„Spacs sind für mich das Zeichen einer völligen Überhitzung des Marktes“

Die Start-up-Welt ist im Spacs-Fieber. Warum Gründer Nils Seebach sie lieber ganz verbieten würde, erklärt er im Interview.

Als Seriengründer und Berater für digitale Strategien gibt es viele Themen, die Nils Seebach beschäftigen. Mit dem neuen Hype um Spacs, leere Börsenmäntel, die Start-ups den Weg aufs Parkett erleichtern, gibt es nun seit einigen Monaten ein weiteres. Kurz vor Ostern hat sich der ehemalige Investmentbanker noch etwas Zeit genommen und sitzt vor der Kamera seines Laptops. Seine Botschaft an die Start-up-Welt: Lasst die Finger von den Spacs. 

Herr Seebach, die deutsche Start-up-Gemeinde scheint gerade im absoluten Spacs-Fieber. Sie sind das nicht, warum eigentlich?

Spacs sind für mich das Zeichen einer völligen Überhitzung des Marktes. Wir leben derzeit in einer Start-up-Welt, in der es noch nie so einfach war, schnell an Geld zu kommen. Wir haben derzeit eine Überversorgung mit Kapital. 

Das dürfte der ein oder andere Gründer, gerade mit Blick auf Deutschland,  auch ganz anders sehen. Wie kommen Sie darauf?

Allein mit Blick auf Berlin jagt doch derzeit eine Finanzierungsrunde die nächste. Eine Finanzierung über mehr als 100 Millionen Euro war früher eine absolute Seltenheit, inzwischen kommt das immer häufiger vor. Es gibt derzeit mehr Kapital, als eigentlich gebraucht wird und das den vermeintlich großen Deals hinterherjagt. Das Geld muss inzwischen „irgendwo hin“, also bauen Investoren einen Börsenmantel auf; sie stecken es in Finanzprodukte, die eigentlich überhaupt keinen Sinn ergeben. Das Spacs-Volumen ist bereits so hoch – ich weiß gar nicht, welche Unternehmen die alle damit übernehmen wollen. Es ist ja nun wirklich nicht so, dass es eine Vielzahl von gut aufgestellten Firmen gibt, die nur auf eine Spac warten, um an die Börse zu gehen.

Sie sagen, dass solche Börsenmäntel nur Nachteile haben. Was meinen Sie damit?

Wenn ein Start-up über eine Spac an die Börse geht, gibt es im Vergleich zum klassischen Börsengang keine vernünftige Überprüfung des Geschäftsmodells. Es geht alles viel schneller. Man muss doch einmal hinterfragen, warum ein Start-up dieses Schnellvehikel nimmt. Das machen viele Unternehmen doch wahrscheinlich nur, weil sie für einen normalen Börsengang noch nicht weit genug sind. Ich gehe davon aus, dass eine Vielzahl von Start-ups, die über eine Spac an die Börse gehen, Unternehmen zweiter Klasse sind und die werden im Anschluss auch nicht erfolgreich sein. Darunter leiden zuerst die Privatanleger, die der Spac ihr Geld anvertraut und es schlimmstenfalls verloren haben. Im Anschluss gerät die Start-up-Szene in Verruf und es entwickelt sich eine Abwärtsspirale.

Ihre Bedenken scheinen viele Akteure der Start-up-Szene derzeit nicht zu haben. Wie erklären Sie sich das? 

Ich verstehe es auch nicht: Wenn ich zu einem Growth-Investor gehen kann, der Start-ups versteht, seine Expertise mit reinbringt, warum setze ich dann stattdessen auf eine Spac? Ein solcher Börsengang ist nur dann sinnvoll wenn ich möchte, dass da nicht ganz so genau hingeschaut wird. Die Chance, dass so ein Unternehmen im Anschluss krachend scheitert, ist hoch. Die einzige Notwendigkeit, die ich sehe, ist für Start-ups, die nicht über eine klassische Finanzierungsrunde Geld bekommen können, weil ihre Geschäftsidee gegen die Maßstäbe der Investoren spricht. Das mag zum Beispiel für Start-ups im Cannabis-Bereich gelten oder für junge Unternehmen in der Rüstungsindustrie. 

Hinter Spacs stehen oftmals berühmte Investoren, in den USA auch mal ein ehemaliger Politiker. Warum sollten die ihre Namen gefährden, in dem sie am Ende ein „Unternehmen zweiter Klasse“ übernehmen? 

Für mich sind das häufig vor allem die Glücksritter der Szene. Mal angenommen, ich wäre reicher Investor und wüsste ohnehin nicht so recht, wo ich mit meinem Geld derzeit hin soll – dann würde ich auch einen Teil davon nehmen und einen SPAC aufbauen. Wenn es am Ende klappt, ist das umso besser. Wenn nicht, ist es auch nicht schlimm. Das Problem, das ich dahinter sehe, ist eher das für Kleinanleger und Börsenanfänger, die denen ihr Geld ebenfalls anvertrauen.  

Wenn eine Spac nicht innerhalb von zwei Jahren ein Start-up übernimmt, bekommen die Anleger ihr Geld zurück. Warum ist das in Ihren Augen kein guter Schutz?

Weil ich davon ausgehe, dass der Spac-Manager lieber irgendein Unternehmen übernehmen wird, anstatt den Anlegern ihr Geld wiederzugeben. In der Börse spielen viele Leute mit, die geschützt werden müssen, weil sie eben keine Profis sind. Wenn dann auch noch ein Prominenter für eine Spac wirbt, suggeriert das unbedarften Anlegern eine Sicherheit, die einfach nicht vorhanden ist. 

Wären Sie die Finanzaufsicht, was würden Sie tun? 

Ich würde Spacs ganz verbieten. Und wenn ich mich dazu nicht durchringen kann, dann würde ich sie zumindest so stark reglementieren, dass für sie die gleichen Regeln gelten wie bei normal gelisteten Unternehmen. Die Frage für die Finanzaufsicht ist, ob sie Kleinanleger schützen möchte, dann geht es nur mit einem Verbot – oder ob sie den Markt insgesamt schützen möchte, dann braucht es mehr Regulierung. 

zur Person: Nils Seebach (Jg. 1982) ist Digital-Unternehmer, Investor und Aufsichtsrat. Als Serien-(Co-)Gründer von zwei Dutzend Unternehmen und Berater für digitale Strategien arbeitet er aktiv an der Digitalisierung Deutschlands. Heute ist er vor allem als CFO der strategischen Digitalberatung Etribes und als Gründer der Wald & Wiese Holding tätig.


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