein.

Wir arbeiten deshalb an der Idee eines digitalen Zwillings eines Professors, der den Studierenden rund um die Uhr zur Verfügung steht.

Rafael Kugel: Also ein KI-Professor, den ich jederzeit fragen kann?

Christian Rebernik: Ja, aber mit einem wichtigen Unterschied: Er soll nicht einfach die fertigen Antworten liefern. Er soll durch Fragen helfen, dass die Studierenden selbst auf die Lösung kommen.

Wir müssen dabei natürlich Themen wie Halluzinationen und Verzerrungen durch KI berücksichtigen. Aber wenn uns das gelingt, könnten wir die individuelle Betreuung von Studierenden deutlich verbessern.

Rafael Kugel: Ich glaube, Wildau ist dafür ein ziemlich guter Standort. Wir befinden uns hier im Dreieck zwischen Adlershof, BER und Tesla, haben die Nähe zur Lausitz mit ihren Energie- und Mobilitätsthemen und gleichzeitig eine starke wissenschaftliche Infrastruktur.

Dazu kommen Wasser, Wald und die Lebensqualität Brandenburgs. Ich sage immer, Wildau ist noch ein bisschen ein ungeschliffener Diamant, aber mit enormem Potenzial.

Christian Rebernik: Das sehe ich ähnlich. Es ist eine wirklich gute Kombination aus Talenten, Infrastruktur und einem überschaubaren, aber spannenden Ökosystem. Und man spürt hier, dass etwas entsteht.

Wenn Studierende an den Problemen von Startups arbeiten

Rafael Kugel: Ich sehe da auch unmittelbar Möglichkeiten zur Zusammenarbeit. Wir betreuen im Reaktor Wildau Startups mit ganz konkreten Herausforderungen. Könnten wir diese Aufgaben nicht mit euren Challenges verbinden?

Christian Rebernik: Absolut. Wir machen das bereits mit Unternehmen. Ein Beispiel ist DPD mit der Frage, wie Logistik nachhaltiger und effizienter gestaltet werden kann.

Unsere Studierenden beschäftigen sich dann mit solchen realen Problemstellungen und entwickeln Lösungsansätze. Das ist für beide Seiten interessant. Die Unternehmen erhalten neue Perspektiven, und die Studierenden arbeiten an tatsächlichen Herausforderungen.

Rafael Kugel: Wenn jetzt beispielsweise eines unserer Startups wie Boomerent oder MOVOLTA eine Challenge einbringen möchte, wie würde das funktionieren?

Christian Rebernik: Am besten sprechen die Gründerinnen und Gründer direkt mit uns. Dann schauen wir gemeinsam, welche konkrete Fragestellung dahintersteht, wie wir sie sinnvoll eingrenzen können und wie die Studierenden daran arbeiten könnten.

Die Herausforderungen können sehr unterschiedlich sein. Es kann darum gehen, ein bestehendes Produkt auf einen neuen Markt zu übertragen, neue Anwendungsfälle zu identifizieren oder ein Geschäftsmodell weiterzuentwickeln.

Rafael Kugel: Und wie lange dauert so etwas?

Christian Rebernik: Das hängt von der Aufgabenstellung ab. Kürzere Challenges können drei Wochen dauern, größere Projekte auch drei Monate. Wir machen außerdem Hackathon-Formate, die nur einen Tag dauern. Auch dabei können bereits interessante Prototypen entstehen.

Rafael Kugel: Das finde ich gerade für Startups spannend. Drei Wochen sind ein überschaubarer Zeitraum, in dem man eine konkrete Frage bearbeiten kann.

Wir haben außerdem gerade das Brandenburg Investors Network gestartet. Dabei geht es darum, erfahrene Unternehmerinnen und Unternehmer mit Startups zusammenzubringen.

In Brandenburg gibt es viele Menschen, die über Jahrzehnte Unternehmen aufgebaut haben, über große Netzwerke verfügen und vielleicht inzwischen ihre Unternehmen übergeben haben. Wir wollen diese Menschen stärker für die Zusammenarbeit mit Startups gewinnen.

Könnte man daraus eine Challenge entwickeln? Beispielsweise die Frage, wie man diese Menschen erreicht, miteinander vernetzt und geeignete Formate für die Zusammenarbeit schafft?

Christian Rebernik: Ja, das kann ich mir sehr gut vorstellen. Man könnte beispielsweise einen Prototyp für eine digitale Plattform entwickeln, über die sich diese Menschen finden, vernetzen und miteinander kommunizieren können.

Das wäre eine spannende Herausforderung für Studierende, gerade weil sie ein reales Problem lösen könnten.

Rafael Kugel: Genau solche Verbindungen wollen wir hier schaffen. Es geht nicht nur darum, Startups zu betreuen, sondern ein Ökosystem aufzubauen, in dem Hochschulen, Unternehmen, Investoren und Gründer miteinander arbeiten.

Welche Fähigkeiten brauchen Menschen im KI-Zeitalter?

Rafael Kugel: Wenn wir noch einmal auf die Zukunft der Bildung schauen: Künstliche Intelligenz wird beim Abrufen und Verarbeiten von Wissen immer leistungsfähiger. Eigentlich müssen wir uns doch fragen, was uns als Menschen in Zukunft besonders auszeichnet.

Christian Rebernik: Genau. Die Fähigkeiten, die wir brauchen, verändern sich. Es geht weniger darum, möglichst viel Wissen auswendig zu beherrschen, sondern darum, Probleme lösen zu können.

Kritisches Denken, Lernfähigkeit, Anpassungsfähigkeit, Kommunikation, Zusammenarbeit und Selbstführung werden immer wichtiger.

Das gilt übrigens nicht nur für Menschen, sondern auch für Organisationen. Früher konnte man einen Beruf erlernen und die gleichen Fähigkeiten über Jahrzehnte einsetzen. Heute verändert sich die Arbeitswelt viel schneller.

Deshalb müssen auch Hochschulen selbst anpassungsfähig bleiben.

Rafael Kugel: Ich glaube, wir dürfen dabei Kunst, Kultur und Kreativität nicht vergessen. Gerade wenn KI immer mehr Aufgaben übernimmt, werden doch die Fähigkeiten interessant, die über die reine Wissensverarbeitung hinausgehen.

Christian Rebernik: Absolut. Wir haben beispielsweise einen Studierenden aus Indonesien, der Musiker ist und bei uns KI studiert. Er nutzt künstliche Intelligenz, um seine Musik weiterzuentwickeln und sich künstlerisch auszudrücken.

Wir haben auch einen Arzt, der KI studiert. Gerade solche Kombinationen finde ich unglaublich spannend. Es geht darum, neue Technologien mit den eigenen Fähigkeiten und Interessen zu verbinden.

Ein neues Netzwerk für Wildau

Rafael Kugel: Zum Abschluss noch eine Frage: Wie können sich Menschen aus unserem Ökosystem bei euch einbringen? Kann man beispielsweise auch als Unternehmer oder Experte mitarbeiten?

Christian Rebernik: Sehr gerne. Wir arbeiten neben unseren Professorinnen und Professoren auch mit vielen Menschen aus der Praxis zusammen. Das können Gründer, Führungskräfte oder Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Branchen sein.

Wir haben beispielsweise Unternehmer aus der Technologiebranche zu Gast, die ihre Erfahrungen unmittelbar mit den Studierenden teilen.

Gerade dieses Erfahrungswissen ist unglaublich wertvoll. Außerdem freuen wir uns natürlich über Unternehmen und Startups, die interessante Challenges einbringen möchten.

Rafael Kugel: Das passt sehr gut zu unserem Ansatz im Reaktor Wildau. Uns geht es um Erfahrungswissen, nicht nur um Wissen aus Lehrbüchern. Menschen, die selbst Unternehmen aufgebaut, Fehler gemacht und Lösungen gefunden haben, können unglaublich viel weitergeben.

Ich finde es deshalb großartig, dass ihr jetzt in Wildau seid. Und ich muss sagen: Wenn ich dir so zuhöre, bekomme ich fast Lust, selbst noch einmal zu studieren.

Christian Rebernik: Das freut mich natürlich. Und wir freuen uns ebenfalls, hier zu sein. Was ich an Wildau besonders spannend finde, ist dieses Gemeinschaftsgefühl. Hier entsteht ein Ökosystem, in dem Menschen gemeinsam etwas aufbauen wollen.

Das spürt man, und ich glaube, genau das macht am Ende den Unterschied.

Rafael Kugel: Christian, vielen Dank für das Gespräch und herzlich willkommen in Wildau.

Christian Rebernik: Vielen Dank. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit.


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